Leitartikel

„USA-Boykott: Eine Frage des Anstands?“

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Produkte aus Amerika vermeiden: Was hat das denn nun wieder mit Nordschleswig zu tun? Ziemlich viel, meint Cornelius von Tiedemann. Denn die Diskussion darüber bietet uns die Chance, uns zu besinnen, wo wir hinwollen – ganz persönlich, aber auch als Gesellschaft im Grenzland, in Dänemark und Europa.

Kürzlich verwandelte sich ein Spaziergang durch die Flensburger Einkaufsmeile in eine ernüchternde Einsicht. Umgeben von einem bunten, regionalen Angebot in Hülle und Fülle sah ich einen Amazon-Lieferwagen mitten in der Fußgängerzone stehen.

Hier leben Menschen in einer Symbiose aus Öffentlichkeit und Privatem, Konsum und Kultur. Das zeichnet Städte, die als besonders lebenswert gelten, noch immer aus. Der Lieferwagen hingegen? Ein Bild dafür, wie Bequemlichkeit zum Geschäftsmodell geworden ist, das sich unsere Neigung, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, zu Nutzen macht. Wenige werden dadurch unsagbar reich, niemand spart wirklich Geld, aber viele Strukturen, die unser Leben lebenswert machen, werden zerstört.

Nein, die Zeit können wir nicht zurückdrehen.

Doch wir müssen darüber reden, ob wir uns den von – tatsächlich meist amerikanischen – Großkonzernen vorgegebenen Trends blind ergeben wollen. Oder ob wir einen eigenen Weg gehen wollen. Einen, auf dem wir unser Geld und unsere Zeit und Aufmerksamkeit sinnvoll in ein erfüllendes Leben investieren – anstatt sie demokratiefeindlichen Oligarchen wie Jeff Bezos zu schenken.

Eine zentrale Frage, die sich stellt

Zurück zum Amazon-Auto: Noch am selben Abend kündigte ich, zurück in Nordschleswig, meine Amazon-Mitgliedschaft und löschte mein Konto. Aus ganz vielen Gründen. Viele davon überschneiden sich mit den Gründen, wegen derer ich auch mein privates Facebook und mein geliebtes Instagram-Konto gelöscht habe, weshalb ich zu einem deutschen Mail-Anbieter gewechselt bin und so weiter. Das hat nichts mit Amerikafeindlichkeit zu tun.

Die Frage, die ich mir stellte: Ist mein Konsum dieser Produkte letztlich ein Beitrag, Strukturen zu stärken, die die Welt zu einem schlechteren Ort machen?

Meine Antwort darauf war in vielen Fällen klar. Ich kann für meinen Teil nicht damit leben, mein Geld oder meine Daten oder meinen „Content“ an Unternehmen zu geben, die mich von ihren Produkten abhängig machen wollen. Und die einen Teil meiner Gebühren an einen Despoten weiterleiten, der wie ein unerzogenes Kind auf alles trampelt, was der menschliche Geist (auch in Amerika!) an Gutem hervorgebracht hat.

Ich ändere vielleicht nicht die Welt – aber ich ändere meine Welt.

Europäische Weisheit hilft bei der Entscheidung

Natürlich: Auch Produkte aus China und anderen Ländern stellen uns vor moralische Fragen. Sogar hier in Nordschleswig fragen sich manche: Soll ich noch Schuhe von Ecco kaufen, wenn sie doch weiterhin Geschäfte in Russland machen? Es gibt sicherlich einen Boykottgrund für fast alles.

Was ist also noch akzeptabel? Bei der Antwort auf diese Frage, um aus der Krise eine Chance zu machen, können wir uns Aristoteles (Made in Europe) heranziehen.

Er lehrte: Weisheit, Freundschaft und Gerechtigkeit zu fördern – das ist es, was eine Gesellschaft anstreben sollte. Der Grundstein: Nur wer moralische Tugenden beachtet, im Kleinen wie im Großen, kann ein weises und gerechtes Leben in Freundschaft mit seinen Mitmenschen führen.

Sprich: Sei anständig und handele anständig, dann geht es allen besser, allen voran dir selbst!

Bequemlichkeit ist keine Ausrede

Viele der Botschaften, die uns aus den USA erreichen, haben mit diesen Werten nur noch wenig gemein. Doch wenn wir uns bei jedem Kauf, bei jedem Abo, bei jeder Anmeldung ehrlich fragen würden: Entspricht dieser Handel meinen Überzeugungen? Wären wir dann nicht weiser und gerechter – und hätten überdies mehr Zeit (und Geld!), die wir im Kleinen und im Großen in die Freundschaft investieren könnten?

Die Ausrede, es gebe aber doch keine ethisch vertretbaren Alternativen zu Facebook und Co., zählt dabei fast nie. Es gibt sie, sie haben oft nur nicht annähernd vergleichbare Werbebudgets. Weil sie eben nicht mit unseren Daten, unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit, unseren Emotionen Geld verdienen wollen.

Nein, aus den wie auch immer gearteten Boykotts wird keine Revolution geboren. Dazu sind wir alle zu tief verwurzelt in der Kultur des besinnungslosen Konsums.

Aber es wäre doch toll, wenn die Diskussion über Boykotte dazu führte, dass wir uns wenigstens darüber bewusst und einig werden, dass wir andere Ziele haben als der Lümmel aus Amerika. Und dass wir entschlossen sind, diese Ziele auf halbwegs anständige Weise zu erreichen.

Mein Ziel an jenem Tag war zum Beispiel der kleine Buchladen, der sich hinter dem großen Amazon-Lieferwagen versteckte.