Menschen aus der Minderheit

Auf den Spuren des geheimen Nachrichtendienstes, des Kalten Kriegs und der Olsen-Bande

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Gese Friis Hansen an ihrem Arbeitsplatz in Odense

Die Nordschleswigerin Gese Friis Hansen studierte erst Deutsch. Nach einem zweijährigen Abstecher als Volontärin beim „Nordschleswiger“ in Tondern landete sie wieder an der Uni in Aarhus. Obwohl sie nichts über Züge weiß, arbeitet sie heute im Eisenbahnmuseum in Odense.

Von 1993 bis 1995 mischte sie mit ihrer Frische, ihrer unkomplizierten Art und ihrer feuerroten Lockenpracht die Lokalredaktion des „Nordschleswigers“ in Tondern auf. Doch ihr weiterer beruflicher Weg sollte die Zeitungsvolontärin Gese Friis Hansen, die auf dem Hof Flesborg zwischen Lügumkloster (Løgumkloster) und Bredebro aufwuchs, nicht beim Journalismus landen lassen. 

Sie machte ihr Abitur am Gymnasium in Tondern. Nach einem abgebrochenen Deutschstudium in Aarhus und der Zwischenlandung bei der Zeitung ging es zurück in die jütische Universitätsstadt. Geschichte wollte die heute 53-Jährige studieren. Vor, während und nach dem Studium lernte sie die Stadt ihres Herzens kennen. „Ich bin zwar in Nordschleswig geboren, doch die Stadt meines Herzens ist und bleibt Aarhus. Ich habe dort zehn Jahre gelebt“, erzählt sie schwärmerisch.

Töchter lernten sønderjysk

„Obwohl mein Ex-Mann Christian auch aus Nordschleswig kommt, sprach nur ich sønderjysk mit den Mädchen. Sie beherrschen also die Sprache. Sønderjysk ist meine Muttersprache, nicht Deutsch. Als die Mädchen vom Kindergarten nach Hause kamen, erzählten sie zu Hause erstaunt, dass man dort nicht einmal wusste, was pusser (Hausschuhe) oder eine Dusche waren“, lacht die Mutter der bald 20 Jahre alten Elisabeth und Kristine, 16 Jahre alt.

Sie ist sich ihrer deutsch-nordschleswigschen Wurzeln sehr bewusst. Der Vorteil beim Aufwachsen in der deutsch-dänischen Grenzregion sei, dass man immer zwei Perspektiven habe, an Themen oder Probleme heranzutreten. Man könne die Seiten gegeneinander abwägen.

Gese Friis Hansen und der Amerikaner Darius Azari sind seit vier Jahren ein Paar.

Ein Bein in jedem Lager

„Ich weiß aber auch, dass ich immer ein Bein in jedem Lager haben werde. In Dänemark werde ich nie eine richtige Dänin, sondern die Deutsche sein. Gleiches gilt in Deutschland. Da bleibe ich immer die Dänin. Ich liebe Noldes Landschaft an der Westküste. Die findet man sonst nirgendwo anders. Ich fahre immer gerne nach Nordschleswig, aber genauso froh wieder zurück nach Odense. Ich fühle mich hier sehr wohl“, erzählt die Historikerin.

Forschungsassistentin der PET-Kommission

Die 53-Jährige hat während ihres Berufslebens Spannendes erlebt. Beispielsweise als Forschungsassistentin der Kommission, die zur Jahrtausendwende ihre Arbeit aufnahm. Sie sollte den polizeilichen Nachrichtendienst PET (Politiets Efterretningstjeneste) unter die Lupe nehmen. Die Untersuchungskommission wurde 1999 von einer Mehrheit im Folketing gegründet.

Im Visier hatte der Nachrichtendienst unter anderem die deutsche Minderheit in Nordschleswig während und nach Kriegsende. Auch wer Abonnent des „Nordschleswigers“ war, wurde ausspioniert. Gleiches galt für Mitglieder der Minderheit, die mit der deutschen Wehrmacht zusammengearbeitet oder bei der SS im Kriegsdienst gestanden hatten. Bei ihrer Forschungsarbeit hat sie besonders viele Zeitungsartikel aus der „Nordschleswigschen Zeitung“ und dem „Nordschleswiger“ gesichtet.

PET-Mitarbeiter zum Knivsbergfest

PET habe noch mehrere Jahre nach Kriegsende Mitarbeiter zum Knivsbergfest geschickt. Auch hervortretende Persönlichkeiten der Minderheit wurden vom Nachrichtendienst überwacht. Erst Ende der 1940er- bis Anfang der 1950er-Jahre hat PET aufgehört, die Minderheit zu überwachen, erzählt Gese Friis Hansen. Zehn Jahre nach der Gründung hatte die Kommission ihre Arbeit beendet.

