Literatur

„Eine Hommage: Warum wir Bücher mehr denn je brauchen“

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Das Buch feiert ein Comeback. Zu Recht, findet Anna-Lena Holm. Denn das geschriebene Wort kann einiges, was Geschichten, die auf Netflix und Co. erzählt werden, nicht leisten können. Lesen erfordert schließlich Konzentration und lässt nebenbei nichts anderes zu, was Aufmerksamkeit verlangt.

Trotz Freude am Lesen finden viele erst im Urlaub die Zeit, sich einem Buch zu widmen. Andere gönnen sich, wenn die Müdigkeit sie nicht übermannt, ein paar Seiten am Abend oder am Wochenende. Wieder andere lassen sich täglich von Büchern durch den Alltag begleiten.

Nun scheinen immer mehr Menschen das Besondere zu entdecken, was Bücher leisten können. Booktok inspiriert insbesondere junge Frauen, wieder vermehrt zur Literatur zu greifen. Der Zeitgeist hat dieses Phänomen möglich gemacht. Und der Hintergrund ist wohl nicht eben so angenehm wie die Tatsache, dass das Buch ein Revival erlebt.

Was Geschichten können

Denn bei vielen Lesenden erfüllen Bücher das Bedürfnis nach Ablenkung. In einer Wirklichkeit, in der täglich die neuesten Meldungen auf uns einprasseln, kann ein Buch – ob digital oder analog – viel für die mentale Gesundheit leisten. Ein immer zugänglicher Safe Space, wenn der Kopf „Rückzug“ aus einer mit schlechten Nachrichten getränkten Wirklichkeit verlangt.

Ob Roman oder Sachbuch – Literatur entführt in andere Welten. Eine Geschichte kann Halt geben, trösten, den Horizont erweitern und Denkimpulse setzen. Dabei ist das Erzählte im besten Fall schlüssig – anders als so viele andere Vorgänge in der heutigen Lebenswirklichkeit, die einen manchmal verzweifeln lassen.

Insbesondere bei Romanen ist das Erzählte eine Art Mitmach-Projekt. Es setzt also nicht das ganze vorgekaute Produkt vor – sie bietet eigene Gestaltungsfreiheit. Beim Lesen oder Hören entstehen eigene Bilder. Und sind die Beschreibungen noch so detailliert: Mehr Beschreibungen bieten mehr Gestaltungsimpulse. Das fördert die Kreativität und lässt die Geschichte zur eigenen werden.

Und: Das Gelesene bietet Stoff zum Austausch. Menschen mit gleichen Vorlieben vernetzen sich aufgrund von Buch-Podcasts, Instagram- oder TikTok-Accounts und Lesekreisen vor Ort – welch eine schöne Errungenschaft!

Die Macht des geschriebenen Worts

Das alles ist aber erst mal mehr dem Inhalt als dem geschriebenen Wort selbst zu verdanken. Die genannten Vorzüge könnten sowohl Hörbücher als auch Netflix und Co. wohl ebenfalls leisten. Warum also das geschriebene Wort?

Wer sich hin und wieder in ein Buch vertieft, weiß: Lesen verzeiht kein Abschweifen. Während eines Films oder eines Hörbuchs passiert es leicht mal, dass etwas anderes die Aufmerksamkeit auf sich zieht – zum Beispiel das Handy. Dann finden verschiedene Dinge gleichzeitig statt. Diese Parallelität aber funktioniert beim Lesen nicht. Um dem Handlungsstrang zu folgen, ist es dringend notwendig, sich durchgehend auf die Geschichte zu konzentrieren. Für die Dauer, in der eine Leserin oder ein Leser sich in ein Buch vertieft, rückt also zwangsläufig alles andere in den Hintergrund. Und dieses temporäre Vergessen – diese Auszeit fürs Gehirn – kann sehr heilsam sein.

Gleichzeitig üben wir etwas wirklich Brauchbares – und zwar längere Konzentrationsphasen. Daher ist Booktok schon nahezu eine paradoxe Gegenbewegung zu den schnellen Videos, in denen die Booktok-Bücher selbst auf TikTok vorgestellt werden. In den Videos der App wird den Nutzenden eine kurze Aufmerksamkeitsspanne abverlangt, die sie sich dann in den beworbenen Büchern wieder antrainieren lässt.

Studien zeigen außerdem, dass Lesen dabei hilft, Stress abzubauen. Vielleicht ist es daher gerade sinnvoll, das Buch aus dem Urlaub in den Alltag zu holen. Wenige Seiten sollen da bereits reichen, heißt es.

Das Lesen im Alltag sollte allerdings das Urlaubsbuch auf keinen Fall ersetzen. Entspannung ist schließlich auch im Urlaub erwünscht!