Leitartikel

„Zukunft der Minderheiten: Eine reine Männersache?“

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FUEN-Präsidentschaft: Wo bleiben die Frauen? Mit Gösta Toft und Jens A. Christiansen bewerben sich zwei verdiente, aber eben auch zwei männliche Pensionäre aus dem Grenzland um den wichtigen Posten. Cornelius von Tiedemann über verpasste Chancen, fehlende Vielfalt und die Frage, warum die nächste Generation nicht zum Zuge kommt.

Das deutsch-dänische Grenzland kann froh sein. Wenn die Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) im kommenden Jahr eine neue Spitze wählt, stehen gleich zwei hochkarätige Kandidaten aus unserer Region zur Wahl: Gösta Toft für die deutsche Minderheit in Dänemark und Jens A. Christiansen für die dänische Minderheit in Deutschland. Das zeugt vom Gewicht und vom Engagement, das unser Grenzland in die europäische Minderheitenarbeit einbringt.

Insbesondere die Kandidatur von Gösta Toft ist für Nordschleswig eine erfreuliche Nachricht. Mit seiner progressiven Haltung, seiner jahrzehntelangen Erfahrung und seiner hervorragenden Vernetzung, gerade in Richtung Osteuropa, wäre er der ideale Brückenbauer in einer Zeit, in der Europas Minderheiten vor gewaltigen Herausforderungen stehen. An den fachlichen und persönlichen Qualifikationen beider Kandidaten gibt es nichts zu rütteln.

„Wo bleiben die Frauen?“

Und doch hinterlässt diese Konstellation einen faden Beigeschmack und wirft eine entscheidende Frage auf: Was ist eigentlich los im Grenzland? Wieder einmal sind es zwei verdiente Pensionäre, zwei, mit Verlaub, „alte, weiße Männer“, die für einen der wichtigsten Posten im europäischen Minderheitenschutz ins Rennen gehen.

Unweigerlich stellt sich die Frage: Wo bleiben die Frauen? Wo sind die jüngeren, ambitionierten Kräfte?

Haben der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN), die Schleswigsche Partei (SP) und nicht zuletzt die AG Gleichstellung das Thema Vielfalt und Nachwuchsförderung auf Europa-Ebene einfach nicht auf dem Zettel gehabt?

Dabei mangelt es nicht an Potenzial. Man denke nur an eine Persönlichkeit wie Katharina Kley. Eine junge Frau, die sich mit den Jungen Spitzen im Kampf für offene Grenzen während der Corona-Pandemie eingesetzt hat und die durch ihre Vorstandsarbeit beim Jugendverband der EFA (Europäische Freie Allianz) über genau jene internationale Erfahrung verfügt, die es für ein solches Amt braucht. Sie ist nur ein Beispiel für eine Generation, die bereitsteht, aber offenbar nicht zum Zuge kommt – oder sich gar nicht erst aufdrängt?

Es geht um Glaubwürdigkeit und Repräsentanz

Hier geht es um mehr als nur um eine Personalie. Es geht um die Glaubwürdigkeit und die Zukunftsfähigkeit der deutschen Minderheit und der Minderheitenbewegung insgesamt. Wie können wir überzeugend für Vielfalt und Gleichberechtigung in Europa eintreten, wenn unsere eigene Führungsetage so schockierend homogen besetzt ist? Welches Signal senden wir an junge Menschen in unserer Minderheit, wenn Spitzenpositionen scheinbar für verdiente Männer (im Rentenalter) reserviert sind?

Gösta Toft als Präsident – das wäre zweifellos ein Gewinn für die FUEN. Das Problem ist nicht seine Kandidatur, sondern das Fehlen von Alternativen. Er selbst würde sich, wie wir ihn kennen, am meisten über Konkurrenz aus Nordschleswig freuen!

Das eigentliche Versäumnis liegt darin, dass es offenbar keine ernsthaften Bemühungen gab, eine Frau oder eine jüngere Person zu finden und aufzubauen. Die entscheidende Frage für die Zukunft lautet daher nicht nur, wer die FUEN führen soll, sondern wie wir in Nordschleswig die Weichen stellen, damit die Führungsetagen unserer Organisationen die Vielfalt widerspiegeln, für die wir kämpfen.

Im aktuellen FUEN-Präsidium sind sieben von acht Mitgliedern Männer. Soll die Zukunft der Minderheiten Europas auch nach 2025 eine fast reine Männersache bleiben?

Die Zeit, Antworten auf solche Fragen zu geben, drängt. Und wer, wenn nicht wir im privilegierten deutsch-dänischen Grenzland sollte sie finden?