Kommentar

„Die späte Eule fängt die Maus: Mehr Respekt für die Nachtaktiven“

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Eule
Als „Eulen“ werden Menschen bezeichnet, die später am Tag besonders leistungsfähig sind. Damit erinnern sie an die nachtaktiven Vögel, die im Dunkeln besonders gut hören und sehen können.

Schlauer ist, wer später aufsteht. Dafür gibt es wissenschaftliche Belege. Dennoch gelten Menschen, die nicht schon um 8 Uhr im Büro auf der Matte stehen, noch heute als faul oder unorganisiert. Cornelius von Tiedemann ist der Meinung, dass wir endlich umdenken sollten. Ansonsten machen wir Menschen mit großem Potenzial das Leben unnötig zur Qual.

Dichter Drängelverkehr aus südlicher Richtung auf dem Weg nach Apenrade um kurz nach 8 Uhr morgens. Einzelne, entspannt dahingleitende Autos und zwei, drei Fahrräder auf kraftsparender Talfahrt hingegen um kurz vor 10.

Was für ein Unterschied. Zu welchem Großereignis pilgern all die Menschen zu früher Stunde? Und weshalb sind diejenigen, die später fahren, so gelassen?


Die Antwort: Der Großteil der Menschen hetzt weiter zur Arbeit, als lebten wir noch immer im Zeitalter der Industrialisierung und der Stechuhr. Fremdbestimmt normiert takten wir unsere Leben, um nicht als Störfaktoren im Getriebe der Produktivitätsmaschinerie erkannt und bloßgestellt zu werden. Ein Zahnrad soll schließlich ins andere greifen. Zugegeben, hier im ländlichen Raum gibt es noch vereinzelt Bäuerinnen und Bauern, die die Bedürfnisse etwa ihres Viehs nicht verschlafen sollten.

Wir Menschen sind, oh Wunder, gar keine Zahnräder!

Cornelius von Tiedemann

Doch für den Rest von uns gilt: Die Fixierung auf den frühen Morgen ist nicht nur ungerecht, sondern auch überholt. Wir Menschen sind nämlich, oh Wunder, gar keine Zahnräder!

Ein neues britisches Studienergebnis, das Nachtmenschen in Tests besser abschneiden lässt als ihre morgendlichen Gegenstücke, hat nicht nur das einmal mehr bestätigt. Sondern reiht sich ein in einen Wust an wissenschaftlichen Schriften, der belegt, dass Frühaufstehende sich ihren nachtaktiven Mitmenschen zwar oftmals überlegen fühlen – es aber nicht sind.

Barack Obama
Barack Obama, hier im Wahlkampf 2008, hat geschafft, was viele für unmöglich hielten. Als Präsident über zwei Amtszeiten war er bekannt für seine späten Arbeitszeiten.

In einer Reihe kognitiver Tests, also Tests, die Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen, Kreativität, Planen, Orientierung oder Vorstellungskraft betreffen, schnitten die Menschen, die den Tag lieber später beginnen („Eulen“), besser ab als die frühen Vögel („Lerche“). „Chronotypen“ werden diese unterschiedlichen Gruppen auch genannt.

Neu über unseren Alltag nachdenken

Doch leider haben die chronotypischen Unterschiede bis heute schwerwiegende gesellschaftliche – und menschliche – Folgen. Deshalb sollten wir alle, fünf Jahre nach der Zäsur durch Corona, wieder einmal über die Struktur unseres (Arbeits-)Alltags nachdenken.

Denn Menschen sind auf viele Weisen unterschiedlich – nicht nur in ihren Vorlieben, sondern auch in ihrer biologischen Uhr. Während „A-Menschen“ oder „Lerchen“ früh aufstehen und produktiv sind, erleben „B-Menschen“ oder „Eulen“ ihre Hochphase oft erst später am Tag. Diese Unterschiede sind genetisch bedingt und nicht willentlich steuerbar.

Dennoch ist unsere Gesellschaft fast ausschließlich auf die Bedürfnisse der Frühaufstehenden ausgerichtet. Bereits der Fakt, dass sie oft als „A-Menschen“ bezeichnet werden, legt eine Wertung nahe. Zum Glück haben sich unter Forschenden inzwischen die Bezeichnungen „Lerche“ und „Eule“ durchgesetzt. Schließlich wissen doch alle, dass eine Eule eine Lerche jederzeit im Kampf besiegen würde.

Dennoch gilt, wer später aktiv wird, schnell als faul oder unorganisiert. Dass dieser Eindruck auch deshalb entsteht, weil der „soziale Jetlag“ Nachtmenschen enorm belastet, wird vergessen. Sie erhalten weniger Schlaf, kämpfen häufiger mit Depressionen und haben ein höheres Risiko für gesundheitliche Probleme.

Müde
„Eulen“ sind nicht grundsätzlich müde – sondern vor allem dann, wenn sie nach einem fremdbestimmten Rhythmus leben müssen (Symbolfoto).

Nachtmenschen haben das Überleben der Menschheit gesichert

Doch in der Geschichte der Menschheit waren sie es, die das Überleben der Gemeinschaft sicherten – sei es durch Schutz vor Gefahren in der Nacht oder durch kreative Arbeit in den stillen Stunden. Statt sie zu belächeln oder zu marginalisieren, sollten Menschen, die spät aktiv sind, Respekt erhalten.

Warum sollen Arbeitszeiten heutzutage nicht stärker an individuelle Chronotypen angepasst werden? Technisch ist das in vielen Fällen problemlos möglich. Warum starten Schulen nicht später, um Jugendlichen – deren biologische Uhr ohnehin später tickt – bessere Lernbedingungen zu bieten? Damit die Eltern rechtzeitig zur Arbeit kommen, die viel zu früh beginnt? Warum haben Behörden schon längst geschlossen, wenn „Lerchen“ und „Eulen“ noch arbeiten müssen, und wie geht es eigentlich den „Eulen“, die in den Behörden arbeiten müssen? Und warum fährt hier in Nordschleswig, in einem der reichsten Länder der Welt, fast kein Bus mehr am späteren Nachmittag?

Im wahrsten Sinne zeitgemäße Veränderungen würden hier nicht nur den Stress für alle reduzieren, sondern auch die Produktivität steigern. Denn wer in seiner biologischen Hochphase arbeitet, leistet mehr.

Nachtmenschen verdienen Respekt und gleiche Chancen. Von der Kindheit bis ins Alter. So sorgen wir für Gerechtigkeit und Gesundheit und ganz bestimmt auch für entspanntere Fahrten auf Straßen und in Bussen und Bahnen.

Was wir mit all den Würmern und Mäusen machen, die dann morgens und abends gefangen werden, fällt uns schon noch ein. Wir sind ja dann ein rundum ausgeschlafenes Völkchen.