Leitartikel

„Vereinssport im Wandel: Allein unterwegs statt gemeinsam erleben?“

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Der Vereinssport ist in diesen Jahren unter Druck, aber es gibt noch ungenutztes Potenzial, meint Chefredakteur Gwyn Nissen. Der Individualsport kann im Verein integriert werden.

Ein altes Sprichwort aus Nordschleswig besagt: Wenn sich zwei Menschen treffen, trinken sie einen gemeinsamen Kaffee. Wenn sich noch jemand dazugesellt, gründen sie einen Verein. Diese humorvolle Beobachtung trifft nicht nur auf das „Vereins-Dänemark“ zu – auch in Deutschland ist die Vereinskultur tief verwurzelt.

Doch das traditionelle Vereinsleben in den Sportklubs steht heute vor großen Herausforderungen. Einerseits fehlt es vielen Vereinen an ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, andererseits haben sich die Sportgewohnheiten der Menschen grundlegend verändert.

Der Trend geht deutlich in Richtung individueller Sportarten, die den klassischen Mannschaftssport zum Teil verdrängen. Das traditionelle Modell – Training dienstags und donnerstags um 19 Uhr plus Punktspiele am Wochenende – lässt sich für viele Menschen kaum noch mit modernem Arbeits- und Familienleben vereinbaren.

Stattdessen bevorzugen immer mehr Menschen flexible Alternativen: Radfahren, Wandern, Joggen oder ein Fitness-Abo mit freier Zeiteinteilung. Sport ohne feste Termine oder spontane Verabredungen mit Freunden passen besser in den heutigen Alltag.

Für die Vereine der deutschen Minderheit stellt sich eine zusätzliche Herausforderung: Bei beliebten Sportarten – insbesondere Fußball – fehlt schlicht die kritische Masse. Die kleinen Minderheitenvereine im ländlichen Raum können keine komplette Fußballmannschaft mehr aufstellen, und auch beim Handball gab es lange Schwierigkeiten. Lediglich der SC Saxburg/Bülderup und der SV Tingleff können dank Kooperationen mit dänischen Nachbarvereinen noch Handball anbieten.

Als Alternative setzt die Minderheit mit dem Deutschen Jugendverband für Nordschleswig verstärkt auf Faustball als Mannschaftssport und auf andere Randsportarten.

Die Vereine der Minderheit zeigen bereits viel Kreativität, um bestehende Mitglieder zu halten und neue zu gewinnen. Erfolgreiche Beispiele gibt es viele: Faustball in ganz Nordschleswig, Rhönrad in Sonderburg, Kajak in Saxburg, Fußball-Fitness in Hadersleben, generationenübergreifendes Tischtennis in Nordschleswig und Ü60 in Tingleff, vielfältige Angebote in den Ruderklubs sowie Kinder-Yoga im Landesteil.

Die Vereine der Minderheit profitieren dabei – im Gegensatz zu den dänischen Vereinen – vom Angebot des Jugendverbandes, der eigens dafür Sportlehrerinnen und -lehrer zur Verfügung stellt.

Dagegen hilft Nostalgie nicht weiter. Auch wenn in diesem Fall früher manches wirklich besser gewesen sein mag – die Sportvereine müssen sich der neuen Realität stellen.

Zukunftsweisende Ansätze könnten bei den großen Sportarten neue Kooperationen mit den dänischen Nachbarvereinen sein oder die Individualsportarten im Verein aufzugreifen, um gemeinsame Lauf-, Rad- oder Wandergruppen zu bilden. Viele Vereinshäuser – wie die Sporthalle in Tingleff und verschiedene Rudervereine – verfügen außerdem über eigene Fitnessräume. Diese bieten ebenfalls die Möglichkeit, neben dem individuellen Training auch Raum für Gemeinschaftserlebnisse zu schaffen.

Der Erfolg solcher Initiativen hängt maßgeblich von engagierten Einzelpersonen ab – ob hauptamtlich angestellt oder ehrenamtlich aktiv: Christian Flader beim Tischtennis zum Beispiel, Hans Martin Asmussen, Thore Naujeck und weitere beim Faustball, Edgar Claussen beim Rhönrad, Rolf Andresen beim Kajak oder Olga März beim Yoga – sie alle zeigen, wie man Menschen wieder zusammenbringen kann.

Für die Minderheitenvereine liegt hier noch ungenutztes Potenzial. Es ist zwar eine anspruchsvolle Aufgabe, aber sie ist essenziell, um der Minderheit eine sportliche Zukunft zu sichern.