Diese Woche In Kopenhagen

„Grönland: Wenn sich das Schneegestöber gelegt hat“

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Der baldige US-Präsident hat erneut das arktische Autonomiegebiet des Königreichs Dänemark in die Schlagzeilen katapultiert. Wer sich erhofft, viel über ihn zu hören, sollte Walter Turnowskys Kolumne in dieser Woche nicht lesen. Dafür gibt es umso mehr über das „Land der Menschen“.

Normalerweise nutze ich ja jede Gelegenheit, um ein paar Zeilen über mein geliebtes Grönland in die Spalten des „Nordschleswigers“ zu schmuggeln. Doch ausgerechnet jetzt, wo Donald Trump es weltweit in die Schlagzeilen gebracht hat, zögere ich. Muss wohl irgendwie genau mit jenem Trump zu tun haben.

Na gut, ich lasse mich breitschlagen. Aber nur unter einer Bedingung, liebe Leserin und lieber Leser. Nämlich die, dass du über den orangefarbenen Präsidenten hier eigentlich nix erfährst.

Ivik

Was es zu ihm zu sagen gibt, will ich der grönländischen Künstlerin Ivínguak´ Stork Høegh überlassen. Ihren Kommentar siehst du hier unterhalb:

Das gibt mir jetzt die Möglichkeit, über wesentlich interessantere Menschen zu schreiben als den baldigen US-Präsidenten. Hier meine ich die Inuit, was übersetzt auch nichts anderes bedeutet als Menschen, von denen ich einige kenne.

Ivínguak´Stork Høeghs künstlerischer Kommentar ist unmissverständlich.

Und da wir schon bei ihr sind, warum nicht gleich mit Ivínguak´, genannt Ivik, beginnen. Sie ist Leiterin der Kunstschule in der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Viele ihrer Werke sind, wie das hier oberhalb, digitale Collagen, in denen sie alte Fotos in einen neuen Kontext stellt.

Auf humorvolle Weise kommentiert sie in ihrer Serie „ArcticExotic“ den dänischen (europäischen?) Blick auf die Grönländerinnen und Grönländer, indem sie diese in einen Zusammenhang mit anderen ehemaligen Kolonien bringt. So spannt sie schon mal Zebras vor einen Hundeschlitten oder lässt Inuit mit einem Qajaq (Kajak) auf einer tropischen Insel an Land gehen.

Ivínguak´ Stork Høegh

Ihre subtilen Werke passen gut zu ihr, denn sie gehört nicht zu jenen, die sich mit einem Megafon auf eine Bierkiste stellen. Sie spricht, wie ihre Bilder, eher ruhig und wohlüberlegt. Es zahlt sich aus, zuzuhören. Und übrigens, ihr Werk aus aktuellem Anlass darf mit dem Zitat von Regierungschef Múte B. Egede getrost auch als Botschaft an Dänemark gedeutet werden.

„Sissami nukappiarannguaq / Beach day" von Ivínguak´Stork Høegh

Malik

Ihr Vater, Malik Høegh, war als Tontechniker beim Sender „KNR“ ein Kollege von mir. Obwohl er schon viele Däninnen und Dänen kommen und gehen gesehen hat, wandte er sich interessiert an mich, um zu hören, wer ich bin und was ich über diverse Fragen denke. Wenn man ihn ein wenig kennenlernt, erfährt man, dass er in seiner stillen Art ein ausgesprochen humorvoller Mann ist, der den Neuankömmling auch schon mal freundlich auf die Schippe nimmt.

Wer es nicht weiß, würde auf den ersten Blick – und wohl auch nicht auf den zweiten – erraten, dass er der größte Rockstar Grönlands ist. Gemeinsam mit Per Berthelsen gründete er Anfang der 70er-Jahre die Band „Sumé“ – die erste, die auf Grönländisch sang.

Damals war Grönland noch ein Amt in Dänemark, doch die junge Generation forderte mehr Autonomie und die Band spielte hier eine entscheidende Rolle, indem sie den Menschen, denen über Generationen gepredigt worden ist, dass Dänisch besser ist als Grönländisch, Selbstbewusstsein einflößte. Eine Dokumentation heißt zu Recht „Sumé – der Sound einer Revolution“.

Malik Høegh in Aktion

Im Trailer zum Film hört man einen damaligen dänisch gesinnten grönländischen Politiker mit einem gewissen Entsetzen in Stimme und Mimik sagen, die Aussagen der jungen Menschen seien sehr hart, denn sie würden ja über Eigenständigkeit sprechen.

So würde heute keine grönländische Politikerin, kein grönländischer Politiker sprechen. Dort ist es längst zur Selbstverständlichkeit geworden, dass das Land sich in Richtung Selbstständigkeit bewegt. In der Diskussion geht es ausschließlich um das Wie und Wann.

In Dänemark erlebt man solche oder ähnliche Reaktionen jedoch jedes Mal, wenn von grönländischer Selbstständigkeit die Rede ist. Häufig gepaart mit einer leicht – oder auch nicht ganz so leicht – beleidigten Attitüde: „Sollen sie doch sehen, wie sie alleine zurechtkommen“.

