Leserinnenbrief

„Stricken im Vortrag: Aus Respekt“

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Einige stricken während der Vorträge der Neujahrstagung in Sankelmark. Für einige wirkt das wie ein Zeichen mangelnden Respekts gegenüber den Referentinnen und Referenten. In diesem Leserbrief erklärt Nathalie Engel-Arlt, warum das Stricken für sie kein Ablenkungsfaktor ist, sondern eine Hilfe – und wie es als Türöffner für Gespräche dient.

Immer mehr bringen ihre Handarbeit mit in die Vorträge – und ganz ehrlich? Ich finde es fantastisch. Trotzdem höre ich immer wieder: „Ist das nicht respektlos gegenüber den Referierenden?“ Ich verstehe, warum das so wirken kann. 

Wer nicht strickt, denkt vielleicht: Da ist jemand mit einer Aufgabe beschäftigt, die Konzentration braucht – und hört folglich weniger zu. 

Bei mir ist es genau andersherum. Ich stricke, damit ich besser zuhören kann.

Ich stricke seit rund 25 Jahren. Die Bewegungen sind mir in Fleisch und Blut übergegangen. Meine Hände laufen auf Autopilot – und mein Kopf bleibt beim Vortrag. Wenn ich nicht stricke, drifte ich gedanklich ab oder ertappe mich dabei, „nur kurz“ zum Smartphone zu greifen. Stricken ist für mich der Anker, der mich im Raum hält.

Das unterstreicht die Studie von Jackie Andrade (2010, Applied Cognitive Psychology): Wer beim Zuhören eine simple, monotone Nebenbeschäftigung hatte, konnte sich danach an 29 Prozent mehr Inhalte als die Vergleichsgruppe erinnern.

Das klappt nicht mit jedem Strickprojekt und nicht bei allen. Bei Anfängerinnen oder Anfängern, die noch über jeden Handgriff nachdenken müssen, ist Stricken während eines Vortrags eher Ablenkung als Stütze. Es geht für mich ausschließlich um „Autopilot-Projekte“.

Was ich aber fast noch wichtiger finde als den Konzentrationsteil, ist das Networking.

Mir persönlich fällt es schwer, neue Menschen einfach so anzusprechen. Dieses „Moin, und was machst du so beruflich?“ – furchtbar. Ein Strickprojekt bietet einen natürlichen Gesprächseinstieg: „Was strickst du?“ 

Und schon redet man miteinander – erst über Maschen, dann über die Vorträge.

Und genau dafür ist unsere Neujahrstagung doch da. Networking. Und der Sinn von Networking ist nicht, jedes Jahr wieder nur mit denselben Menschen zu sprechen, die man ohnehin schon kennt. Der Sinn ist, neue Kontakte zu knüpfen, neue Perspektiven zu hören, neue Gespräche zu führen.

Deshalb: Sprecht uns Strickende in den Pausen gern an. Wir erzählen gern über unser Projekt. Und wir diskutieren auch gern die Vorträge, Gott und die Welt.

Und wer jetzt denkt, „Das möchte ich auch können“: Die Strickclubs der Minderheit freuen sich immer über Zuwachs.

Bis in einem Jahr in Sankelmark – gern mit Nadeln. Und mit möglichst vielen neuen Gesprächen.

P.S.: Falls ihr doch einmal klappernde Nadeln hört, sprecht uns freundlich darauf an. Wir wollen nicht stören. Ein freundlicher Hinweis hilft mehr als stiller Ärger.

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Die „Nordschleswiger“-Berichterstattung zur Neujahrstagung in Sankelmark gibt es gesammelt auf unserer Themenseite „Sankelmark“.