Leitartikel

„Grönland: Jetzt ist Europa am Zug“

Veröffentlicht Geändert

Am Freitag haben vier von fünf der im grönländischen Parlament vertretenen Parteien einen Koalitionsvertrag unterzeichnet. Die EU sollte die Grönländerinnen und Grönländer in ihrem Kampf für Selbstbestimmung tatkräftig unterstützen. Sie kämpfen nämlich für die europäischen Werte, meint Walter Turnowsky.

Innerhalb von gut zwei Wochen haben vier der grönländischen Parteien einen Kraftakt vollzogen. Unter dem Druck von Außen haben sie große politische Unterschiede überwunden und einen Koalitionsvertrag ausgearbeitet. Die vier Parteien vertreten drei Viertel der Wählerinnen und Wähler.

Die Botschaft aus Nuuk an den US-Präsidenten Donald Trump ist eindeutig: Finger weg von Grönland. „Die Kalaallit (Grönländerinnen und Grönländer) sollen in ihrem eigenen Land respektiert werden, insbesondere von Alliierten und Freunden“, wie der kommende Regierungschef Jens-Frederik Nielsen es nach der feierlichen Zeremonie formulierte.

Die dänische Regierung wird vermutlich bereits eine offizielle Reise nach Grönland planen*. Doch auch in Brüssel täte man gut daran, die Flugverbindungen nach Nuuk zu studieren.

Es geht nämlich schon längst um viel mehr als um das Schicksal der 57.000 Kalaallit. Trump greift mit seinem Anliegen, Grönland übernehmen zu wollen, die Werte an, die das Fundament der europäischen Zusammenarbeit ausmachen.

In diesen Tagen feiern wir im Grenzland, dass die Bonn-Kopenhagener Verträge uns zugesichert haben, dass wir uns frei und selbstbestimmt zu unserer Kultur und Sprache bekennen dürfen. Doch genau das bedroht Trump, indem er darauf besteht, Grönland übernehmen zu wollen. Und mittlerweile ist deutlich geworden, dass er es damit ernst meint.

Das kann nur gegen den Willen der grönländischen Bevölkerung geschehen. In einer Umfrage vom Januar sagten 85 Prozent, dass sie nicht Teil der USA werden wollen. Es dürften seither noch mehr geworden sein.

Am 15. März demonstrierten die Menschen in Nuuk und Sermitsiaq gegen die Pläne von Trump. Es dürften die bislang größten Demonstrationen in Grönland gewessen sein.

Will Europa also verhindern, dass Trump und Wladimir Putin die Welt in eine amerikanische und eine russische Interessensphäre aufteilen, dann ist jetzt resolutes und verantwortungsbewusstes Handeln gefordert. So wie es die grönländische Politik vorgemacht hat.

Vor gut einem Jahr hat die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, in Nuuk eine Vertretung eröffnet. Es wäre ein wichtiges Signal, wenn sie jetzt erneut nach Grönland reisen würde. Sie hat der Regierung bereits auf „X“ gratuliert: „Sie verdienen Partner, die Sie respektieren und als Gleichgestellte behandeln.“

Sie darf dies gerne in Nuuk mit Nachdruck wiederholen – und auch gleich Initiativen zu einer engeren Zusammenarbeit mitbringen. Mit der neuen Regierung hat sie jetzt auch wieder eine Ansprechpartnerin. Die Präsidentin würde von der Politik wie von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen werden.

Auch Deutschland sollte als größtes EU-Land eine stärkere Rolle in der Arktis spielen als bisher. Wenn sich die CDU und die SPD auf einen Koalitionsvertrag geeinigt haben, würde es auch der Regierung von Friedrich Merz gut zu Gesicht stehen, Grönland einen Besuch abzustatten.

Selbstverständlich gibt es momentan reichlich innen- wie außenpolitische Aufgaben, die auf die kommende Bundesregierung warten. Die europäische Unterstützung für die Ukraine ist nach Trumps Machtübernahme wichtiger denn je geworden. Doch die Krisen hängen eben zusammen.

Und außerdem ist ein Besuch in Grönland immer ein großes Erlebnis. Da braucht Friedrich Merz lediglich den deutschen Botschafter in Kopenhagen, Pascal Hector, zu fragen. Er hat Kalaallit Nunaat bereits wiederholt besucht.

* Ergänzung: Um 18.02 Uhr gab Staatsministerin Mette Frederksen (Soc.) bekannt, dass sie Grönland von Mittwoch bis Freitag besuchen wird.