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Alternative zu Schleppnetzen: So werden Miesmuscheln nachhaltig angebaut

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Tangzucht
Neben Miesmuscheln werden auch Algen, hier Zuckertang, gezüchtet und später geerntet.

Statt Miesmuscheln mit Fanggerät von den Fördeböden zu kratzen, kann man sie auch an Leinen züchten. Überall in Dänemark gibts es inzwischen kleine, lokale Muschelzuchten. Was die Vorteile sind.

Die Miesmuschelfischerei mit Grundschleppnetzen in den Förden Nordschleswigs sorgt seit Jahren für heftige Kritik von Bürgerinnen und Bürgern sowie Umweltschutzverbänden. Die Schleppnetze zerstören den Meeresboden langfristig, und das Abfischen der Muscheln, die im Wasser eine wichtige Filterfunktion haben, sorgt für zunehmende ökologische Probleme. Hohe Nährstoffeinträge belasten die Förden zusätzlich, was in der Folge zu Sauerstoffmangel führt.

Ein Verbot der Muschelfischerei in den dänischen Gewässern soll im Laufe dieses Jahres kommen. Auf deutscher Seite werden schon seit 2017 keine neuen Genehmigungen für die Muschelfischerei erteilt. Doch es gibt eine Alternative zur Muschelfischerei mit Grundschleppnetzen: die Muschelzucht. 

Regenerative Muschelzucht als Lösung

Joachim Hjerl ist Gründer von Havhøst. Der Kopenhagener hatte die Idee, die stadtnahen „blauen Areale“ – also das Meer vor der Haustür – für eine regenerative und nachhaltige Nahrungsmittelproduktion zu nutzen. Sozusagen die Meeresausgabe des „Urban Farming“ – also dem Anbau von Obst und Gemüse zum Beispiel auf Dächern oder Parkanlagen. Das Ziel ist es, die Nahrungsmittelproduktion näher an die essenden Menschen in den Städten zu bringen. 

„Wir müssen unsere Lebensmittelproduktion anders gestalten“, sagt Hjerl dem „Nordschleswiger“. „Dänemark ist das einzige Land, in dem die Fischerei mit Grundschleppnetzen nach wie vor die mit Abstand wichtigste Quelle für Muscheln darstellt. Die meisten anderen EU-Länder legen heute den Schwerpunkt auf die Muschelzucht.“ Darüber hinaus sei Dänemark das einzige Land in der Region, das weiterhin Grundschleppnetze in geschützten Natura-2000-Gebieten zulasse.

Havhøst-Gründer: Wollen die Fischerei verändern

Weil es viele Fischer schwer haben, müsse man neue Wege gehen und Fischerei mit Landwirtschaft und anderen Zuchtmethoden verbinden – zum Beispiel vermehrt auf anpassungsfähige Fischarten setzen. 

Mit Havhøst hat er daher ein Ziel: „Wir wollen die Fischerei verändern, die Ökosysteme wieder aufbauen und einen besseren ökologischen Zustand erreichen.“ Dafür setzen sein Team und er im Kleinen auf eine multitrophische Meeresfrüchtezucht. Diese Art der Aquakultur setzt auf eine Art Kreislaufwirtschaft, bei der gezielt verschiedene Organismen – hier Muscheln und Algen – kultiviert werden, die unterschiedliche Nischen im Ökosystem besetzen und sich gegenseitig ergänzen.

In den maritimen Nutzgärten, die es mittlerweile landesweit gibt, werden gemeinsam Algen- und Muscheln an Leinen gezüchtet. In manchen Projekten kommen auch Fische dazu. Die Zucht an Leinen habe einen großen Vorteil, so Hjerl: „Wir halten damit den Meeresboden frei, können mehrere Arten auf demselben Areal halten. Es ist eine Polykultur statt einer Monokultur“.

Fokus auf lokalem Absatzmarkt

Joachim Hjerl
Joachim Hjerl hat Havhøst gegründet, um Meeresfrüchte nachhaltig anzubauen und zu ernten.