Arnaq

Bei solchen Sprüchen fällt mir regelmäßig eine weitere ehemalige Kollegin, Arnaq Nielsen, ein. Und bei Arnaq fällt mir dann auch gleich ihr herzhaftes Lachen ein. Das lässt sie nicht nur bei Ansagen, wie der obigen schallen, sondern auch, wenn es um ihr Volk und sie selbst geht.

So hat sie, als bekannt wurde, dass das „Eskimo-Is“ abgeschafft werden sollte, sich schleunigst eines gekauft und das Foto mit sich und dem Eis auf Facebook gepostet.

Was ich eigentlich über Arnaq erzählen wollte, ist jedoch etwas anderes. Sie ist bereits, als sie Anfang 20 war, bei „KNR“ Moderatorin und Chefin vom Dienst geworden. Und das ist typisch für Grönland: Wer was kann, der bekommt sehr schnell viel Verantwortung.

Das ist auch der Hintergrund für eine andere Beobachtung, die ich machte, als ich vor 11 Jahren nach Kalaallit Nunaat gezogen bin: Laufend begegneten mir fähige, talentvolle, tatkräftige und selbstbewusste Personen. Und das bei einer Bevölkerung von gerade mal 56.000 Menschen.

Arnaq Nielsen im Studio

Das sind ungefähr so viele wie in den Kommunen Hadersleben (Haderslev) und Apenrade (Aabenraa). Und ohne jemandem auf die Füße treten zu wollen, so viele Persönlichkeiten wie Grönland hat keine dieser Kommunen auch nur annähernd hervorgebracht.

Daher ist mir um das Land auch überhaupt nicht bange. Gewiss, es gibt massive wirtschaftliche und soziale Probleme; das soll hier gar nicht heruntergeredet werden. Doch begegnen die Grönländerinnen und Grönländer ihnen mit Mut und Offenheit. Dafür ist die letzte Person, die ich dir vorstellen möchte, ein klares Beispiel.

Connie

Connie Arenas ist als 9-Jährige vergewaltigt worden. Davon erzählte sie offen bei einer „KNR“-Debatte zum Thema sexuelle Übergriffe auf Kinder. Am Tag nach der Sendung fanden in ganz Grönland Kundgebungen statt. Connie und ihre Mutter waren in Nuuk selbstverständlich mit dabei.

Seither hat es etliche Diskussionen und Initiativen gegeben. Die fürchterlichen sexuellen Übergriffe sind schon lange kein Tabu mehr. Und es wirkt: Das Problem wird, wenn auch von einem erschreckend hohen Niveau aus, laufend geringer.

Connie Arenas und ihre Mutter bei einer Kundgebung gegen sexuelle Übergriffe im Mai 2015.

So reagiert Grönland auf Herausforderungen.

Inuit

Eigentlich würde ich dir ja gerne noch weitere Persönlichkeiten vorstellen: die Kinderprecherin Aviâja, den Rapper Maasi, die Filmemacherin Aká, den Geologen Minik, die Bildhauerin Bolatta, den Hausmeister Edvard, die Aktivistin Seginninguaq, die Olympiateilnehmenden Michael, Laila und Martin, die Autorin Niviaq und, und, und… Aber das würde dann doch allzu sehr ausufern.

Jetzt wirst du vielleicht fragen, was diese Personen mit der aktuellen Situation zu tun haben. Die kurze Antwort ist: alles.

Denn wenn sich das Schneegestöber gelegt hat, das von Donald Trump aufgewirbelt worden ist, dann wird Dänemark sich mit ihnen befassen müssen. Mit einem Grönland, das selbstbewusst in Richtung selbstständige Nation geht und auf dem Weg die offensichtlichen und großen Probleme angeht.

Wir müssen anfangen, zu verstehen, was sich in dem riesigen Land bewegt. Denn es geht den Grönländerinnen und Grönländern ja nicht darum, sich unbedingt von Dänemark loszureißen. Es geht ihnen darum, die derzeitige Abhängigkeit in eine gleichgestellte Partnerschaft umzutauschen.

Lass mich zum Schluss noch einmal auf Malik Høegh zurückkommen. In einem ihrer bekanntesten Songs hat Sumé Kalaallit Nunaat (das Land der Grönländer) in Inuit Nunaat (das Land der Menschen) umbenannt.

Im Song heißt es: „Was unsere Vorfahren besessen haben, wollen wir an unsere Kinder weitergeben. Es ist Inuit Nunaat“. Und darum geht es ja letztlich. Ivínguak Stork Høegh trägt mit ihrem aktuellen Bild die Fackel ihres Vaters weiter.

Wer bis zum 16. Februar in Kopenhagen vorbeikommt, kann übrigens einige ihrer Werke in einer Ausstellung auf „Nordatlantens Brygge“ sehen. Und wer noch ein wenig über das Geschriebene nachdenken möchte, kann dabei Sumé zu den Tönen von „Inuit Nunaat“ auf einer Tour durch Grönland begleiten: