Standpunkt

„Europa: Das unentbehrliche und unvermeidliche Deutschland“

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Unter Kanzler Merz hat sich Deutschland als europäischer Dreh- und Angelpunkt etabliert. Europa spricht nun mit einer Stimme – und die Leitung führt nach Berlin. Eine Stadt mit schwerer Vergangenheit ist wieder auf dem Weg, Geschichte zu schreiben.

Keine andere Hauptstadt der Welt scheint so reich an Erlebnissen zu sein wie Berlin, und das im Guten wie im Schlechten, wenn man so will. Wie in allen anderen Städten und politischen Machtzentren beginnen die Wachstumsschmerzen und die Bedeutung in kleinen Schritten, bevor man sich, als wenn nicht unentbehrlich, so doch als unvermeidliche Großmacht und politischer Brennpunkt behaupten kann, und Berlin ist in dieser Hinsicht absolut keine Ausnahme.

Die Geschichte des Aufstiegs Berlins als politisches Kraftzentrum, seines Niedergangs und seines Wiederaufstiegs ist faszinierend, beeindruckend und beängstigend zugleich. Keine andere Stadt als Berlin scheint eine so schillernde und wechselvolle Geschichte hinter sich zu haben, die sich bis heute – fast 35 Jahre nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten – in der anhaltenden Suche des Landes nach seinem Platz in Europa und seiner Rolle in der Welt deutlich macht.

Während Europa – lange bevor der jetzige amerikanische Präsident Donald Trump ins Weiße Haus einzog – immer wieder deutsche Führung gefordert hat, stand das neue und große wiedervereinigte Deutschland auf der falschen Seite des Zauns, um nicht ungewollt auf Kosten anderer Länder dominant zu werden, und zog sich deshalb in einer fehlgeleiteten Toleranz und Rücksichtnahme auf die Außenwelt an den Rand der Außenpolitik zurück.

Deutschlands Zurückhaltung – und ihre Folgen für Europa

Die Vergangenheit Hitlerdeutschlands spukt noch immer und lässt das neue Deutschland Angst vor seinem eigenen Schatten haben. Das war so, als der Bundestag und die Bundesregierung in Bonn residierten, und das ist auch in Berlin viel zu lange und leider so geblieben.  

Wenn man die deutsche Außenpolitik verstehen und beschreiben will, dann lässt sich das am besten damit erklären, dass das Land keine Außenpolitik hat. Die Bescheidenheit und Zurückhaltung Deutschlands, wenn es um Europa und globale Fragen geht, dienen aber weder ihm selbst noch Europa.

Im Gegenteil, die Unsichtbarkeit Deutschlands kann nicht als Schwäche gesehen und wahrgenommen werden, sondern als Versagen des Europas, von dem es so gerne ein Teil sein, es schützen und stärken will.

Natürlich will niemand ein deutsches Europa – und schon gar nicht die Deutschen selbst –, ein europäisches Deutschland strebt, wie es so oft von aufeinanderfolgenden westdeutschen Regierungen zum Ausdruck gebracht und betont wurde.

Europa braucht deutsches Engagement – nicht deutsches Diktat

Aber wenn Deutschland ein europäisches Deutschland will, braucht es deutsches Engagement und deutsche Führung, nicht zu verwechseln mit deutschem Diktat. Was wir in Europa, und nicht zuletzt in Deutschland selbst, lernen müssen zu verstehen, ist, dass das eine das andere nicht ausschließt. Die Tatsache, dass Deutschland die Rolle des Führungs- und Stützlehrers Europas übernimmt, bedeutet nicht, dass Europa sich der deutschen Herrschaft unterwirft oder sich auf andere Weise von Berlin aus regieren lassen sollte.

Es geht schlicht und doch nur darum, eine deutsche Lokomotive zu haben, an der sich andere Länder in Europa festhalten und sich durch eine zunehmend unruhige und unberechenbare Welt ziehen lassen können. Kein europäisches Land – mit Ausnahme (vielleicht) Deutschlands – wird in der Lage sein, auf eigenen Beinen oder aus eigenem Recht zu stehen, aber gemeinsam wird Europa in der Lage sein, sich als globaler Akteur zu behaupten, aber wie gesagt, das geht nicht ohne ein starkes und führendes Deutschland, sowohl politisch und wirtschaftlich als auch militärisch.

