Defibrillator-Tag

Weshalb Frauen bei Herzstillstand schlechtere Chancen haben als Männer

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Defibrillatoren hängen inzwischen an vielen Orten: Teilweise sind sie öffentlich zugänglich, teilweise in Gebäuden mit Öffnungszeiten zu finden. Eine App zeigt, wo sich der nächste Herzstarter befindet.

Unwissenheit, Schamgefühl oder Angst vor den Folgen: Erleidet eine Frau einen Herzstillstand auf offener Straße, trauen sich viele Ersthelferinnen und Ersthelfer nicht, den Oberkörper für eine korrekte Herzdruckmassage zu entkleiden. Das ist ein Problem. Eine Kampagne soll nun helfen.

Ein Herzstillstand duldet keinen Aufschub. Wenn der Notruf eingeht, zählt jede Sekunde. Bis der Krankenwagen eintrifft, kann es – gerade in ländlichen Gebieten – wertvolle Minuten dauern. Minuten, die ein Mensch ohne Sauerstoff möglicherweise nicht überlebt. Defibrillatoren können hier Leben retten. Auch das Netzwerk aus Ersthelferinnen und Ersthelfern – die sogenannten Hjerteløber – kann Leben retten. Doch es gibt ein Problem.

Schamgefühl oder Angst können Leben kosten

Eine neue repräsentative Umfrage zeigt, dass Schamgefühl Leben kosten kann. Laut dem Institut Verian, das im Auftrag von Hjerteforeningen die Umfrage durchgeführt hat, haben Männer eine größere Chance, im öffentlichen Raum wiederbelebt zu werden, als Frauen. Jeder Dritte würde nämlich den BH einer Frau mit möglichem Herzstillstand nicht entfernen, bevor er oder sie mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnt.

Das Ergebnis gibt Anlass zur Sorge bei der Chefberaterin von Hjerteforeningen, Rikke Primdahl, laut einer Pressemeldung. „Wenn man eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen und einen Defibrillator effektiv einsetzen will, muss man alle Kleidungsstücke am Oberkörper entfernen. Das gilt auch für einen BH“, sagt sie. 

Herzdruckmassage
Es ist entscheidend, dass der Oberkörper bei einer Herzdruckmassage frei ist – das gilt sowohl für Männer als auch für Frauen.

Kleidung kann Funktion von Defibrillator einschränken

Es sei schwierig, effektiv zu drücken, wenn die Person Kleidung trägt – egal ob Jacke, Hemd oder BH. Die Folge: Möglicherweise werde nicht tief genug gedrückt, und die Hände könnten auch abrutschen. 

„Der Defibrillator kann auch Schwierigkeiten haben, den Herzrhythmus zu messen und einen Stromstoß abzugeben, wenn er mit Kleidung oder einem BH in Berührung kommt“, sagt Rikke Primdahl.

Sieben von zehn Befragten – 69 Prozent – antworten in der Umfrage mit „Ja“, dass sie mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen würden, wenn eine Frau auf der Straße zusammenbricht.

Mehr „Nein“-Sagerinnen als „Nein“-Sager

Aber nur 27 Prozent von ihnen würden „alle Kleidungsstücke am Oberkörper der Frau, einschließlich des BHs“ entfernen wollen. 34 Prozent der Befragten antworten direkt mit „Nein“ auf diese Frage. Der Rest gab „Vielleicht“ oder „Weiß nicht“ an.

Paradoxerweise ist der Anteil der Nein-Sager unter Frauen (36 Prozent) etwas höher als unter Männern (32 Prozent).

Laut Rikke Primdahl kann dies auf Unwissenheit, Schamgefühl oder – bei einigen – die Angst zurückzuführen sein, anschließend beschuldigt zu werden, die Intimsphäre verletzt zu haben.

Rikke Primdahl
Rikke Primdahl

„Unsere Untersuchung deutet darauf hin, dass es darum geht, dass man Angst hat, eine Grenze zu überschreiten. Dass man Angst hat, beschuldigt zu werden, die Intimsphäre einer fremden Person im öffentlichen Raum zu verletzen“, so Primdahl. Dies würden auch andere internationale Studien bestätigen.

Verringerte Überlebenschancen

Was ist der Hjertestarterdag?

Am Donnerstag, 16. Oktober, ist zum 13. Mal in Folge der Defibrillator-Tag (Hjertestarterdag) in Dänemark und dem Rest der Welt. Der dänische Rat für Wiederbelebung (Dansk Råd for Genoplivning) und die Stiftung TrygFonden stehen zusammen mit einer Reihe von Freiwilligenorganisationen und engagierten Menschen hinter diesem Tag. Denn er rückt die Bedeutung der Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Herzstillstand in den Fokus, damit in Zukunft mehr Menschen überleben können. Im ganzen Land finden daher Veranstaltungen statt, wo Kinder und Erwachsene lernen können, wie man Wiederbelebungsmaßnahmen bei einem Herzstillstand durchführt.

Das Problem ist laut Rikke Primdahl, dass es die Überlebenschancen von Frauen bei einem Herzstillstand verringert, wenn die Wiederbelebung nicht richtig durchgeführt wird.

Dies bestätigen Zahlen aus dem Dänischen Herzstillstandsregister (Dansk Hjertestop Register). Sie zeigen, dass Männer eine um 9 Prozent höhere Chance als Frauen haben, wiederbelebt zu werden, wenn sie auf der Straße zusammenbrechen.

Letztendlich geht es darum, dass Frauen vor diesem Hintergrund eine geringere Chance haben, einen Herzstillstand zu überleben.

Mehr Aufklärung erforderlich

„Das ist eine Ungleichheit, die nicht angemessen ist, und deshalb sind wir der Meinung, dass mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung darüber erforderlich sind“, sagt Rikke Primdahl.

Der Dansk Førstehjælpsråd, eine Dachorganisation für Einrichtungen, die Erste-Hilfe-Kurse anbieten, startete im vergangenen Jahr einen Versuch.

Als die Kursteilnehmenden die Jacke der Erste-Hilfe-Puppen aufknöpften, bot sich ihnen ein – für viele – unerwarteter Anblick: ein BH.

„Viele waren sich unsicher, was sie nun tun sollten, bis einer unserer Ausbilder es aussprach: Ja, Sie müssen zuerst diesen BH entfernen“, sagt der Vorsitzende des Rates, Teis Krag.

Aufgrund dieser Erfahrungen wird der Rat empfehlen, dass Übungen mit Puppen, die einen BH tragen, fester Bestandteil des Repertoires von Erste-Hilfe-Kursen werden.

Zusätzlich startet die Herzstiftung am Tag des Defibrillators eine Kampagne namens „Det' bare bryster” (Es sind nur Brüste), die mehr Menschen dazu bewegen soll, Frauen mit Herzstillstand korrekt wiederzubeleben.

Mehr Geld für den Rettungsdienst

Brian Ahrens ist einer von mehr als 531 Herzläufern in Apenrade. In Süddänemark gibt es knapp 10.000 dieser Ersthelferinnen und Ersthelfer.

Dass dennoch nicht jeder Einsatz mit einer Rettung endet, weiß auch Brian Ahrens aus Apenrade. Der „Herzläufer“ ist überzeugt: „Wir machen mit unserem Einsatz einen Unterschied, denn sonst wären noch mehr Menschen gestorben.“ 

„Der Nordschleswiger“ hatte Brian Ahrens im Frühjahr getroffen. Damals äußerte der 49-Jährige den Wunsch, dass mehr Geld in den Rettungsdienst fließt. Mehr Krankenwagen und Rettungshelikopter, die dann schneller vor Ort sein können, wenn es um jede Sekunde geht. „Wir dürfen dabei nicht sparen“, findet er.

Fakten zu Herzstillstand und Wiederbelebung

Quellen: Hjerteforeningen, Dansk Råd for Genoplivning og TrygFonden