Gesundheit

Wenn das Herz schmerzt – aber niemand weiß warum

Veröffentlicht Geändert
Jane Lange Dalsgaard möchte die Nachbehandlung von Frauen mit einer Angina-Pectoris-Diagnose verbessern.

Knapp zwei Drittel aller Frauen, die mit Schmerzen im Brustkorb ins Krankenhaus kommen, werden ohne genaue Diagnose wieder entlassen. Oft war es nicht das letzte Mal, dass sie mit diesen Beschwerden in der Notaufnahme landeten. Das soll sich ändern, findet die Apenrader Forscherin Jane Lange Dalsgaard. Sie untersucht jetzt, wie sich das ändern lässt.

Anne-Lise fasst sich an die Brust. Der Schmerz in ihrem Brustkorb wird schlimmer. Sie bekommt schlecht Luft. Ehemann Carl ist besorgt. So kennt er seine Frau gar nicht. Die 54-Jährige ist sonst nicht zimperlich, wenn es um Schmerzen geht.

Mit Herzinfarktverdacht ins Krankenhaus

Der Verdacht liegt nah: Es muss ein Herzinfarkt sein. Er ruft den Krankenwagen und erklärt die Situation. Wenig später stehen die Sanitäter vor der Tür und versorgen die Zahnarzthelferin. Später wird sie in die Notaufnahme des lokalen Krankenhauses gebracht. Dort wird sie von Ärzten gründlich untersucht und auch geröntgt.

Schließlich die Entwarnung: Die Ärzte schließen einen Infarkt aus. Das Herz arbeitet normal, und es sind im CT keine Verkalkungen oder gar Verschlüsse der Kranzgefäße zu erkennen. Anne-Lise wird aus dem Krankenhaus entlassen.

Trotz Entwarnung weiterhin Schmerzen

Seit dem Vorfall wird Anne-Lise häufiger nachts wach, und Brustschmerzen plagen sie. Sie sagt sich jedoch, dass es schon nichts ist, sie wurde ja untersucht. Trotzdem wird es in einer Nacht wieder so schlimm, dass ihr Mann erneut den Notarzt ruft und sie ins Krankenhaus gebracht wird. Auch dann wird keine konkrete Ursache für die Schmerzen gefunden.

Der Fall mit Anne-Lise ist zwar fiktiv, geschieht in der Realität jedoch knapp 7.000-mal im Jahr. 40.000 Frauen leiden unter Schmerzen im Brustkorb. Woher die kommen, ist unklar.

Angina Pectoris: Eine Diagnose ohne Diagnose

Die Forschung geht heute davon aus, dass die Schmerzen von mikroskopisch kleinen Verkalkungen herrühren, die sich in den kleinen Blutgefäßen gebildet haben, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen, oder es sind Muskelkontraktionen in den Herzkranzgefäßen. Es gibt jedoch keine bildgebenden Verfahren, um solche Engstellen oder Spasmen darzustellen. Die Ärztinnen und Ärzte können deshalb keine genaue Diagnose stellen.

Meist kommen solche Patientinnen jedoch mehrmals mit denselben Symptomen ins Krankenhaus. Das ist auch Jane Lange Dalsgaard aufgefallen. Die ausgebildete Krankenschwester forscht deshalb jetzt, wie sich solche erneuten Krankenhausaufenthalte vermeiden lassen können.

Keine Nachbehandlung – das muss sich ändern

Jane Lange Dalsgaard ist bei ihrer Arbeit aufgefallen, dass Frauen mit Angina Pectoris oft erneut im Krankenhaus landen.

Für Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben, gibt es Nachfolgeuntersuchungen und genau geplante Behandlungsverläufe. „Für Frauen, die unter nicht genau identifizierten Herzerkrankungen leiden, fehlt jedoch jegliche Hilfe“, sagt Jane Lange Dalsgaard. Sie möchte mit ihrer Forschung Abhilfe schaffen, denn sie weiß aus ihrem Arbeitsalltag: Die Frauen kommen wieder.

„Trotz ihrer Symptome und dem höheren Risiko, einen Gefäßverschluss zu erleiden, gibt es keine zielgerichtete Unterstützung. Die Frauen, meist im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, arbeiten und haben einen ausgefüllten Alltag. Deshalb sind die wiederkehrenden Brustschmerzen eine große Herausforderung“, sagt die 47-Jährige.

Hinzu kommt, dass solche Frauen das Gesundheitssystem mehr belasten und öfter krank sind. Das könnte mit einer zielgerichteten Behandlung vermieden werden, so die These von Jane Lange Dalsgaard.

