Klimawandel

Führende Klimaforschende: Meeresspiegel kann drei Meter steigen

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Die Sturmflut im Oktober 2023 war ein Vorgeschmack dessen, was auf die Menschen in Nordschleswig zukommt (Archivfoto).

Röm, Teile von Gravenstein und Apenrade sind nach Einschätzung der dänischen Behörden von Überschwemmungen bedroht. Es können noch deutlich mehr und größere Gebiete sein. Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass der Meeresspiegel weit mehr steigen wird, als bisher angenommen.

Für Menschen, die entlang der Küsten Nordschleswigs wohnen, gab es am Dienstag eine unangenehme Nachricht. Der Meeresspiegel könnte bis Ende des Jahrhunderts wesentlich stärker ansteigen als bisher angenommen – und es kann sehr plötzlich geschehen. So lautet die Warnung von 30 Klimaforscherinnen und -forschern laut dem Bericht „Den skjulte klimakatastrofe”.

„Persönlich sehe ich es als die größte Herausforderung und Gefahr für die Menschheit“, sagt Professorin Dorthe Dahl-Jensen vom Niels Bohr Institut an der Kopenhagener Universität, die eine der Hauptautorinnen des Berichts ist.

Daten aus den Eiskernen

Bei ihrer Vorhersage des Meeresspiegels der Zukunft bezieht sich Dahl-Jensen auf Erkenntnisse über das Klima der Vergangenheit. Sie und ihr Team haben wichtige Erkenntnisse darüber gewonnen, indem sie sich quer durch die Eiskappe Grönlands gebohrt haben. Anhand von Analysen des Bohrkerns konnten sie das Klima 130.000 Jahre zurückverfolgen.

Einem anderen Team ist es sogar gelungen, auf der Antarktis 1,3 Millionen Jahre altes Eis zutage zu befördern. Die Erkenntnis aus dieser Forschung ist, dass der Meeresspiegel um etliche Meter höher war, zu einem Zeitpunkt, als die Temperatur um 2 Grad höher war. Und genau diesen Temperaturanstieg erwarten die Forschenden um 2100.

Es ist notwendig, dass die Welt ernsthaft beginnt, für das Risiko von Meeresspiegelanstiegen von mehreren Metern zu planen.

Weltklimarat rechnet mit einem Meter

Der UN-Weltklimarat IPCC geht lediglich von einem Anstieg von einem Meter als Worst-Case-Szenario aus. Er bezieht sich dabei auf Daten von Wetterstationen, die jedoch lediglich ungefähr 150 Jahre zurückgehen.

„Auf der Grundlage unserer Beobachtungen und der langfristigen Entwicklungen meinen wir, dass die Beschreibungen der Meeresspiegelsteigungen durch das IPCC irreführend sind“, so Dahl-Jensen.

Sie und das übrige Autorenteam des neuen Berichts kommen zu dem Ergebnis, dass ein Anstieg von drei Metern bis Ende des Jahrhunderts eine realistische Prognose ist.

Eine weitere Erkenntnis aus der glaziologischen Spurensuche ist, dass gigantische Eismassen an der westlichen Antarktis innerhalb von kurzer Zeit zusammenbrechen können – mit einem meterhohen Anstieg des Meeresspiegels zur Folge.

„Es ist notwendig, dass die Welt ernsthaft beginnt, für das Risiko von Meeresspiegelanstiegen von mehreren Metern zu planen – auch wenn wir aktuell nicht vorhersagen können, wann das geschieht“, so die Eiskernexpertin.

Führende Klimaforschende wie Professorin Kathrine Richardson, Professor Sebastian Merrild und Professor Jens Hesselbjerg Christensen teilen ihre Einschätzung.

Hochwasserrisiko in Nordschleswig

Im Dezember vergangenen Jahres hat die Küstenbehörde (Kystdirektoratet) neue Risikogebiete für Überschwemmungen ausgewiesen. Diese umfassen die gesamte Insel Röm (Rømø) und die Küste des Nübelnoor (Nybbøl Nor) bei Gravenstein (Gråsten). Teile von Apenrade (Aabenraa) hatte die Behörde bereits 2011 als hochwassergefährdet eingeschätzt. Insgesamt wohnen 3.766 Menschen in diesen Gebieten. Bei den Risikoeinschätzungen bezieht sich die Küstenbehörde vornehmlich auf die Prognosen des IPCC.

Sollte das Autorenteam des Berichts „Den skjulte klimakastrofe“ recht bekommen, wären deutlich mehr Menschen in Nordschleswig einem Flutrisiko ausgesetzt.

In Apenrade hat die Küstenbehörde die rot markierten Gebiet als gefährdet ausgewiesen.

Adrian Lema vom Dänischen Meteorologischen Institut (DMI) vertritt Dänemark im IPCC. Er warnt laut „DR“ davor, den Hochwasserschutz auf Grundlage einer einzelnen Studie zu planen.

„Beim Weltklimarat untersuchen Tausende von Forschenden die Studien der gesamten Forschung und folgern daraus, was wir erwarten können“, sagt er dem Sender.

Lema betont, das IPCC würde das Risiko eines Kollapses der westantarktischen Eiskappe bereits in seine Prognosen einbeziehen.

Rund um das Nübelnoor sind Hausbesitzende von Hochwasser bedroht.