Leitartikel

„Homeschooling nimmt Kindern ein Stück Teilhabe an der Gemeinschaft“

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Heimunterricht hat sicher Vorteile, doch ein entscheidender Faktor geht verloren, meint Journalist Gerrit Hencke in seinem Leitartikel. Denn wo sonst werden die lebenslangen Freundschaften geschlossen und wird das Verständnis für eine Gesellschaft geprägt, wenn nicht in der Schule und auf dem Pausenhof?

Kindergarten, Schule und Hort sind die Quelle sozialer Interaktion. Hier wird gespielt, geschnackt, voneinander gelernt, abgeguckt, nachgemacht und manchmal auch gestritten. Hier beginnen lebenslange Freundschaften, und hier wird gelernt, sich auch mit Menschen zu arrangieren, die man vielleicht nicht so gerne mag. Hier kommen verschiedene kleine und große Menschen zusammen, und hier lernt man die Gesellschaft und die Gemeinschaft außerhalb der eigenen vier Wände kennen. Non scholae, sed vitae discimus („Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!“). Es ist also lange nicht nur der Unterricht, der Schule zu einem Lernort macht, sondern auch das Drumherum.

Natürlich sind Eltern die Bezugspersonen für die eigenen Kinder, und niemand liebt sie wohl mehr. Doch Eltern können nicht die Kontakte ersetzen, die Kinder mit anderen Kindern (und auch Erwachsenen) haben.

Gerade wenn Kinder ausgewanderter Familien zu Hause unterrichtet werden, fehlt ihnen die Integration in die neue Umgebung. Das Lernen der fremden Sprache passiert am schnellsten auf dem Schulhof, nicht bei der pensionierten Nachbarin. Ein soziales Netz baut sich nicht von allein auf, es braucht viel Interaktion. Vor allem in Ländern wie Dänemark steht der gesellschaftliche Zusammenhalt, die Gemeinschaft – der Samfundsgedanke – ganz weit oben. Kinder durch Heimunterricht dieser Gemeinschaft zu entziehen, gefährdet die Zukunft dieses Gedankens des Zusammenlebens.

Welche Folgen Schulschließungen in der Corona-Zeit hatten, erleben wir noch heute. Lerndefizite, psychosoziale Belastungen, wie etwa Depressionen, Angst- und Essstörungen oder Probleme bei der sozial-emotionalen Entwicklung – sprich Verhaltensauffälligkeiten – sind nur drei Punkte, die auch fünf Jahre nach Beginn der Pandemie die Lernorte beschäftigen. Das bedeutet natürlich nicht, das alle Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, an solchen Folgen leiden oder leiden werden. Aber es zeigt auch, dass vielen jungen Menschen in dieser Zeit offenbar etwas gefehlt hat.

Im Schuljahr 2023/2024 wurden in 94 von 98 befragten Kommunen 1.509 Mädchen und Jungen im Homeschooling unterrichtet – mit seit Jahren steigender Tendenz. 2024 waren es bereits 1.779. Es bleibt jedoch ein überschaubarer Anteil, denn 2022 gingen insgesamt 687.819 Schülerinnen und Schüler allein in die Volksschulen – obwohl Eltern sie theoretisch zu Hause unterrichten könnten.

Die steigende Tendenz kommt sicher nicht allein durch Zugezogene zustande, obwohl sie in Nordschleswigs Kommunen einen großen Teil ausmachen. Seit vielen Jahren zieht es auch Familien aus Deutschland aus diesem Grund über die Grenze. Weil es in Deutschland die Schulpflicht gibt und Heimunterricht verboten ist, winkt die Chance in Dänemark. Hier gibt es nur eine Bildungspflicht. Kinder müssen nicht in die Schule.

Kritik gibt es oft am Schulsystem, und ja, Schule ist definitiv nicht perfekt. Es gibt viele Probleme. Der Leistungsdruck und feste Lehrpläne nehmen wenig Rücksicht auf individuelle Stärken, Schwächen oder andere Probleme von Schülerinnen und Schülern. Homeschooling bietet dann die Freiheit, viele Lernfelder abzudecken, die bereits der Alltag mit sich bringt. Keine festen Lehrpläne, sondern das Lernen, worauf man Lust hat und wann man möchte. Das funktioniert nicht für alle Kinder, aber für viele ist es eine Chance.

Das Mehr an Zeit, das man mit seinen eigenen Kindern verbringen kann, ist ebenfalls ein gutes Argument. Sie werden so schnell groß, und ich habe mal gelesen, dass man, wenn die Kinder zwölf Jahre alt sind, schon 80 Prozent der Zeit mit ihnen verbracht hat. Der Alltag sieht aber oft so aus, dass Mama und Papa in Voll- oder Teilzeit arbeiten und die Kinder so einen Großteil des Tages in Kita, Schule und der Nachmittagsbetreuung verbringen. Homeschooling wirkt hier entschleunigend auf den Alltag, aber man muss es sich auch leisten können. Wenn ein Elternteil zu Hause bleibt – häufig wird es wohl die Mutter sein – muss ein Gehalt reichen. Heimunterricht ist somit meist privilegierten Familien vorbehalten.

Hätten meine Eltern mir die Schulzeit verwehrt, wäre ich heute um einige Erfahrungen und Erlebnisse ärmer. Ich erinnere mich gern an diese 13 Jahre zurück. Nicht zwingend an den Unterricht, sondern an alles dazwischen. An die Gemeinschaft der Klasse und an das, was wir gemeinsam durchgestanden haben. Ich erinnere mich an die gemeinsamen Pausen auf dem Schulhof, das Essen in der Schulkantine, das Fußballspielen nach der Schule oder das gemeinsame Nachhausefahren mit dem Rad. Noch heute habe ich regelmäßigen Kontakt zu Menschen aus meiner Schulzeit – von der Grundschule bis zum Abitur.