Diese Woche in Kopenhagen

„Kein Grund zur Sorge über die Wahl in Grönland“

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Am Dienstag gehen die Grönländerinnen und Grönländer zu den Wahlurnen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung in Dänemark, wird die Frage der Selbstständigkeit die Wahl nicht entscheiden, meint Walter Turnowsky. Er bezieht sich dabei auf seine Erfahrung und seine Kontakte im Land.

Ich erinnere mich noch genau an die Situation, obwohl es jetzt zwölf Jahre und zehn Tage her ist. Ich dachte: „Habe ich richtig gehört“, als der Pilot die Temperatur am Ankunftsort Kangerlussuaq durchsagte: -33 Grad. Also noch einmal genau hingehört, als er die Ansage auf Englisch wiederholte. Doch er blieb dabei.

Seither wurde es für mich völlig normal, dass die Temperatur bei der ehemaligen US-Airbase nahe der Eiskappe im Winter unter -30 Grad sinkt. An meinem damals zukünftigen Wohnort, Nuuk, wird es zum Glück nicht so kalt. Er liegt an der Küste.

Nach meiner Ankunft blieb mir zunächst nicht viel Zeit, mich mit den klimatischen Verhältnissen Grönlands auseinanderzusetzen. Ich wurde nämlich schnell in den kalten Schnee geschmissen, denn ich landete mitten im Wahlkampf. So hatte ich alle Hände voll zu tun, mich in Rekordgeschwindigkeit in meinen Job als Chef vom Dienst bei den Fernsehnachrichten des Senders „KNR“ einzuarbeiten.

Missverständnisse in der Berichterstattung

Jetzt stehen wieder Wahlen ins Haus. Am Dienstag gehen die Grönländerinnen und Grönländer zu den Wahlurnen. Ein wesentlicher Unterschied ist, dass das Interesse der dänischen und internationalen Presse diesmal um ein Vielfaches größer ist. Die Gründe hierfür brauche ich wohl niemandem zu erklären.

Wer die Berichterstattung in den dänischen Medien verfolgt, kann leicht zu zwei Schlussfolgerungen gelangen: erstens, dass es bei dieser Wahl ausschließlich um die Frage der grönländischen Selbstständigkeit geht, und zweitens, dass der Wahlkampf ausgesprochen hart geführt wird. Das Problem an dieser Auffassung ist, dass sie falsch ist.

Alltagsprobleme entscheiden Wahlen in Grönland

Bei sämtlichen grönländischen Wahlen, die ich verfolgt habe, haben dänische Medien berichtet, es ginge um Selbstständigkeit – nur um mit einem gewissen Erstaunen festzustellen, dass dies in keiner Weise der Fall war. Dinge wie Arbeitsplätze, Gesundheit, Schulen und soziale Probleme waren wahlentscheidend.

Und dann natürlich die Frage des Vertrauens oder eben fehlenden Vertrauens in die (Regierungs-)Parteien. Insofern unterscheiden sich die Grönländerinnen und Grönländer (welch Überraschung) kaum von Wählerinnen und Wählern in Deutschland, um ein aktuelles Beispiel zu nennen.

Dieses Mal ist zumindest richtig, dass die Frage, wann Grönland ein eigener Staat werden kann, ein Wahlkampfthema ist. Aber eben bei Weitem nicht das Einzige. „KNR“ sendet aus den vier größten Städten Wahldebatten mit Publikum. Bei den Fragen aus dem Publikum wurde deutlich, dass den Wählerinnen und Wählern wiederum die Alltagsprobleme auf den Nägeln brennen.

Die Einschätzung von zwei kompetenten Kolleginnen

Zur Frage der Härte der Debatten erzählten mir zwei Kolleginnen aus meiner „KNR-Zeit“ Interessantes. Ich hatte am Montag die Gelegenheit, mich in Kopenhagen mit ihnen zu treffen. Die Wahldebatten seien in diesem Jahr „sanfter“ als zuvor, lautet ihre Einschätzung.

Es ist schlau, diese Einschätzungen ernst zu nehmen, denn beide haben große Erfahrung mit Wahlkämpfen in Grönland. Die eine von ihnen, Arnaq Nielsen, hat unzählige dieser Wahldebatten für „KNR“ moderiert. Kaum jemand kennt sich in dieser Frage besser aus als sie.

Sie erzählte, dass die Parteien vereinbart haben, sich etwas zurückzuhalten. In der aktuellen Situation wollen sie trotz politischer Unterschiede Zusammenhalt demonstrieren. Sie arbeiten auf das gemeinsame Ziel hin, dass Grönland eines Tages auf eigenen Beinen stehen kann.

Dass da im Wahlkampf auch schon mal unrealistische Versprechungen gemacht werden, sollte eigentlich nicht verwundern. Die grönländischen Politikerinnen und Politiker unterscheiden sich eben auch wenig von dänischen oder deutschen.

Wahlprognose

Ich traue mich vor diesem Hintergrund, folgende Prognosen zu machen: Die Alltagsfragen und das Vertrauen in die einzelnen Parteien werden beim Urnengang der Wahl am Dienstag eine größere Rolle spielen als die Frage der Selbstständigkeit.

Grönland wird weiterhin den Weg in Richtung eigenen Staat gehen – ohne sich deshalb an Donald Trump zu verkaufen. Auf diesem Weg werden die kommende Regierung und darauffolgende (weiterhin) Irrwege gehen und Fehler machen. Doch auch das wird das Land überstehen.

Denn so ist das Grönland, das ich kenne: verwundbar und selbstbewusst zugleich, besonnen und dennoch spontan – und vor allem widerstandsfähig. Die Bevölkerung hat über Generationen gelernt, mit den jenen arktischen Bedingungen umzugehen, die mir vor zwölf Jahren noch fremd waren.