Mit anderen Worten: Es ist nicht (so sehr) Deutschland, das Europa braucht, sondern vielmehr Europa, das Deutschland braucht, und es ist nicht irgendein Deutschland. Was Europa so dringend braucht, ist ein starkes und selbstbewusstes Deutschland, das keine Angst mehr vor dem eigenen Schatten hat und das keine Angst hat, Initiativen zu ergreifen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich viel getan, und es geht darum, die Geschichte nicht zu vergessen, sondern in den notwendigen Perspektiven zu denken. Wenn Europa sich einerseits retten und andererseits eine Rolle auf der Weltbühne als globaler Akteur spielen will, ist es wichtig, in die Zukunft zu blicken und die Sünden der Vergangenheit nicht gegeneinander zu verwenden, und schon gar nicht gegen Deutschland, das für ein starkes und sich selbst tragendes Europa nicht nur unabdingbar, sondern schlicht unvermeidlich ist.

Ein neuer Kanzler – alte Erwartungen

Das bedeutet, dass Deutschland mehr aus sich machen und Stärke zeigen muss, nicht nur um Deutschlands willen, sondern vor allem um Europas willen. Ohne Deutschland gibt es keinen europäischen globalen Akteur, und ohne Europa werden Länder wie die radikalisierten und protektionistischeren Vereinigten Staaten, das diktatorische Russland und das imperialistisch gesinnte China nach Belieben teilen und herrschen.

Als neu ernannter Bundeskanzler sind viele Augen auf Friedrich Merz und sein Wirken gerichtet. Dies war auch der Fall, als Friedrich Merz zur allgemeinen Überraschung nicht im ersten Wahlgang zum Bundeskanzler gewählt wurde. Aber später am selben Tag gelingt es trotzdem. Auch weil die Weltlage zu ernst ist, um Katechismus zu betreiben.

Wie Unionsfraktionschef Jens Spahn es klar zum Ausdruck brachte: „Ganz Europa, vielleicht die ganze Welt schaut auf diesen Wahlgang (…). Ich appelliere an alle, sich dieser besonderen Verantwortung bewusst zu sein.“

Mit Jens Spahns Wortwahl kann man fast nicht vermeiden, die Gedanken zurück zu Ernst Reuter, dem Oberbürgermeister West-Berlins, zu leiten, der in seiner Rede am 9. September 1948 vor dem Reichstagsgebäude an die Weltgemeinschaft mit den berühmten Worten appellierte: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“

Alle Augen auf Berlin – Erwartungen an die neue Bundesregierung

So wie damals, als am 6. Mai 2025 alle Augen auf Berlin gerichtet waren, nicht um von anderen Ländern gegen die Russen geholfen und gerettet zu werden, sondern in Hoffnung und Erwartung, dass Deutschland Ruhe und Ordnung in einer unsicheren und instabilen Welt schaffen könnte, nicht zuletzt in den europäischen Ländern, die deutschen Führungsstil vermissen.

Friedrich Merz hätte sich sicherlich einen anderen Beginn im Bundeskanzleramt gewünscht, und trotzdem hat er auf tragisch-komische Weise vor seiner Ernennung zum Bundeskanzler schon in frühen Anfängen Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wurde er im ersten Wahlgang nicht zum Bundeskanzler gewählt. Aber das gehört der Vergangenheit an, und sein Kabinett muss nach vorn schauen. Nicht zuletzt, weil Deutschland gebraucht wird.

Europa braucht unbedingt eine stabile und handlungsfähige Bundesregierung, in der es keinen Raum für interne Streitigkeiten oder Instabilität in den eigenen Reihen gibt, weder in der Bundesregierung noch zwischen den EU-Staaten.

