Deutsche Minderheit

„Der DSSV stürzt noch tiefer in die Krise“

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Mit dem Aus von Geschäftsführer Lasse Tästensen hat der Deutsche Schul- und Sprachverein in seiner Krisenbewältigung einen Rückschlag erhalten, meint Chefredakteur Gwyn Nissen

Der Schock war am Dienstag in der deutschen Minderheit groß: Nach nur fünf Monaten hört Lasse Tästensen als Geschäftsführer beim Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) auf. Im Oktober hatte er die neu eingerichtete Stelle beim Verband angetreten – mit dieser Position wollte der DSSV einen strategischen Schritt nach vorn machen.

Seine Erwartungen an die Stelle seien nicht erfüllt worden, so Tästensen am Dienstag. Dabei war er eigentlich der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt, denn schon beim Deutschen Jugendverband für Nordschleswig hatte er als Abteilungsleiter in den eigenen Reihen aufgeräumt und für eine neue Ausrichtung im Sportbereich sowie auf dem Knivsberg gesorgt.

Eine ähnliche, jedoch viel größere Aufgabe stand beim DSSV bevor, denn Tästensen stieg zeitgleich mit der bisher größten Krise des Verbandes ein: Ein Minus in Millionenhöhe zeichnete sich im Verband ab, und gleichzeitig gab und gibt es noch Unruhe im Kindergartenbereich, primär in den Deutschen Kindergärten Apenrade (DKA).

Lasse Tästensen war als Mann für die großen Linien und die übergeordneten Belange eingestellt worden, doch schnell sah er sich auch mit pädagogischen Fragen, Eltern-Anfragen, Finanzen im Kindergarten-Bereich und mangelhafter Führung konfrontiert.

In diesem Sumpf ist Lasse Tästensen persönlich untergegangen beziehungsweise hat sich noch rechtzeitig selbst herausgeholt, bevor er seine eigentliche Arbeit beginnen konnte. Die deutsche Minderheit verliert mit Tästensen ein Führungstalent, wobei auch er sich im Nachhinein sicherlich gewünscht hätte, mehr Erfahrung im Gepäck gehabt zu haben.

Dabei ist der Ausgangspunkt für den DSSV eigentlich gut. In den meisten Kindergärten läuft es, die Schulen gehören oft zu den Einrichtungen in Nordschleswig, die die Leistungen der Schülerinnen und Schüler am besten steigern können, und das Gymnasium steht seit Jahren an der Spitze der dänischen Ranglisten. Dazu kommen (eigentlich) stabile Zahlen von Kindern und Jugendlichen sowie seit Jahren steigende Schulzahlen.

Was ist also schiefgelaufen?

Der Deutsche Schul- und Sprachverein für Nordschleswig ist nicht nur der größte Verband der deutschen Minderheit, sondern auch der bedeutendste. Vieles steht und fällt mit einem gut funktionierenden DSSV mit seinen über 30 Einrichtungen.

Die Erfolgsformel ist relativ einfach: Gute Kindergartenarbeit = gefüllte Schulen = ein volles Gymnasium = ein aktives Vereinsleben = eine lebendige deutsche Minderheit.

Wenn aber der DSSV wackelt, hat dies potenziell auch Auswirkungen auf die gesamte Minderheit.

Bei so vielen Einrichtungen, mehreren Hundert Mitarbeitenden sowie Tausenden von Eltern wird es immer irgendwo haken und Probleme geben. Das kann gar nicht anders sein. Dabei muss man auch beachten, dass „der DSSV“ keine große Organisation ist, sondern primär aus Lehrkräften, Pädagoginnen und Pädagogen sowie ehrenamtlichen Vorständen in den Einrichtungen besteht.

Gerade deswegen ist es entscheidend, wie man die Dinge anpackt – beziehungsweise eben nicht angepackt hat. Warnsignale wurden überhört, und in dieser Zeit sind Probleme gewachsen, statt gelöst zu werden. Das gilt vor allem für die Probleme in den Apenrader Kindergärten, wo die verbliebenen Mitarbeitenden Kopf stehen, um das finanzielle und organisatorische Chaos auszublenden.

Die ersten von vielen Maßnahmen sind getroffen worden, doch sie zeigen noch nicht ihre Wirkung. In der Zwischenzeit werden einige Eltern ungeduldig und nehmen ihre Kinder aus der Institution; einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kündigen ebenfalls, weil der Druck zu groß geworden ist. So eben auch für Lasse Tästensen.

Der DSSV steht vor weiteren großen Änderungen: Im Sommer endet die Amtszeit von Catarina Bartling als kommissarische Schulrätin. Dann muss in einer hektischen Zeit eine neue Führungskraft antreten. Dafür übernimmt der DSSV-Hauptvorsitzende Welm Friedrichsen wieder mehr Verantwortung, so wie er es bereits in anderen Krisenzeiten getan hat – aber das ist nur eine vorübergehende Lösung.

Der DSSV als größter Verband und der Bund Deutscher Nordschleswiger als Dachverband haben sich oft aneinander gerieben. Das Verhältnis ist in den vergangenen Jahren wesentlich besser geworden, doch vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, dass BDN und DSSV gemeinsam veränderte Strukturen und Lösungen angehen.

Denn nicht nur der DSSV braucht wieder Ruhe im Betrieb – auch für die gesamte Minderheit ist ein gut funktionierender DSSV von größter Bedeutung.