Umwelt

Wenn der Klimawandel spürbar wird

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Diese Eisberge bei Ilulissat tragen zum Anstieg des Meeresspiegels in Nordschleswig bei.

Der Unterschied zwischen der grönländischen Stadt Ilulissat und Nordschleswig könnte kaum größer sein. Es liegen mehr als 3.000 Kilometer und Welten dazwischen. Was sie verbindet, sind die Folgen der Erderwärmung.

Ilulissat, 4. Juli 2025:

Das Ausflugsboot gleitet zwischen den hohen Eisbergen an der Mündung des weltweit bekannten Fjordes Kangia hindurch. Der Kapitän schaltet den Motor aus.

Die See ist spiegelblank, denn es ist fast windstill. Das Eis schirmt vor jeglichen leichten Kräuseln an der Wasseroberfläche ab. Die einzigen Laute, die man hört, sind die abgebröckelten Eisstücke, die gegen den Bug des Bootes schlagen.

Nordschleswig, 16. Oktober 2023:

Der Chef des Stabs von „Sønderjylland Brand og Redning“, Thomas Lund Sørensen, beginnt, sich auf eine angekündigte Sturmflut vorzubereiten. Noch weiß er nicht, wie hoch sie werden wird.

Von Aarhus aus beobachtet der „DR“-Fernsehmeteorologe Anders Brandt die Situation. Ihm wird bald klar: Einen so hohen Wasserstand hat er noch nie erlebt.

Ilulissat, 4. Juli 2025:

Die Guide Maliina erzählt, ihre Mutter könne sich noch gut daran erinnern, dass die gesamte Bucht jeden Winter zugefroren war.

Seinerzeit galt das Eis als Straße zu der gegenüberliegenden Diskoinsel, die man mit Hundeschlitten oder Schneemobil befahren konnte. Die Fischer konnten bis in den Frühling vom Eis aus Heilbutt fangen. Jetzt wird die Saison von Jahr zu Jahr kürzer.

Nordschleswig in der Nacht zum 21. Oktober 2023:

Die Sturmflut hat mit voller Wucht die Ostküste getroffen. Wenige Minuten nach Mitternacht platzt ein Teil der Watertubes, des mobilen Schutzwalls aus meterdicken Wasserschläuchen am Hafen in Apenrade (Aabenraa). Sirenen heulen; die niedrig gelegenen Teile der Innenstadt werden überflutet.

Ilulissat, 4. Juli 2025:

Maliina erklärt, dass die Eisberge 60 Kilometer weiter einwärts des Fjordes vom Gletscher Sermeq Kujalleq ins Meer stürzen. An der Mündung schieben sie sich zusammen, weil der Kangia hier „nur“ etwas mehr als 200 Meter tief ist. Ungefähr ein Jahr dauert es, bevor sie sich über die Schwelle geschoben haben. Danach schwimmen die Eisriesen zunächst gen Norden und dann entlang der kanadischen Ostküste gen Süden, während sie allmählich schmelzen.

Der Sermeq Kujalleq ist der weltweit am schnellsten fließende Gletscher. Er bewegt sich laut Ilulissat Icefjordcenter 40 Meter pro Tag. Das ist doppelt so schnell wie noch vor zehn Jahren.

Nordschleswig, 21. Oktober 2023:

Erst im Laufe des Tages wird der Umfang der Verwüstungen klar. Für den Meteorologen Anders Brandt steht fest: Es war ein Jahrhundert-Ereignis. Für ihn ist jedoch auch klar, dass es keine 100 Jahre dauern wird, bis wir eine entsprechende Sturmflut erleben werden.

Der Klimawandel bedeutet, dass Stürme häufiger und kräftiger werden. Gleichzeitig steigt der Wasserstand.

Ilulissat, 4. Juli 2025:

Die Eisberge, die immer schneller den Kangia verlassen, tragen zum Anstieg der Weltmeere bei. Die Forscherinnen und Forscher des Projektes „Promice“ beobachten genau, wie schnell das Eisschild, das den größten Teil Grönlands bedeckt, schwindet.

Seit 1987 hat das Eisschild jedes Jahr bis auf zwei an Masse verloren. Insgesamt sind 5.686 Gigatonnen verschwunden. Darunter mag man sich wenig vorstellen können. Die Dimensionen werden deutlicher, wenn man erfährt, dass der Meeresspiegel weltweit dadurch um 1,6 Zentimeter gestiegen ist.

Nordschleswig, 19. Dezember 2024:

Die Küstenbehörde (Kystdirektoratet) weist Ende des vergangenen Jahres neue Risikozonen aus, die von Überschwemmungen bedroht sind. In Nordschleswig sind das Gebiete bei Gravenstein (Gråsten) sowie die gesamte Insel Röm. Gebiete in Apenrade sind bereits seit 2011 als Risikozonen ausgewiesen.

Die Kommunen sind verpflichtet, Maßnahmen zum Hochwasserschutz zu ergreifen.

Ilulissat und Nordschleswig, 4. Juli 2025:

Die Eisberge des Kangia-Fjordes machen ungefähr 10 Prozent der Masse aus, die das Eisschild verliert. Sollte das Inlandeis vollständig schmelzen, würden die Weltmeere laut „Promice“ um 7,4 Meter steigen.

An Nordschleswigs Ostküste sind die Sommerhäuser in unmittelbarer Nähe des Strandes nach der Sturmflut weniger beliebt geworden. Ein Anstieg von 7,4 Metern würde nicht nur die Sommerhausgebiete, sondern auch die Küstenstädte massiv betreffen. Allerdings sagen die Klimamodelle nicht vorher, dass die Eiskappe vollkommen verschwinden wird.

Doch wird das schmelzende grönländische Eis die Weltmeere um mindestens 27 Zentimeter steigen lassen. Und das gilt für den theoretischen Fall, dass wir den Ausstoß von Klimagasen bereits morgen vollständig stoppen könnten. Das zeigt eine Studie der Nationalen Geologischen Untersuchungen für Dänemark und Grönland.

In Apenrade wurden bei der Sturmflut 2023 Teile der Stadt überschwemmt.

Die wahrscheinlichere Variante ist laut der Studie, dass der Meeresspiegel um 78 Zentimeter steigen wird.

„Wir haben das System schon so sehr ins Ungleichgewicht gebracht, dass es keinen Schalter gibt, mit dem wir das einfach wieder abstellen können“, sagt Dorthe Dahl-Jensen, Professorin am Niels Bohr Institut, laut „Videnskab.dk“.

Nach zwei Stunden Ausflug gleitet das Boot zwischen Eisbergen hindurch zum Hafen von Ilulissat. In Nordschleswig ist es an diesem Tag angenehme 20 Grad warm.

In der Arktis können die Menschen den Klimawandel bereits seit Jahren beobachten. Doch auch in Nordschleswig spürt man allmählich die Folgen der Erderwärmung.