Leitartikel

„Minderheit: Auf die Nase fallen und wieder aufstehen“

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Die Minderheit hat sich oft und lange in Zurückhaltung geübt: Bloß nicht auffallen, lieber unter dem Radar bleiben. Das hat sich in dem vergangenen Jahrzehnt geändert – zum Glück, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Die deutsche Minderheit ist mutiger geworden, wenn es darum geht, Forderungen zu stellen oder selbst große Pläne zu schmieden. Die Gefahr: Man kann dabei auch ganz schön auf die Nase fallen. Aber dann muss man eben wieder aufstehen und weitermachen.

In Broacker (Broager) und Lügumkloster (Løgumkloster) sind in den vergangenen Jahren ganz neue deutsche Kindergärten gebaut worden, in Sonderburg (Sønderborg) nach einem Um- und Neubau ein ganz neues Museum, und auf dem Knivsberg arbeiten Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN), der Dachverband der deutschen Minderheit und das Deutsche Museum an Plänen für einen historischen Lernort.

Dabei haben Dänemark und vor allem Deutschland tatkräftig mitfinanziert, um die Minderheit zu modernisieren und auf den neuesten Stand zu bringen.

In Apenrade (Aabenraa) hatten der BDN und der Deutsche Schul- und Sprachverein für Nordschleswig, verantwortlich für die deutschen Schulen und Kindergärten, aktuell große Pläne für einen Campus am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig.

Um die 140 Millionen Kronen sollte das Projekt kosten – das bisher größte Bauvorhaben der Minderheit: ein Internat mit 100 Betten, eine neue Profi-Küche, ein neuer Kindergarten statt der bisherigen beiden unzeitgemäßen Einrichtungen in der Stadt und schließlich zwei neue Unterrichtsräume. Also vier Fliegen mit einer Klappe.

Das war groß angedacht und geplant – nur das Geld aus Deutschland wird nicht fließen, so wie gedacht. Daher platzt das Campus-Projekt jetzt. Auf jeden Fall so, wie es zunächst geplant war, denn wie war es noch: hinfallen und wieder aufstehen.

Der BDN und der DSSV halten nämlich an den Campus-Plänen fest, wenn auch in einer angepassten Ausgabe. Die dänische Regierung hat zunächst Geld für zwei neue Klassenräume bewilligt, und bei der BDN-Hauptvorstandssitzung am Montagabend wurde nun auch ein neues Internat – Baubeginn 2027 – ins Visier genommen.

Dadurch, dass das große Campus-Projekt geplatzt ist, sind die Probleme nämlich nicht gelöst. Im Gegenteil hat die Minderheit jetzt wieder vier Probleme an der Backe: den Bedarf an Klassenräumen am DGN, eine dringend benötigte Modernisierung und den Ausbau des maroden Internats sowie eine Standortlösung und Fusion der beiden Kindergärten im Ort.

Und dann noch die vielen anderen notwendigen Projekte auf der Liste: Für die Sanierung und Modernisierung der Gebäude der deutschen Minderheit in Nordschleswig fehlen immer noch mehr als 240 Millionen Kronen.

In Deutschland interessiert sich gerade niemand für die kleine Minderheit in Dänemark. Dort gibt es größere Probleme und demnächst eine ungeplante Bundestagswahl. Die neue Regierung wird dann aber schon von den Plänen in Dänemark hören. Aufgeben ist in Nordschleswig nämlich keine Option – hinfallen und wieder aufstehen.