Diese Woche In Kopenhagen

„Grönland: Wenn sich das Schneegestöber gelegt hat“

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Vor fast genau einem Jahr hat Walter Turnowsky diese Kolumne geschrieben. „Der Nordscheswiger“ bringt sie noch einmal, nachdem der US-Präsident erneut seine Gelüste auf das arktische Autonomiegebiet des Königreichs Dänemark kund getan hat. Über Trump erfahren die Leserinnen und Leser allerdings wenig, dafür umso mehr über „das Land der Menschen“.

Bereits vor seinem Amtsantritt hat Donald Trump kundgetan, dass er Grönland in die USA eingliedern möchte. Zu diesem Zeitpunkt ist diese Kolumne entstanden. 

Nach der Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro hat er fast im selben Atemzug diesen Anspruch wiederholt. Die Antwort des grönländischen Regierungschefs Jens Frederik Nielsen ist eindeutig: „Jetzt reicht es. Kein Druck mehr. Keine Andeutungen mehr. Keine Fantasien mehr über eine Annexion.“

In dieser Kolumne soll es jedoch weniger um den orangefarbenen Wüterich im Weißen Haus gehen.

Ivik

Was es zu ihm zu sagen gibt, hat die grönländische Künstlerin Ivínguak´ Stork Høegh bereits im vergangenen Jahr formuliert. Ihren Kommentar siehst du auf dem Bild:

Das gibt mir jetzt die Möglichkeit, über wesentlich interessantere Menschen zu schreiben als den US-Präsidenten. Hier meine ich die Inuit, was übersetzt auch nichts anderes bedeutet als Menschen, von denen ich einige kenne.

Ivínguak´Stork Høeghs künstlerischer Kommentar ist unmissverständlich.

Und da wir schon bei ihr sind, warum nicht gleich mit Ivínguak´, genannt Ivik, beginnen. Sie ist Leiterin der Kunstschule in der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Viele ihrer Werke sind, wie das hier oben, digitale Collagen, in denen sie alte Fotos in einen neuen Kontext stellt.

Auf humorvolle Weise kommentiert sie in ihrer Serie „ArcticExotic“ den dänischen (europäischen?) Blick auf die Grönländerinnen und Grönländer, indem sie diese in einen Zusammenhang mit anderen ehemaligen Kolonien bringt. So spannt sie schon mal Zebras vor einen Hundeschlitten oder lässt Inuit mit einem Qajaq (Kajak) auf einer tropischen Insel an Land gehen. 

Ivínguak´ Stork Høegh

Ihre subtilen Werke passen gut zu ihr, denn sie gehört nicht zu jenen, die sich mit einem Megafon auf eine Bierkiste stellen. Sie spricht, wie ihre Bilder, eher ruhig und wohlüberlegt. Es zahlt sich aus, zuzuhören. Und übrigens, ihr Werk aus aktuellem Anlass darf mit dem Zitat des damaligen Regierungschefs Múte B. Egede getrost auch als Botschaft an Dänemark gedeutet werden.

„Sissami nukappiarannguaq / Beach day" von Ivínguak´Stork Høegh

Malik

Ihr Vater, Malik Høegh, war als Tontechniker beim Sender „KNR“ ein Kollege von mir. Obwohl er schon viele Däninnen und Dänen kommen und gehen sehen hat, wandte er sich interessiert an mich, um zu hören, wer ich bin und was ich über diverse Fragen denke. Wenn man ihn ein wenig kennenlernt, erfährt man, dass er in seiner stillen Art ein ausgesprochen humorvoller Mann ist, der den Neuankömmling auch schon mal freundlich auf die Schippe nimmt. 

Wer es nicht weiß, würde auf den ersten Blick – und wohl auch nicht auf den zweiten – erraten, dass er der größte Rockstar Grönlands ist. Gemeinsam mit Per Berthelsen gründete er Anfang der 70er-Jahre die Band „Sumé“ – die erste, die auf Grönländisch sang.

Damals war Grönland noch ein Amt in Dänemark, doch die junge Generation forderte mehr Autonomie, und die Band spielte hier eine entscheidende Rolle, indem sie den Menschen, denen über Generationen gepredigt worden ist, dass Dänisch besser sei als Grönländisch, Selbstbewusstsein einflößte. Eine Dokumentation heißt zu Recht „Sumé – der Sound einer Revolution“. 

Malik Høegh in Aktion

Im Trailer zum Film hört man einen damaligen dänisch gesinnten grönländischen Politiker mit einem gewissen Entsetzen in Stimme und Mimik sagen, die Aussagen der jungen Menschen seien sehr hart, da sie über die Loslösung von Dänemark sprechen würden.

So würde heute keine grönländische Politikerin, kein grönländischer Politiker sprechen. Dort ist es längst zur Selbstverständlichkeit geworden, dass das Land sich in Richtung Selbstständigkeit bewegt. In der Diskussion geht es ausschließlich um das Wie und Wann.

In Dänemark erlebt man solche oder ähnliche Reaktionen jedoch jedes Mal, wenn von grönländischer Selbstständigkeit die Rede ist. Häufig gepaart mit einer leicht – oder auch nicht ganz so leicht – beleidigten Attitüde: „Sollen sie doch sehen, wie sie alleine zurechtkommen“. 

