Leitartikel

„Trotz sportlicher Erfolge: Nordschleswig schlägt den falschen Weg ein“

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Drei Mannschaften aus Nordschleswig stehen in dieser Saison im Final Four. Doch der sportliche Erfolg ist unlogisch, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Wenn die Handballerinnen von SønderjyskE Sonnabend in der Jysk Arena in Silkeborg auf Odense treffen, schreiben sie ein Stück nordschleswigsche Sportgeschichte: Zum ersten Mal überhaupt steht eine Handballmannschaft aus Nordschleswig in einer Final-Four-Endrunde des Pokalwettbewerbs.

Das ist in dieser Saison nicht der einzige sportliche Höhepunkt in unserem Landesteil, denn im Januar steht auch das Eishockeyteam von SønderjyskE im Final Four – sogar in der eigenen Arena in Woyens (Vojens), und im Februar gibt es ein weiteres Novum, wenn die Handballer von Sønderjyske HH in Herning ebenfalls zum ersten Mal im Pokal-Final-Four antreten.

Drei nordschleswigsche Spitzenklubs im Pokalwettbewerb ganz vorn? Das ist schon eine kleine Sensation. Doch warum bei einer Final-Teilnahme bleiben – warum nicht aufs Ganze setzen und die Pokaltitel nach Nordschleswig holen? Die Fußballer von Sønderjyske Fodbold haben es 2020 beim 2:0-Sieg über Aalborg vorgemacht.

Doch die Konkurrenz ist groß. Die Frauen treffen im Halbfinale auf Odense – eine der besten Mannschaften der Welt –, und die Männer müssen gegen Aalborg ran, ebenfalls ein globales Spitzenteam. Eigentlich gibt es dort für die Hellblauen nichts zu holen, aber der Pokal – das wissen Sportlerinnen und Sportler – hat seine eigenen Gesetze.

Die besten Chancen haben die Eishockey-Cracks aus Woyens, doch die befinden sich gerade in einem Formtief. Vielleicht bekommen sie sich beim Final Four gerade rechtzeitig wieder in den Griff, um das Double aus der vergangenen Saison zu verteidigen.

Die sportlichen Erfolge in Nordschleswig kommen zu einem unlogischen Zeitpunkt, denn der SønderjyskE-Überbau aus dem Jahr 2000 hat sich gerade zersplittert. Bereits 2020 wurde die Fußballsparte an den amerikanischen Investor Platek verkauft (zwei Jahre später dann an örtliche Investoren weiterverkauft).

Vor dieser Saison meldete sich der Männerhandball bei SønderjyskE ab und gründete seinen eigenen Verein in Sonderburg. Zurück geblieben sind 20 Jahre nach dem sportlichen Zusammenschluss nur noch die Eishockeysparte und der Frauenhandball.

Leider, denn der ursprüngliche SønderjyskE-Gedanke hatte in Nordschleswig für eine gemeinsame Identität gesorgt: Alle vier Teams haben zwar noch die beiden nordschleswigschen Löwen auf der Brust – aber sie sind eben nicht mehr im selben Gehege.

Wo ist der Glaube daran, dass man gemeinsam stärker ist, nur geblieben?

Jetzt macht jeder sein eigenes Ding und kämpft um die Gunst des Publikums und die finanzielle Unterstützung der wenigen Unternehmen im Landesteil. Sollten schließlich auch Eishockey und Frauenhandball noch auseinandergehen (die Gerüchteküche brodelt bereits), wäre jeder im nordschleswigschen Spitzensport wieder auf sich allein gestellt.

Die augenblicklichen sportlichen Erfolge täuschen darüber hinweg, dass dies für die Zukunft der falsche Weg ist – für den Sport und für Nordschleswig. Wir brauchen eine Familie mit starken Löwinnen und Löwen.