Kommentar

„Berufsfindung: Wahl oder Qual?“

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Die Berufswahl kann für junge Menschen beängstigend sein. Warum es auch in Ordnung ist, nicht sofort zu wissen, was man später einmal werden möchte, beschreibt Praktikant Jakob Münz.

Handwerker, Fußballer, Buchautor und inzwischen Journalist. Meine Berufswünsche haben sich über die Jahre immer wieder verändert und ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage: So geht es den meisten jungen Menschen.

Die Berufsfindung ist alles andere als einfach. Laut einer Studie der dänischen Agentur für IT und Lernen hatten im Jahr 2023 fast 43.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren keine Ausbildung oder einen Job, bei dem sie mehr als 18 Stunden in der Woche arbeiteten.

Spätestens ab der Oberstufe wurde das Thema Berufswahl auch für mich immer größer. Eltern, Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler: Von allen Seiten wurde ich mit der Frage konfrontiert, was nach der Schule kommt. Manch einer wählte auch seine Schulfächer passend zum Berufswunsch.

Ein Problem für die Zukunft?

Ich hatte lange keine Lust, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Ein Problem für Zukunfts-Jakob, sagte ich mir.

Meine Eltern sahen das anders. Zwar stellten sie keine konkreten Ansprüche an mich, wie beispielsweise: „Du solltest Arzt werden“. Aber es war ihnen wichtig, dass ich nach der Schule nicht einfach nur faulenze.

Das erleichterte meine Entscheidung nicht. Ich bin jemand, der dazu neigt, jede noch so kleine Entscheidung so sehr zu zerdenken, dass ich am Ende gar nicht mehr weiß, worüber ich eigentlich nachdenke.

In meinem Kopf herrschte also Chaos. Da ich mich für Politik interessierte, entschied ich, zunächst ein freiwilliges politisches Jahr zu absolvieren.

Woher soll man wissen, ob man richtig ist?

Inzwischen studiere ich Journalismus und bin 23 Jahre alt. Ich könnte jetzt sagen, dass ich inzwischen so viel Lebenserfahrung gesammelt habe, dass ich genau weiß, was ich werden will, jetzt in dem für mich perfekten Studiengang eingeschrieben bin und genau weiß, wo ich in fünf Jahren sein werde. Aber das wäre gelogen. Denn so einfach ist das einfach nicht. Ob ich auf dem richtigen Weg bin, weiß ich immer noch nicht, aber ich finde, das ist okay.

Es gibt viele Dinge, die mir an meinem Studium und meinem vielleicht zukünftigen Beruf unglaublich viel Spaß machen, aber es gab auch schon viele Momente, zum Beispiel wenn ich bei Straßenumfragen von unhöflichen Idioten angeraunzt wurde, wo ich mich gefragt habe: „Will ich das wirklich mein ganzes Leben lang machen?“

Zumal bei der Berufswahl verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Muss man für seinen Traumberuf umziehen und seinen Freundeskreis aufgeben? Wird man gut genug bezahlt? Gibt es Aufstiegschancen?

Ich glaube, es ist zu viel verlangt, von jungen Menschen zu erwarten, dass sie sofort den perfekten Job für sich vor Augen haben. Sollte man nicht lieber erst mal testen, was einem Spaß macht, anstatt sich auf einen Studiengang oder eine Ausbildung festzulegen, nur um etwas zu tun zu haben?

Mehr Unterstützung für junge Erwachsene

Aus eigener Erfahrung kann ich in jedem Fall sagen, dass man schnell dazu neigt, sich selbst unter großen Druck zu setzen, wenn es um so wichtige Themen wie die Berufswahl geht.

Das ist schade. Denn man sollte sich auf seinen neuen Job freuen und enthusiastisch sein. Aber anstatt zu genießen, sich ausprobieren zu können, steht für viele junge Menschen mehr der Druck im Vordergrund, etwas aus sich machen zu müssen.

Vielleicht wäre es an dieser Stelle auch an der Zeit, dass aus der Politik mehr Impulse kommen, um junge Menschen dabei zu unterstützen. Warum wird es nicht von der Politik angeboten und auch finanziell gefördert, sich nach dem Studium erst einmal ein halbes Jahr Zeit zu nehmen, um in verschiedene Berufe und Unternehmen hineinzuschnuppern?

Das müsste dann natürlich finanziell abgesichert werden und das kostet Geld. Aber ich denke auf lange Sicht, würde es sich lohnen: Wer sechs Monate lang Zeit hat, sich verschiedenste Berufe anzusehen, der kann gleich schon eine Menge ausschließen oder, mit etwas Glück, sogar das Passende finden.