Diese Woche In Kopenhagen

Die Nordi-Verleihung in der dänischen Politik 2025: Sämtliche Preise und Nominierte

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Der Wachhund auf der Pressetribüne im Folketingssaal

Es hat bereits Tradition: Zum Jahreswechsel vergibt der „Nordschleswiger“ Preise für die besten Leistungen in der dänischen Politik des vergangenen Jahres. In diesem Jahr gibt es Nordis in fünf Kategorien. Die Jury hat entschieden, und nun ist es an der Zeit, dass Conférencier Walter Turnowsky die Gewinnerinnen und Gewinner bekannt gibt:

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

herzlich willkommen zu dem bereits traditionsreichen Preisfest, der Nordi-Verleihung. Im Video konnten Sie ja bereits die Kürung in einer Kategorie sehen

Die strenge Jury, bestehend aus der Kopenhagen-Redaktion des „Nordschleswigers“ – also meiner Wenigkeit, hat jedoch in vier weiteren Kategorien nominiert und die Siegerinnen und Sieger auserkoren.

Meine Damen und Herren, hier kommen die Auserwählten in der ersten Kategorie:

Die erfolgreichste Niederlage

Troels Lund Poulsen: Bei der Kommunalwahl am 18. November hat Venstre das schlechteste Ergebnis seit 36 Jahren erzielt. Parteichef Troels Lund Poulsen und seine Vize, Stephanie Lose, haben es bereits am Wahlabend als Sieg gefeiert. Sie hatte Schlimmeres befürchtet, nachdem sich die liberale Bauernpartei seit der vorherigen Wahl in drei Fraktionen geteilt hat (die Moderaten und die Dänemarkdemokraten sind die anderen beiden). Außerdem konnten Lund Poulsens Truppen bei den Bürgermeisterposten zulegen – und er selbst wird ernsthaft als möglicher Staatsminister gehandelt.

Mona Juhl: Auch die Konservativen mussten Federn lassen, konnten jedoch bei den Bürgermeisterposten deutlich zulegen. Mit 20 Posten übertrafen sie nicht nur das hervorragende Ergebnis von 2021, sondern auch ihre eigenen Erwartungen. Nach Jahren der Bedeutungslosigkeit sind sie mit Mona Juhl an der Spitze wieder ein ernstzunehmender Faktor in der dänischen Politik. Bei der Regierungsbildung nach der Wahl könnten sie durchaus eine entscheidende Rolle spielen.

Mads Fuglede: 2024 wechselte er von Venstre zu Inger Støjbergs Dänemarkdemokraten. In der Wahlnacht konnte er sich als der kommende Bürgermeister von Ringkøbing-Skjern präsentieren. Doch drei Tage später flog ihm die Konstituierung um die Ohren. Eine Reihe der übrigen Parteien hat geklüngelt und den Kandidaten der Konservativen zum Bürgermeister gewählt. Doch allein die Tatsache, dass die rechtspopulistische Partei bei ihrer ersten Kommunalwahl in der westjütischen Kommune sieben Mandate holen konnte, ist ein deutlicher Erfolg. Mit den Dänemarkdemokraten wird auch bei der kommenden Folketingswahl zu rechnen sein.

Und der Gewinner ist … Troels Lund Poulsen.

Somit sind wir auch bereits bei den Nominierten in der zweiten Kategorie angekommen:

Die schönste politische Luftnummer:

Inger Støjberg: Im September schrieb die Vorsitzende und Gründerin der Dänemarkdemokraten in den sozialen Medien, dass zwei „Einwanderermänner“ versucht hätten, sie auf der Autobahn gegen die Leitplanke zu drängen. Der Beifahrer soll ihr währenddessen den Stinkfinger gezeigt haben. Das Problem bei ihrer Darstellung: Sie stimmt nicht. Ihre eigenen Leibwächter haben gegenüber der Polizei ausgesagt, dass lediglich von einem wagemutigen Überholmanöver die Rede war; Gefahr habe keine bestanden.

Rasmus Stoklund: Der sozialdemokratische Integrations- und Ausländerminister möchte muslimische Gebetsrufe verbieten. Eine Umfrage unter den Kommunen zeigt allerdings, dass es diese kaum gibt. 

Inger Støjberg: Die Parteichefin scheint insgesamt ein etwas entspanntes Verhältnis zur Wahrheit zu haben. Während des Kommunalwahlkampfes hat sie in einem Video behauptet, dass am Wochenende in der nordjütischen Stadt Støvring keine Busse fahren. Nur: Sie stand an der falschen Haltestelle – es fahren 34.

Und die Gewinnerin ist … Inger Støjberg (die Leserinnen oder Leser dieser Zeilen können sich selbst aussuchen, für welche der beiden Auftritte sie den Preis erhalten soll).

Womit wir bei den Nominierten für die dritte Kategorie wären: 

Die beste politische Initiative ohne Aussicht auf Erfolg

Peter Kofod: Der Abgeordnete der Dänischen Volkspartei hat vorgeschlagen, eine Statue von Kaiser Wilhelm I. aus dem Museum zu holen, um sie wieder in seiner Heimatstadt aufzustellen. Das kann er auch getrost vorschlagen, denn die Idee wird nie im Leben realisiert werden. 

Anders Kronborg: Der sozialdemokratische Abgeordnete möchte die bösen Wölfe von Jütland nach Seeland und Fünen verfrachten, damit es in Jütland weniger gibt. Niemand hat ihm anscheinend erzählt, dass es südlich der Grenze weiterhin Wölfe gibt, die sich als Zugezogene in Jütland niederlassen könnten.