Arnaq

Bei solchen Sprüchen fällt mir regelmäßig eine weitere ehemalige Kollegin, Arnaq Nielsen, ein. Und bei Arnaq fällt mir dann auch gleich ihr herzhaftes Lachen ein. Das schallt nicht nur bei Ansagen wie der obigen, sondern auch, wenn es um ihr Volk und sie selbst geht.

So hat sie, als bekannt wurde, dass das „Eskimo-Is“ abgeschafft werden sollte, sich schleunigst eines gekauft und das Foto mit sich und dem Eis auf Facebook gepostet.

Was ich eigentlich über Arnaq erzählen wollte, ist jedoch etwas anderes. Sie ist bereits, als sie Anfang 20 war, bei „KNR“ Moderatorin und Chefin vom Dienst geworden. Sie ist Vorsitzende des grönländischen Journalistenverbandes und produziert jetzt bei der Zeitung Sermitsiaq einen Podcast. Und ihre Laufbahn ist typisch für Grönland: Wer was kann, der bekommt sehr schnell viel Verantwortung.

Das ist auch der Hintergrund für eine andere Beobachtung, die ich machte, als ich vor 11 Jahren nach Kalaallit Nunaat gezogen bin: Laufend begegneten mir fähige, talentvolle, tatkräftige und selbstbewusste Personen. Und das bei einer Bevölkerung von gerade mal 56.000 Menschen.

Arnaq Nielsen im Studio

Das sind ungefähr so viele wie in den Kommunen Hadersleben (Haderslev) und Apenrade (Aabenraa). Und ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen, so viele Persönlichkeiten wie Grönland hat keine dieser Kommunen auch nur annähernd hervorgebracht. 

Daher ist mir um das Land auch überhaupt nicht bange. Gewiss, es gibt massive wirtschaftliche und soziale Probleme; das soll hier gar nicht kleingeredet werden. Doch begegnen die Grönländerinnen und Grönländer ihnen mit Mut und Offenheit. Dafür ist die letzte Person, die ich dir vorstellen möchte, ein klares Beispiel.

Connie

Connie Arenas ist als 9-Jährige vergewaltigt worden. Davon erzählte sie offen bei einer „KNR“-Debatte zum Thema sexuelle Übergriffe auf Kinder. Am Tag nach der Sendung fanden in ganz Grönland Kundgebungen statt. Connie und ihre Mutter waren in Nuuk selbstverständlich mit dabei.

Seither hat es etliche Diskussionen und Initiativen gegeben. Die fürchterlichen sexuellen Übergriffe sind schon lange kein Tabu mehr. Und es wirkt: Das Problem wird, wenn auch von einem erschreckend hohen Niveau aus, laufend geringer.

Connie Arenas und ihre Mutter bei einer Kundgebung gegen sexuelle Übergriffe im Mai 2015.

So reagiert Grönland auf Herausforderungen.

Inuit

Eigentlich würde ich dir ja gerne noch weitere Persönlichkeiten vorstellen: die Kindersprecherin Aviâja, den Rapper Maasi, die Filmemacherin Aká, den Geologen Minik, die Bildhauerin Bolatta, den Hausmeister Edvard, die Aktivistin Seqinninguaq, die Olympiateilnehmenden Michael, Laila und Martin, die Autorin Niviaq und, und, und … Aber das würde dann doch allzu sehr ausufern.

Jetzt wirst du vielleicht fragen, was diese Personen mit der aktuellen Situation zu tun haben. Die kurze Antwort lautet: alles.

Denn gerade in Zeiten, in denen Donald Trump immer wieder Schneegestöber aufwirbelt, wird Dänemark sich mit diesen Menschen befassen müssen. Mit einem Grönland, das selbstbewusst in Richtung selbstständige Nation geht und auf dem Weg die offensichtlichen und großen Probleme angeht.

Wir müssen anfangen, zu verstehen, was sich in dem riesigen Land bewegt. Denn es geht den Grönländerinnen und Grönländern ja nicht darum, sich unbedingt von Dänemark loszureißen. Es geht ihnen darum, die derzeitige Abhängigkeit in eine gleichgestellte Partnerschaft umzuwandeln. 

Und daher denken sie nicht im Traum daran, ein Teil der USA zu werden. Im März des vergangenen Jahres machten sie das bei den größten Demonstrationen, die das Land jemals erlebt hat, deutlich. 

Lass mich zum Schluss noch einmal auf Malik Høegh zurückkommen. In einem ihrer bekanntesten Songs hat Sumé Kalaallit Nunaat (das Land der Grönländer) in Inuit Nunaat (das Land der Menschen) umbenannt.

Im Song heißt es: „Was unsere Vorfahren besessen haben, wollen wir an unsere Kinder weitergeben. Es ist Inuit Nunaat“. Und darum geht es ja letztlich. Ivínguak Stork Høegh trägt mit ihrem aktuellen Bild die Fackel ihres Vaters weiter. 

Wer noch ein wenig über das Geschriebene nachdenken möchte, kann dabei Sumé zu den Tönen von „Inuit Nunaat“ auf einer Tour durch Grönland begleiten: 

Die Kolumne ist in ihrer ursprünglichen Fassung am 10. Januar 2025 erschienen.