Deutschlands neue Rolle – selbstbewusst in Europa

Schon in einer außenpolitischen Grundsatzrede bei der Körber-Stiftung im Januar dieses Jahres kündigte Friedrich Merz an, dass er als Bundeskanzler die Rolle Deutschlands in Europa neu definieren will. Er wolle „die europapolitische Sprachlosigkeit Deutschlands beenden“, wie er sich ausgedrückt hat. Am wichtigsten sei ihm dabei „die Reparatur“ der Beziehungen Deutschlands zu Frankreich und zu Polen.

Dass dem neu gewählten Bundeskanzler diese Aufgabe bewusst ist und er sie übernommen hat, bestätigen seine ersten beiden Auslandsreisen, die am Tag nach seinem Amtsantritt nach Paris und Warschau führten – Deutschlands wichtigste Partner laut Friedrich Merz, nicht zuletzt im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik in einer unruhigen und unsicheren Zeit mit Krieg auf dem europäischen Kontinent und einem unberechenbaren amerikanischen Präsidenten.

Ob Polen mit der Wahl des rechtsorientierten Karol Nawrocki zum Präsidenten Teil des französischen und deutschen Motors wird, scheint schwer vorherzusagen. Deutschland wird Polen immer herzlich willkommen heißen, was auch durch den früheren Besuch der Bundeskanzler in Warschau bestätigt wurde, Karol Nawrocki entscheidet aber selbst.

Berlin sendet neue Töne in die Welt

Eines steht aber klar und fest: Der deutsche Bundeskanzler lässt sich in seinen Bemühungen, Europa stark zu machen, nicht aufhalten, ebenso wenig wird er es zulassen, dass Länder mit dem Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland argumentieren, sei es Polen oder Israel, wobei eben Israel zum ersten Mal in der Geschichte des Landes scharfe und harte deutsche Kritik für sein gewaltsames Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza und im Westjordanland erfahren hat.

Dass Deutschland auf dem besten Weg ist, aus dem Schatten des Zweiten Weltkriegs herauszutreten und die Führung Europas zu übernehmen, bestätigt sich ebenfalls durch die Vereinbarungen mit Frankreich und Großbritannien, das sogenannte Drei-Format, und die Einstellung Deutschlands des Waffenverkaufs an Israel. 

Neue Töne aus Berlin, an die sich auch die Vereinigten Staaten, Russland und China gewöhnen müssen, egal ob man es mag oder nicht. Deutschland will nicht länger am Rand oder in der zweiten Reihe stehen. Deutschland wird seine Verantwortung als das größte Land und die größte Wirtschaft Europas übernehmen.

Eine „Sternstunde“ für Deutschland – und für Merz

Unter mehreren Themen in seiner ersten Regierungserklärung am 14. März 2025 im Bundestag wurde so auch die Bundeswehr erwähnt. Deutschlands neue Rolle in und für Europa erfordert auch und vor allem eine Stärkung der Bundeswehr. Laut Friedrich Merz soll die Bundeswehr deshalb „konventionell zur stärksten Armee Europas“ gemacht werden.

Die Aufgaben für den neuen Bundeskanzler sind zahlreich, und das gilt auch für die Erwartungen Europas und der Außenwelt. 

Während sich Deutschland die meiste Zeit der Geschichte als politische Belastung erwiesen hat, kann Deutschland im 21. Jahrhundert als politische Befreiung in die Geschichte eingehen. 

Anders gesagt: Das könnte die „Sternstunde“ von Friedrich Merz sein …

Preben Bonnénist Politologe, Historiker und Schriftsteller aus Dänemark mit umfassenden Kenntnissen der deutschen Politik und Geschichte sowie mit früheren und mehreren Aufenthalten in Deutschland, etwa als Student an der Universität Osnabrück und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg. Außerdem hat er unter anderem das Buch „Die Deutsche Einheit und Deutschland – Eine ausgebliebene Einheit?“ beim S. Roderer Verlag, Regensburg, im Jahre 1997 veröffentlicht und in mehreren dänischen Zeitungen über die deutsche Politik geschrieben.