Die gleichzeitige Zucht bringt noch weitere Vorteile. Der Tang hilft dabei, dass sich die Säure im Wasser reduziert, erklärt Hjerl. Muscheln und Austern werden dadurch robuster und haben einen höheren Fleischanteil. „Das Zusammenspiel bildet ein kleines Ökosystem.“ 

Während große Muschelproduzenten, wie die kürzlich in die Insolvenz gegangene Wittrup Holding aus Horsens, die auch in der Flensburger Förde mit Schleppnetzen nach Muscheln gefischt hat, große Mengen auch außerhalb Dänemarks verkaufen, setzt Havhøst einen anderen Schwerpunkt.

Reich werde man damit nicht, sagt Hjerl. „Der Fokus muss auf lokalem Verkauf liegen“. Getrockneter Tang, eingelegte Muscheln: „Die Wertschöpfung passiert zu Hause, und es muss einem klar sein, dass man hier nichts für den Export produzieren kann.“

Ob die Muschelzucht in Dänemark sich auch wirtschaftlich lohnt? Das sei schwierig zu sagen, gibt der Havhøst-Gründer zu. Während Großproduzenten großes Kapital hätten, müsste man als Einzelperson oder Familie mehr tun, um Erfolg zu haben.

Politik muss bessere Rahmenbedingungen schaffen

Muschelzuchtanlage
Eine Muschelzuchtanlage im Limfjord

Hier ist auch die Politik gefragt. „Die Geschäftsmodelle sind regenerativ. Es muss die Zahl der Meeresfelder erhöht werden, wo Lokale in Gang kommen können. Dann entwickeln sich lokale Lebensmittelsysteme.“ Das könne zwar die Welt nicht retten. Wichtig sei es aber, mehr Nahrungsketten aufzubauen, die das Ökosystem nicht untergraben. 

Die Veränderung müsse von den Menschen ausgehen. Die Zucht von Muscheln und Algen sei jedoch nur ein kleiner Teil einer umfassenden Umstellung, betont Hjerl. „Wir sind zutiefst darauf angewiesen, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es den Leuten einfacher machen, leichter anzufangen.“ Er nennt dabei etwa die teuren Genehmigungen, die notwendig sind, um geerntete Muscheln verkaufen zu dürfen. Hier seien große Industrieproduzenten aufgrund der Mengen im Vorteil.

Dazu müsste die Muschelzucht als Produktionsform auch gefördert werden. „Kleine Produzenten sollten die Möglichkeit bekommen, zum Beispiel während einer zehnwöchigen Saison auch zehn Wochen keine Gebühren zahlen zu müssen.“ Diese Initiative würde eine robuste und qualitative Lebensmittelproduktion fördern und setze den Fokus auf lokale Absatzmärkte, so Hjerl. 

Zwar gebe es derzeit Zuschüsse für die Landwirtschaft, aber für die Meeresfrüchtezucht nicht. „Die Politik müsste die Regeln ändern und ökonomische Instrumente einführen, die Umwelt und Ökosysteme heilen“, sagt Hjerl. Momentan seien Politikerinnen und Politiker in dem Bereich etwas hintenan. 

Wir sind zutiefst darauf angewiesen, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es den Leuten einfacher machen, leichter anzufangen.

Joachim Hjerl

Für Hjerl ist klar, dass wir derzeit noch in einer alten Welt mit einer alten Wirtschaftsproduktion leben. „Wir sind keine Spezialisten, sondern Generalisten, die sich für eine resiliente Lebensmittelproduktion einsetzen“, sagt er. „Das ist eine größere Transformation, die am Ende in eine neue Meereswirtschaft münden kann.“ 

Muschelzucht auch in der Kommune Sonderburg

Auch in Nordschleswig gibt es mit dem ‚Blå Kolonihave‘ eine nachhaltige Algen- und Muschelzucht, die Teil der nationalen Havhøst-Gemeinschaft ist.

Seit 2020 werden in der Flensburger Förde, der Sonderburger Bucht und dem Alsensund Algen und Muscheln gezüchtet. Der maritime Verein betreibt eine Muschelanlage am Stadtstrand Fluepapiret am Tritons Riff. Sie kann man vom Strand aus sehen. In Höruphaff (Høruphav) gibt es sowohl eine Muschelanlage als auch eine Algenzucht mit Zuckertang. Auf der Muschelanlage bei Kjär (Kær) wird durch die Naturvejleder Wissen über das Unterwasseruniversum vermittelt.

„Wir wollen einen Unterschied machen und nachhaltige Lösungen finden, die dem Meer helfen, und uns leckeres, gesundes Essen auf den Teller bringen“, heißt es dazu auf der Webseite

Die Menschen sollen aufmerksam beim Miesmuschelkauf sein und fragen, wie sie geerntet wurden. „Schleppnetze zerstören den Boden und somit einzigartige Natur.“

Um Algen zu züchten, werden Bänder mit Tangkeimen ausgelegt. Miesmuscheln werden an langen „Strümpfen“ entlang von Leinen ausgesetzt. Sind sie reif, werden sie geerntet. 

Auf Kalö (Kalvø) in der Kommune Apenrade (Aabenraa) gibt es eine weitere Muschelzucht, die Havhøst angeschlossen ist.

Muschelzucht
Muscheln werden – wie hier am Limfjord – an Leinen gezüchtet (Archiv).

Große Muschelzucht am Limfjord

Wie schnell Muscheln und Tang erntereif sind, hänge von verschiedenen Faktoren ab – etwa dem Salz – und Nährstoffgehalt des Wassers. „Im Limfjord wachsen die Muscheln recht schnell und können nach 10 bis 18 Monaten geerntet werden“, sagt Hjerl. Auf Bornholm dauere es länger, und die Muscheln seien auch kleiner.

Im Limjord werden Muscheln zu Tausenden an Leinen gezüchtet und filtern Nährstoffe aus dem Wasser. Gleichzeitig wachsen auch sie, um später als Delikatesse geerntet zu werden. 

Laut „videnskab.dk“ wurden 2024 rund 6.700 Tonnen Muscheln durch die Aufzucht an Leinen aus dem Limfjord geerntet. Zum Vergleich: Die insolvente Firma Wittrup gibt auf ihrer Homepage an, jährlich 4.000 Tonnen Muscheln produziert zu haben.

Die Abteilung Aqua der Dänischen Technischen Universität (DTU) hat sich am Limfjord lange mit der Muschelaufzucht als Lösung für den umfassenden Sauerstoffmangel und mit der Zucht als effektives und klimafreundliches Nahrungsmittel beschäftigt – zuerst noch als Produzent, heute nur noch für die Forschung. Der Vorteil gegenüber konventionellen Aquakulturen oder der Tiermast: Muscheln müssen weder gefüttert noch während der Aufzucht medikamentös behandelt oder anders versorgt werden. Ihr CO2-Abdruck ist daher sehr gering.

Kann man mit der Zucht auch die Flensburger Förde retten? Hier sagt Hjerl klar: „Da müsste viel mehr gezüchtet werden. Die Förde hat ein großes Problem mit Nährstoffen und Sauerstoffmangel. Die Druckfaktoren müssten allerdings zuerst angegangen werden“, spielt der Experte auf das Trawlverbot und den Nährstoffeintrag durch die Landwirtschaft an.  

Hobbyzüchtende müssen Anlage anmelden

Ob vor Ort in Nordschleswig Muscheln gut wachsen, können Interessierte leicht rausfinden. „Wir von Havhøst bieten Mini-Sets an, um lokal auszuprobieren, wie gut Muscheln wachsen.“ Eine Hobbyzucht darf gesetzmäßig stattfinden, sofern diese nicht-kommerziell ist und die Anlage zehn Meter nicht überschreitet. Es ist eine Genehmigung der Fischereibehörde nötig.