Leitartikel

„DSSV-Krise: Notlösung ist die richtige Lösung“

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Enge Zusammenarbeit: Der Schul- und Sprachverein und der BDN finden in der Krise einen gemeinsamen Weg. Warum er dies als die einzige und richtige Lösung sieht, beschreibt Chefredakteur Gwyn Nissen im Leitartikel.

Hat der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) den größten Verband der deutschen Minderheit, den Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) übernommen? Natürlich nicht, obwohl es den Anschein einer Zentralisierung hat, wenn die beiden Spitzenleute im BDN, Generalsekretär Uwe Jessen und Hauptgeschäftsführer Bernd Søndergaard, nun führende Rollen im DSSV übernehmen werden. Was der DSSV jetzt braucht – und dadurch hoffentlich bekommt – sind Kontinuität und Stabilität.

Aus der Not heraus haben der Dachverband der Minderheit (BDN) und der Schul- und Sprachverein eine vernünftige Lösung bis Ende 2026 getroffen, die dem DSSV und dementsprechend auch der Minderheit aus der aktuellen Krise helfen soll.

DSSV 2024 mit großem Minus

Der Deutsche Schul- und Sprachverein wird in Kürze sein bisher größtes Minus – mehrere Millionen Kronen – für das Geschäftsjahr 2024 präsentieren. Dazu kommen Probleme in Teilen des Kindergartenbereichs und eben der Weggang von Lasse Tästensen, der sich nach nur fünf Monaten aus persönlichen Gründen vom neu geschaffenen Posten als DSSV-Geschäftsführer verabschiedete. Dabei hatte er im DSSV-Krisenmanagement eine Schlüsselrolle.

Der Deutsche Schul- und Sprachverein hat in der Krise das einzig Richtige getan und Hilfe beim BDN gesucht. In der Situation ist die Zusammenarbeit zwischen DSSV und BDN die beste Lösung, denn was der Schul- und Sprachverein jetzt unbedingt braucht, ist Ruhe und Kontinuität, um die Krise zu bewältigen.

Neue Struktur war der richtige Weg

Das bedeutet allerdings nicht, dass die bisherige Struktur im Verband die falsche ist. Über die Jahre hinweg ist die Arbeit der Schulräte und Schulrätinnen gewachsen, und das Amt mit einem Haushalt um die 300 Millionen Kronen ist nicht mehr – und war nicht – ein Job für nur eine Person.

Daher war die Entscheidung des DSSV, seit Herbst 2024 eine übergeordnete Geschäftsführung (Lasse Tästensen) zu haben – und daneben Abteilungsleiterinnen und -leiter für Schulen (Schulrätin Catarina Bartling), Kindergärten (Stephan Sass) und das Gymnasium (Jens Mittag) – die richtige Maßnahme.

Daran hat sich auch nach dem überraschend schnellen Ausscheiden von Lasse Tästensen nichts geändert.

Der DSSV bewahrt seine Selbstständigkeit

Der Deutsche Schul- und Sprachverein braucht natürlich in Zukunft eine selbstständige Leitung und Struktur. Nur ist der Zeitpunkt mitten in der bisher größten finanziellen Krise ein schlechter, um einen so wichtigen Personalwechsel zu vollziehen.

Der Verband kann jetzt nicht fünf oder sechs Monate auf eine Tästensen-Nachfolge warten – plus Einarbeitung. Zumal auch die kommissarische Schulrätin Catarina Bartling zum Sommer aufhört und dem DSSV Mitte des Jahres dadurch potenziell zwei Führungskräfte fehlen würden.

Daher ist es eine pragmatische und vernünftige Lösung, den beiden BDN-Spitzen mittelfristig übergeordnete Leitungsaufgaben beim DSSV zu geben.

Festzuhalten ist dabei, dass der DSSV nicht vom BDN übernommen worden ist. Weder Uwe Jessen, Bernd Søndergaard noch der BDN-Hauptvorsitzende Hinrich Jürgensen bestimmen die Richtung beim DSSV. Der Schul- und Sprachverein ist weiterhin ein selbstständiger Verband, und die Entscheidungskraft liegt in den DSSV-Gremien. Diese könnten auch die Absprache mit dem BDN morgen kündigen, falls es doch nicht läuft wie geplant.

Enge Zusammenarbeit ist notwendig

Übrigens gibt es bereits heute anderswo in der Minderheit ähnliche Strukturen, wie die, die jetzt vom DSSV und BDN eingegangen worden sind: Auch Verbände wie der Deutsche Jugendverband für Nordschleswig und der Sozialdienst Nordschleswig sind mit Finanzen und teils mit Personal eng an das BDN-Generalsekretariat gebunden. Das gilt auch für die Buchhaltung des „Nordschleswigers“.

Damit ist die Selbstständigkeit der Verbände allerdings nicht beim BDN deponiert worden – im Gegenteil: Es bestimmt immer noch der Vorstand des Sozialdienstes, was im Verband läuft, und dasselbe gilt für den Jugendverband und beim „Nordschleswiger“.

Die verstärkte Zusammenarbeit in Bereichen wie Buchhaltung und Finanzen ergibt bei den kleinen Verbands-Einheiten in der Minderheit Sinn. Auch in anderen Bereichen muss die Minderheit in den kommenden Jahren nachziehen und größer denken, weil vieles heute komplizierter ist als noch vor 10 oder 20 Jahren.

Bereiche wie die IT oder das Gebäudemanagement – die deutsche Minderheit hat über 60 eigene und gemietete Immobilien – werden heute noch in den einzelnen Verbänden selbst geregelt, wobei schon länger ein Bedarf an mehr Professionalität besteht.

Große Aufgabe für BDN-Spitzenleute

Eine berechtigte Frage ist natürlich, ob die beiden Spitzenleute des BDN die Zeit haben, „nebenbei“ auch noch den DSSV zu leiten, beziehungsweise ob beim BDN nun etwas auf der Strecke liegen bleibt.

Uwe Jessen und Bernd Søndergaard müssen die nötige Zeit und die nötige Balance finden, damit sowohl der BDN als auch der DSSV engagiert geführt werden.

Die Finanzen und den Kindergartenbereich des DSSV wieder in richtige Bahnen zu leiten, ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Minderheit überhaupt in diesen Monaten – und verlangt den gesamten Fokus. Denn: Wenn der DSSV wackelt, rüttelt dies auch am Fundament der Minderheit – inhaltlich und finanziell.