Mette Frederiksen: Sie hat 2024 die Kopenhagener Oberbürgermeisterin Sophie Hæstorp abberufen (und zur Sozialministerin gemacht), um ihre Sommerhausfreundin Pernille Rosenkrantz-Theil in der Hauptstadt ins Rennen zu schicken. Das ging kräftig schief: Die Sozialdemokratie landete mit mageren 12,7 Prozent an dritter Stelle und verlor nach mehr als 100 Jahren den OB-Posten – was eigentlich vorhersehbar war. Neben der insgesamt missglückten Kommunalwahl hat es dazu geführt, dass es innerhalb der Partei erstmals öffentliche Kritik an der Chefin gibt.  

Und der Gewinner ist … Peter Kofod.

Und damit sind wir bei den Nominierten in der Kategorie:

Der unauffälligste Erfolg

Pia Olsen Dyhr: Die SF-Chefin liebt die Verhandlungsräume mehr als das große Mikrofon. Während des Kommunalwahlkampfes hielt sie am sachlichen Ton fest. Und das, obwohl die sozialdemokratische Führungsspitze die Volkssozialisten vor allem in Kopenhagen regelrecht beschimpft hat. Doch am Ende holte SF mit Sisse Marie Welling den Oberbürgermeisterposten. Pia kann sich seither über Rückenwind in den Umfragen freuen: Ihre Partei liegt fast gleichauf mit der Sozialdemokratie. Und selbst ist sie in einer Umfrage von Epinion zum 15. Mal zur populärsten Politikerin auf Christiansborg erkoren worden

Die lokale „Grønne Treparts“: Im Februar setzten sich Vertretende der Landwirtschaft, des Naturschutzes und der Kommunen zusammen. Die Aufgabe der 23 Drei-Parteien-Gespräche: Sie sollten landwirtschaftliche Flächen von der Größe Nordschleswigs finden, die in Wälder und Naturgebiete umgewandelt werden können. Sie hatten dafür nur bis zum Jahresende Zeit – und sie haben es geschafft – ohne viel Geschrei. 

Stephanie Lose: Die zweite Vorsitzende von Venstre hatte bereits als Vorsitzende der Region Süddänemark Erfolg mit ihrem sachlichen Stil. Auch als Wirtschaftsministerin pflegt die Frau aus Lügumkloster (Løgumkloster) ihre ruhige Art. In der bereits erwähnten Umfrage ist sie eine der populärsten in der Ministerriege – und überflügelt deutlich ihren Chef, Troels Lund Poulsen. 

Und die Gewinnerin ist … Stephanie Lose.

Damit kommen wir zu den Nominierten in der nächsten Kategorie:

Die wirkungsvollste politische Äußerung

Mette Frederiksen: Beim Parteitag der Sozialdemokratie im September hat die Vorsitzende erneut die Ausländerpolitik ins Zentrum ihrer Rede gestellt. Zu viele „nicht-westliche Einwanderer und Nachkommen“ würden unschuldige Menschen im Nachtleben überfallen und schikanieren; zu Terror auffordern und ihn planen. Damit hatte sie eine Zeit lang wieder die Oberhand gegenüber einer wiedererstarkten Dänischen Volkspartei.

Jesper Petersen: Der sozialdemokratische Abgeordnete aus Woyens (Vojens) hat als Vorsitzender des Ausschusses für die Deutsche Minderheit einen Brief an die deutsche Bundesregierung geschrieben. Gegenüber dem Minderheitenbeauftragten Bernd Fabritius machte er auf die Schieflage zwischen Deutschland und Dänemark bei der Finanzierung der Minderheit aufmerksam. Das hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Bund 14 Millionen Euro (ca. 104 Millionen Kronen) für das Campusprojekt am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) locker gemacht hat. 

Und der Gewinner ist … Jesper Petersen.

Und damit wären wir auch bereits bei den Nominierten in der letzten Kategorie angekommen:

Größtes Comeback in der dänischen Politik

Morten Messerschmidt: Noch vor einem Jahr war die Dänische Volkspartei in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Doch ihr Vorsitzender hat als Erster erkannt, dass die steigenden Lebensmittelpreise ein Thema sind, das den Menschen unter den Nägeln brennt. Und mit diesem Thema hat der Rechtspopulist dann die SVM-Regierung vor sich hergetrieben, während Mette Frederiksen noch meinte, die scharfe Ausländerpolitik sei weiterhin das Zaubermittel. Da macht es der Anhängerschaft auch weniger aus, dass in einem Meinungsbeitrag von ihm frei erfundene Zitate von Politikerinnen und Politikern vorkamen

Die Blockpolitik: Mit der breiten SVM-Koalition über die Mitte hinweg sollte der Blockpolitik ein Ende gesetzt werden. Das war insbesondere ein Anliegen des Moderaten-Chefs Lars Løkke Rasmussen. Bei der Bevölkerung ist die Regierung fast von Anfang an nicht sonderlich gut angekommen – und mit maximal einem dreiviertel Jahr bis zur Wahl ist sie weiterhin so unpopulär, dass eine Neuauflage schwer vorstellbar ist. Die Menschen wünschen Alternativen, zwischen denen sie wählen können, und deshalb ist die Blockpolitik zurückgekehrt

Und der Gewinner ist … Morten Messerschmidt.

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Das neue Jahr ist bereits angebrochen. Was es in der dänischen Politik bringen wird, können Sie Woche für Woche an dieser Stelle erfahren.