Es geht diesen Frauen nicht gut

Nach der ersten Untersuchung, bei der sie Frauen nach ihrem Befinden nach der Diagnose befragt hat, kann Jane Lange Dalsgaard schon eines feststellen: „Diesen Frauen geht es nicht gut“, sagt sie. Auch drei Jahre danach fühlen sie sich im Vergleich zu gesunden Frauen schlechter.

In den Studien untersuchte die Doktorandin unter anderem, wie sehr sich diejenigen Frauen um ihre Gesundheit sorgen, die die Diagnose „Angina Pectoris“ bekommen haben. „Wir können auch sehen, dass diese Frauen erneut mit herzbezogenen Beschwerden ins Krankenhaus kommen“, berichtet sie.

Zu den körperlichen Symptomen kommt die Angst, dass sich hinter den Schmerzen doch ein Infarkt oder eine andere Erkrankung des Herzens versteckt.

Grundlage für Veränderungen

Lange Dalsgaard hat mit den Daten ein besseres Bild von der Lebenslage und den Herausforderungen der Angina-Pectoris-Betroffenen erhalten. Mit den Ergebnissen möchte sie eine Grundlage schaffen, damit „wir besser werden, Diagnosen zu stellen und eine Behandlung anzubieten, die hilft“. Außerdem könne ein Reha-Angebot überlegt werden, fügt sie hinzu.

Auf dem Diagnose-Gebiet, um die mikroskopisch kleinen Verkalkungen in den Herzgefäßen zu identifizieren, tut sich sehr viel. „Wir werden da besser und besser“, berichtet die zweifache Mutter. Die nachfolgende Behandlung muss sich ändern.

Wünsche für die Zukunft

Mit dem Wissen, das Jane Lange Dalsgaard viele Jahre auf der kardiologischen Station der Krankenhäuser in Aarhus und Apenrade gesammelt hat, möchte sie erreichen, dass es Folgeuntersuchungen gibt. Sie stellt sich vor, dass „wir bei der Entlassung, nach drei Monaten und wieder nach einem halben Jahr, fragen, wie es den Frauen geht“. Es hat sich nämlich gezeigt, dass es besonders im ersten halben Jahr, nachdem die Betroffenen aus dem Krankenhaus entlassen wurden, Herausforderungen gab.

„Es ist einfach das Gefühl der Sicherheit, das wir mit einem solchen Angebot geben können, denn der Befürchtung, dass es sich um eine schlimme Erkrankung handeln könnte, könnten wir damit begegnen.“

Männer sind anders

Bei Männern kommt eine solche Diagnose übrigens wesentlich seltener vor. „Kommen Männer mit Brustschmerzen zu uns, finden wir sehr häufig Verkalkungen und damit Verschlüsse in den Herzkranzgefäßen“, berichtet die Forscherin. Ob das genetische Ursachen hat, ist bisher nicht geklärt. „Wir wissen jedoch, dass sich solche Erkrankungen bei Frauen- und Männerkörpern unterschiedlich auswirken.“

Frauen zeigen erst später Arterienverkalkungen als Männer, meist erst nach der Menopause, denn Östrogen schützt vor Verkalkungen in den Gefäßen.

Behandlung bei verkalkten Herzkranzgefäßen

Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen werden dann – abhängig von der Schwere – mit einem sogenannten Ballonkatheter behandelt. Durch die Hauptschlagader an der Hüfte wird ein Katheter eingeführt, mit dessen Hilfe ein netzartiges Material zum Arterienverschluss geführt wird. Am Verschluss angekommen – die Prozedur wird über eine Kontrastmitteluntersuchung überwacht –, wird ein Ballon aufgeblasen, der das Gewebe und die Verengung weitet und auf Dauer auch offen hält.

So bleibt das Herz gesünder

Jane Lange Dalsgaard hat einen wichtigen Tipp, um die Herzgesundheit zu erhalten:

„Bewegung ist das Wichtigste, um ein Herz gesund zu halten. Und dabei spielt es keine Rolle, ob man etwas übergewichtig ist“, sagte sie.

Sie weist auf weitere bekannte Faktoren hin:

  • nicht rauchen
  • wenig Alkoholkonsum
  • genügend Entspannung
  • gesunde Ernährung
  • ausreichender Schlaf

Herzinfarkt

Ein Herzinfarkt hat oftmals typische Symptome:

Bei Frauen sind die Symptome oftmals nicht so stark ausgeprägt.

Betroffene sollten dann mit erhöhtem Oberkörper gelagert werden. Enge Kleidung sollte geöffnet werden.

Im Notfall gleich die Nummer 112 anrufen und den Notarzt anfordern.

Weitere Themen aus der Gesundheitsforschung: