Leitartikel

„Kinder in Rapstedt und Lunden bekommen die ganze DSSV-Krise ab“

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Die Kinder, Eltern und Lehrkräfte der Rapstedter Schule bangen um ihre Zukunft.

Leere Kassen, marode Gebäude, sinkende Kinderzahlen – der Deutsche Schul- und Sprachverein steht unter Druck wie nie. Marle Liebelt zeigt im Leitartikel das Dilemma auf: Die geplanten Schließungen in Lunden und Rapstedt sollen die Minderheit zukunftsfähig machen – reißen aber zugleich tiefe Gräben.

Der Deutsche Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) steht unter massivem Druck. Nach einer langen Analyse empfiehlt er, die deutschen Schulen und Kindergärten in Lunden und Rapstedt zu schließen – eine Entscheidung, die sich rational erklären lässt: leere Kassen, marode Gebäude, sinkende Kinderzahlen.

Doch sie trifft ins Herz der Minderheit. Denn dort, wo Kinder spielen, lernen und die Kultur der deutschen Minderheit leben, geht es längst nicht nur um Haushaltszahlen. Es geht um Identität, Vertrauen, um Kinder.

Die Fronten scheinen verhärtet – dabei wäre gerade jetzt das Gegenteil nötig.

„Wo bleiben die Kinder?“

In Lunden und Rapstedt herrschen Fassungslosigkeit und Enttäuschung. Eltern, Lehrkräfte und Vorstände fühlen sich von einem Prozess übergangen, der ihnen zu technokratisch, zu fern und zu plötzlich erscheint. Viele sprechen von einem Schock, manche von einem Schlag ins Gesicht. Sie fragen sich, warum es ausgerechnet sie trifft.

Doch die Menschen vor Ort verweigern sich nicht – sie handeln. Vor Tatsachen gestellt, suchen sie jetzt in Eigenregie bis Mitte November nach überzeugenden Konzepten, wollen Lösungen finden, die nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. In Leserbriefen klingt durch, was keine Haushaltszahl erfassen kann: Diese Schulen und Kindergärten sind Orte der Zugehörigkeit.

Was für den DSSV Konsolidierung bedeutet, ist für sie der Verlust von Gemeinschaft und Vertrauen.

Was in Lunden und Rapstedt wie ein lokaler Konflikt wirkt, ist in Wahrheit das Symptom einer tiefer liegenden Krise, die den gesamten Verein erfasst hat.

Wenn der Putz von der Wand fällt

Der Rücktritt des langjährigen Vorsitzenden Welm Friedrichsen zeigt, wie groß das Dilemma ist: Ohne die DSSV-Entscheidung infrage zu stellen, zwang ihn seine persönliche Bindung an Lunden zum Rücktritt. Als DSSV-Vorsitzender müsste er für die Schließung argumentieren. „In diesem Fall ist die persönliche Belastung zu groß für mich“, sagte er zum „Nordschleswiger“.

In Apenrade, im Haus Nordschleswig, versucht der Dachverband seit Monaten, Kontrolle über eine Krise zu gewinnen, die beeinflusst ist von inneren Missständen und äußeren Einflüssen. 

Die Kasse, mit der der DSSV das vergangene Jahr abgeschlossen hat, war eine Katastrophe. Es gab Führungswechsel und die Lösung, die sich im Frühjahr aus der Not heraus formiert hat, stand und steht mit dem Rücken zur Wand. Finanziell gibt es einfach keinen Spielraum mehr.

Ein Darlehen in Millionenhöhe ist bereits vom BDN an den DSSV geflossen. Sämtliche Gebäude, die aus guten Zeiten stammen, sind marode. Kinderzahlen sinken. Die Bundesrepublik Deutschland – eine der größten Geldgeberinnen der Minderheit – weiß selbst noch nicht so richtig, wie sie aus ihrem Haushaltsloch wieder herausfinden soll. Indes klopft die Minderheit regelmäßig in Kopenhagen an und leiert der Regierung jeden möglichen Penny aus den Rippen.

Der Sache nicht gerade dienlich: Der DSSV hatte bis Ende vergangenen Jahres keinen wirklichen Überblick – weder über den Ist-Zustand seiner eigenen Zahlen noch über die äußeren Entwicklungen, die die Schulen und Kindergärten über kurz oder lang einholen würden. 

Natürlich wusste man vom demografischen Wandel. Natürlich wusste man von anstehenden Investitionen in sämtliche Gebäude. Natürlich wusste man, dass das Klinkenputzen in Berlin, Kiel, Kopenhagen immer herausfordernder wird.

Aber dem DSSV fehlte der Blick fürs große Ganze. Die übergeordnete Steuerung, die die Probleme aus allen Richtungen hat kommen sehen. Der DSSV hatte jahrelang keine solide übergeordnete Geschäftsführung.

Im März haben Uwe Jessen und Bernd Søndergaard vom BDN auch das Ruder beim DSSV übernommen. Sie haben eine umfassende Analyse der Finanzen, der Strukturen und der Gebäude in Gang gesetzt, und sofort war klar: Auf die Minderheit rollen schwierige Entscheidungen zu. Eine Haushaltskrise in Millionenhöhe wird nicht gelöst, weil man auch die letzte Halogen-Schreibtischleuchte durch LED ersetzt.

Mehr Empathie hätte nicht geschadet

Mit der neuen Geschäftsführung begann der Versuch, den Karren aus dem Dreck zu ziehen: Analysen, Sparkurs, Verantwortung. Doch der Preis war hoch.

Betroffene versuchen zu Recht, die Kinder in den Fokus der Debatte zu rücken. Aber sie werfen der neuen Führung zu Unrecht vor, panikgetrieben zu handeln. Schade nur, dass der DSSV es versäumt hat, so transparent zu sein, dass der Vorwurf gar nicht erst aufkommt. 

Der DSSV wollte führen, vergaß dabei aber, empathisch zu sein. Auch ein deutliches Eingeständnis der Verantwortung für die Krise hätte für mehr Verständnis sorgen können. Das ist ausgeblieben, und der DSSV verlor mit seiner Entscheidung die Verbindung zu jenen, die ihm folgen sollen.

Niemand in dieser Krise will Schulen oder Kindergärten schließen. Der DSSV muss sparen – die Minderheit muss sich fragen, wie viel Vielfalt sie sich leisten kann.

Die Familien, Pädagogen, Lehrerinnen, Vorstände und Schulleitungen in Lunden und Rapstedt stehen aktuell im Regen. Jetzt lastet die ganze Verantwortung, diese kleinen Minderheiteneinrichtungen am Leben zu erhalten oder nicht, auf ihren Schultern.

Selbst wenn es den Betroffenen gelingt, tragfähige Konzepte zu entwickeln, wird die Minderheit nach dieser Krise nicht dieselbe sein. Aber das muss kein Verlust sein – wenn sie die richtigen Lehren zieht.

Vertrauen, Vergebung und Empathie sind jetzt auf beiden Seiten – Verwaltung und Basis – gefragt. „Was würde ich tun, wenn ich anstelle des Gegenübers wäre?“, lautet die Leitfrage der nächsten Wochen. Transparenz und Zuhören sind die Werkzeuge, die zu einer gemeinsamen Lösung führen. 

Denn am Ende geht es nicht um Gebäude und Bilanzen – es geht um Kinder, und es geht um die deutsche Minderheit in Nordschleswig.

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