Wahlanalyse

„Welcher Partei gelingt der entscheidende Schachzug?“

Veröffentlicht Geändert
Der Kongevej in Tondern ist ein beliebter Platz für die Wahlplakate.

Was passiert am 18. November in den Wahllokalen und was hinter den Kulissen im Tonderner Rathaus? Die Kommunalwahl in Tondern ist in diesem Jahr spannend wie lange nicht mehr. Denn es gibt neue Mitstreitende, die sich etwas vom Kuchen abschneiden wollen. Und wer wird neues Stadtoberhaupt: Martin Iversen, Anita Uggerholt Eriksen, Torben Struck oder wieder Jørgen Popp Petersen? Oder ein ganz anderer? Eine Wahlanalyse von Brigitta Lassen.

So offen wie schon lange nicht mehr ist der Ausgang der Kommunalwahl in Tondern. Mit großer Spannung wird das Abschneiden der Parteien erwartet, denn seit der Wahl vor vier Jahren haben sich wichtige Veränderungen vollzogen. So lauten zwei der großen Fragen, ob Jørgen Popp Petersen von der Schleswigschen Partei (SP) Bürgermeister bleibt und wer die fast 3.800 persönlichen Stimmen des 2021 abgewählten Bürgermeisters Henrik Frandsen absahnt. Er gewann mit seiner neugegründeten Tondern-Liste (Tønder Listen) auf Anhieb neun Mandate.

Den früheren Bürgermeister Henrik Frandsen, der sich mit Venstre nach der gescheiterten Wahl um den Titel als Bürgermeisterkandidat überworfen hatte und eigene Wege ging, kann man bekanntlich nicht mehr wählen. Auf ihn und sein Team entfielen vor vier Jahren 5.906 Stimmen. Die Wählerschaft hatte die Liste T mit ihrem Spitzenkandidaten zur größten Fraktion gemacht.

Doch die Parteien im Tonderner Stadtrat wollten es nach einer schwierigen Legislaturperiode und schlechter Zusammenarbeit anders und erkoren noch in der Wahlnacht Jørgen Popp Petersen von der SP zum neuen Bürgermeister. Sie wollten Arbeitsruhe. 

Zudem zählten die SP mit insgesamt 2.706 Stimmen und Popps 1.919 persönlichen Stimmen zu den Wahlgewinnerinnen 2021. Die Fraktion vergrößerte sich von zwei auf vier Mandate.

Frandsen entschied sich Anfang 2024 für den Ausstieg aus der Kommunalpolitik und betreibt seitdem ausschließlich Landespolitik für die Moderaten im Folketing. Vermutlich mit Rücksicht auf Frandsen kandidieren die Moderaten nicht in Tondern, um der Tondern-Liste keine Stimmen streitig zu machen. Werden Frandsens Stimmen auf die Kandidatinnen und Kandidaten der Liste T mit ihrer Bürgermeisterkandidatin Anita Uggerholt Eriksen an der Spitze verteilt, kehren sie zurück nach Venstre oder kommt es zu einer ganz anderen Wählerwanderung?

Leif Hansen, Louise Thomsen Terp, Randi Damstedt und Bürgermeister Jørgen Popp Petersen sitzen zurzeit für die Schleswigsche Partei im Tonderner Stadtrat (Archivfoto).

Auch durch den Verzicht auf eine erneute Kandidatur von Thomas Ørting Jørgensen, der als Vertreter der Borgerliste die Wiederwahl schaffte, werden knapp 500 Stimmen frei. Seine dreiköpfige Fraktion schloss sich im Januar 2025 der Venstre-Gruppe an, die es so wieder auf neun Mandate brachte. Mit Ørting Jørgensens Ausstieg aus der Kommunalpolitik hat Venstres Bürgermeisterkandidat, Martin Iversen, parteiintern freie Fahrt. 

Schallende Ohrfeige

Die Wählerschaft verpasste Venstre vor vier Jahren aber eine schallende Ohrfeige. Die Liste V ließ kräftig Federn und verlor 27,5 Prozent ihrer Stimmen und landete bei 3.472 Stimmen. Dafür gab es nur sechs Mandate. Martin Iversen enttäuschte mit 498 persönlichen Stimmen.

Laut einer Epinion-Umfrage sollen sowohl Venstre als auch die Tønder Listen am 18. November herbe Verluste einfahren. Die Liste T soll sechs ihrer Mandate verlieren. Venstre soll fünf der neun Sitze einbüßen. Mit anderen Worten: Wollen sie die Bürgermeister-Kette, müssen sie bei den kleineren Parteien Klinken putzen, was für die ganze Konkurrenz gilt. Keine Partei würde die 16 Mandate zur absoluten Mehrheit aus eigener Kraft erreichen. 

Zudem gibt es mit den Wohlfahrtsdemokraten (Velfærdsdemokraterne) und den Dänemarksdemokraten (Danmarksdemokrater) neue Parteien, die ein Stückchen vom Kuchen abhaben wollen. Auf eine Kandidatur haben dafür die Neuen Bürgerlichen verzichtet. 

Einen Ausschlag könnten auch ausländische Bürgerinnen und Bürger geben, die in die Kommune Tondern eingewandert sind und Wahlrecht haben. Besonders groß ist die Gruppe deutscher Staatsangehöriger, die in die Westküstenkommune gezogen sind. Ihre Stimmen könnten auch das eine oder andere Mandat abwerfen.