Der Haderslebener Kreis

Die Vorgänge in der Minderheit vor, während und nach dem Krieg beschäftigten Gese Friis Hansen auch, als sie eine Abhandlung über den Haderslebener Kreis schrieb, der sich während der Kriegswirren Gedanken über die Zukunft der Minderheit machte. Unter der Leitung von Tabakhändler Matthias Hansen setzten sich im Kriegsjahr 1943 Persönlichkeiten aus dem Raum Hadersleben zusammen und verfassten die Loyalitätserklärung gegenüber dem dänischen Königshaus und dem dänischen Staat. 

Die einst erhoffte Grenzrevision wurde aufgegeben. Damit sollte der Grenzkampf ein Ende haben. Friis Hansens Beitrag trug den Titel „Das alte up ewig ungedeelt hört ein für alle Mal auf – Der Haderslebener Kreis und der Kampf um die Loyalität“.

Kalter Krieg an authentischem Schauplatz erzählt

Das U-Boot Spækhuggeren, das bis ins Jahr 1989 in der Ostsee patrouillierte, kam im Jahr 2022 ins Langelandsfortet.

2011 begann sie als Mitarbeiterin des Langelandmuseums oder vielmehr der originalen, dänischen Landbefestigungsanlage Langelandsfortet an der Südspitze Langelands. Für Vermittlung und Vermarktung war sie zuständig. „Aufgrund meiner Zeit in der PET-Kommission hatte ich mir reichlich Wissen über diese Zeit angeeignet“, erzählt sie.

Auch an ihrem neuen Arbeitsplatz ging es um Spionage, Verteidigung, Krieg, Dänemarks Verteidigung auf Angriffe der Warschauer-Pakt-Staaten, unterirdische Bunker und Abhöraktionen. „Es war eine wirklich spannende Zeit und ich habe auch an Ausstellungen mitarbeiten dürfen“, reflektiert Gese Friis Hansen, bevor sie entsprechend begeistert von ihrer jetzigen beruflichen Station erzählt. Das Eisenbahnmuseum in Odense.

Keine Ahnung von Eisenbahnen

Eine Expertin sei sie auf diesem Gebiet keinesfalls. „Ich habe gar keine Ahnung von Eisenbahnen“, lacht sie. „Das Interessante ist, dass ich hier selbst Ausstellungen zusammenstellen und selbstständig arbeiten darf. Ich arbeite auch als eine Art Archivarin und Bibliothekarin und verwalte historische Dokumente der Dänischen Staatsbahnen und Briefe von DSB-Angestellten.“

Zum 50-jährigen Bestehen des Museums bereitete sie im vergangenen Jahr eine Ausstellung über das Kleingaunertrio Olsen-Bande vor und den Film Olsen Banden på sporet, mit Ove Sprogø, Morten Grunwald und Poul Bundgaard in den Hauptrollen.

Die Museumsmitarbeiterin und ein begeisterter Olsen-Banden-Fan, Peter Schmidt aus Ohrdruf. Er nahm wegen der Ausstellung den langen Anfahrtsweg von Thüringen bis nach Odense auf sich.

Nicht fehlen durfte der charakteristische orangefarbene Rangiertraktor, den die Bande nutzte, um einen Tresorwagen mit Goldbarren zu stehlen und ihn über die dänischen Staatsbahngleise zu transportieren. 

„Zur Ausstellung reiste extra ein ostdeutscher Olsen-Banden-Fanklub an. Die Gäste waren begeistert, als sie den Rangiertraktor wiedererkannten“, erzählt Gese Friis Hansen. Die Filme erfreuten sich in Ostdeutschland großer Popularität. Sie freute sich sehr darüber, dass der Sohn von Schauspieler Ove Sprogøe (im Film Egon Olsen) die Ausstellung besuchte, die auch Häuser aus der Filmkulisse, Requisiten und Kostüme umfasste. Diese Aufgabe habe ihr großen Spaß gemacht. Das gilt für ihre heutige Arbeit generell, die mehr als das Sichten verstaubter und vergilbter Dokumente sei. 

Der Rangiertraktor übt eine große Anziehungskraft auf Fans der Olsen-Bande aus.

Rückkehr ausgeschlossen

Zu einem späteren Zeitpunkt nach Nordschleswig zurückzukehren, ist für Gese Friis Hansen keine Option, auch nicht nach Aarhus. Sie fühle sich in Odense wohl, besonders nachdem sie hier in eine Wohngemeinschaft gezogen ist. 

Seit jeher habe sie das Leben in Studentenwohnheimen genossen. Nun sei sie in eine Wohngemeinschaft eingezogen. „Das ist wie ein Kollegium für Erwachsene mit unter anderem Gemeinschaftsräumen und einem gemeinsamen Garten“, erläutert die Nordschleswigerin, deren amerikanischer Freund Darius Azari ihretwegen nach Dänemark gezogen ist. Seit vier Jahren sind sie ein Paar.