Missstände im Schweinestall

Martin Iversen ist erneut Venstres Bürgermeisterkandidat (Archivfoto).

Kann sich Jørgen Popp Petersen über eine Wiederwahl als Bürgermeister freuen? Seine Chancen haben sich verschlechtert. Im September deckte der TV-Sender „TV2“ Missstände in seinen Schweineställen auf. Acht Anzeigen liegen gegen ihn vor. Dies könnte ihm bei seiner erhofften Wiederwahl zum Verhängnis werden, wenn die anderen Parteien dem SP-Spitzenmann das Vertrauen entziehen. Zwei Einmann-Parteien (Dänische Volkspartei und die Sozialistische Volkspartei) haben im September deutlich zu erkennen gegeben, Popp nicht mehr unterstützen zu können.

Hätte es die Schweinegeschichte nicht gegeben, würde Popp Petersen aller Wahrscheinlichkeit nach im Amt bleiben. Doch wie reagieren die Wählerinnen und Wähler auf die Berichte? Kann die SP ihr Ergebnis halten oder sogar verbessern? 2021 entfielen 7,4 Prozent mehr auf die Liste S, als sie ihr Resultat von 1.466 auf 2.706 Stimmen erhöhte. Davon gingen wie bereits erwähnt fast 2.000 Stimmen an den in weiten Kreisen populären SP-Spitzenkandidaten, der damit nach Frandsen das zweitbeste Ergebnis aller Kandidierenden einfuhr.

Laut der Epinion-Umfrage wird die Popp-Krise aber keinen Einfluss auf das Wahlgeschehen haben. Ganz im Gegenteil. Die SP soll demnach mit 26,6 Prozent ein Traumergebnis erzielen und stärkste Fraktion im Stadtrat werden. Sie würde es auf neun Mandate bringen. Zur Erinnerung: Die neun Mandate der Tondern-Liste reichten Frandsen 2021 nicht zur Wiederwahl als Bürgermeister.

Mitstreiterinnen und Mitstreiter können punkten

Der umstrittene Bau von Ferienwohnungen in Kongsmark auf Röm und das geplante, aber gescheiterte Badehotel in Lakolk dürften vielen amtierenden Abgeordneten Federn kosten. Schließlich wurden die beiden Projekte zunächst von allen Parteien befürwortet, bis der Zusammenhalt ins Bröckeln geriet. Gleiches gilt für die Nutzung der erneuerbaren Energien.

Der 2021 für die Neuen Bürgerlichen in den Stadtrat neugewählte Allan Svendsen wechselte im Laufe der Periode nicht nur die Partei zur Dänischen Volkspartei, sondern auch die Haltung zu diesen Projekten. Das dürfte ihm mehr Stimmen bringen. Laut der Epinion-Umfrage soll auch die landesweit wiedererstarkte DF mit zwei Mandaten im Stadtrat vertreten sein, nachdem vor vier Jahren alle drei Mandate verloren gingen. Ihre Verluste waren heftig und fielen von 1.614 auf 573 Stimmen.

Auch die aus der sozialdemokratischen Fraktion ausgebrochene Barbara Krarup Hansen, die bei dieser Wahl für die Wohlfahrtsdemokraten antritt, dürfte mit ihrer Ablehnung in Bezug auf neue Windräder auf dem Festland und auf beide umstrittenen Röm-Projekte Stimmen gutmachen. Vor vier Jahren trat sie als Bürgermeisterkandidatin ihrer früheren Partei auf und enttäuschte. Ob es ihr für einen Mandatsgewinn reicht, ist fraglich. Sie erzielte 2021 mit 582 persönlichen Stimmen das drittbeste Ergebnis.

Die landesweit erstarkte Liberale Allianz soll auch auf kommunaler Ebene punkten. Die Partei schaffte vor vier Jahren nicht den Einzug in den Stadtrat. Ihr 2017 gewählter Vertreter Claus Hansen war Anfang 2021 zu Venstre gewechselt. Laut der Epinion-Umfrage soll die Liberale Allianz mit zwei Mandaten wieder in das Kommunalparlament einziehen. Auf drei Sitze sollen die Dänemarkdemokraten kommen, die bislang nicht im Stadtrat vertreten sind.

Kaum Chancen für Struck

Dass Torben Struck als sozialdemokratischer Bürgermeisterkandidat zum Stadtoberhaupt in der bürgerlichen Kommune Tondern gewählt wird, ist eher unwahrscheinlich. Die Partei soll aber laut Umfrage ihre fünf Mandate halten können.

Es ist also wirklich spannender denn je. Es müssen bekanntlich 16 Abgeordnete für einen Bürgermeistertitel zusammengerechnet werden. Vor vier Jahren war die Wahl Popp Petersens zum Bürgermeister bei Insidern so gut wie sicher. Ziel der Parteien war, Frandsen auszubooten. Seine Partei wurde erst gar nicht zu den Verhandlungen eingeladen. Gegen 4 Uhr fand in der Wahlnacht die Proklamation statt. Die Konstituierung wird in diesem Jahr vermutlich länger dauern.