Kultur

Wenn Geschichte singt: Neues Leben für Tonderns Seestadt-Lied

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Heidi Iwersen im neuen kleinen Hafenmuseum. Sie kennt seit Kindesbeinen an das Lied von der großen Seestadt Tondern, das ein Ereignis mit einem ihrer Vorfahren besingt.

Was als Schullied begann, wurde für Heidi Iwersen zur Entdeckung ihrer Familiengeschichte: Ihr Ururgroßvater war jener Kapitän Selmer, der 1871 mit dem Raddampfer „Bismarck“ Kurs auf Tondern nahm – und stecken blieb. Nun führt ein QR-Code an der Schiffbrücke direkt in Tonderns maritime Vergangenheit.

Wer die neue Anlaufstelle auf der Schiffbrücke besucht, kann in Tonderns Zeit als Hafenstadt eintauchen, und über einen QR-Code sogar in das Lied In der großen Seestadt Tondern“ hineinhören. 

Dabei erklingt die Stimme des unlängst verstorbenen Pastors Lorenz Peter Wree, der auch die Geschichte dahinter vermittelt.  

Verfasst wurde das Lied 1909 von vier Seminarschülern. Sie nahmen das Wagnis von Kapitän Thomas Selmer, 1871 mit seinem Raddampfer Kurs auf Tondern zu nehmen, spöttisch aufs Korn, da er steckenblieb.

Kindheitserinnerungen an den Musikunterricht

Die Tonderanerin Heidi Iwersen gehört zu den Menschen, denen das Lied etwas bedeutet. Sie verbindet damit eine besondere Episode aus ihrer Kindheit, als in der Ludwig-Andresen-Schule in Tondern Singen aus dem blauen Liederbuch auf dem Stundenplan stand. 

„Ich bin damals wohl in die 2. oder 3. Klasse gegangen. Wir saßen in einem Halbkreis in der Aula und haben gemeinsam gesungen. Ich fand das Lied total spannend und mochte es gerne, weil es von unserer Stadt war“, erzählt Heidi Iwersen. 

Familiengeschichte am Mittagstisch

Die Begeisterung für das neue Lied schwappte zu Hause am Mittagstisch aus der kleinen Heidi heraus. Sie staunte nicht schlecht, als ihre Eltern ihr sagten: „Das ist deine Familie. Dein Ururopa auf Sylt, er hat das Schiff nach Tondern gebracht.“

Besagter Kapitän Thomas Selmer war ihr Ururgroßvater mütterlicherseits.

Stolz machte sich die Schülerin am nächsten Tag auf in die Schule, um ihrem Lehrer Asmus Paulsen mitzuteilen, dass es sich bei dem Seefahrer um ihren Ururopa handelte. „Er guckte mich ganz erstaunt an. Dann sagte er: Das kann nicht stimmen, das ist eine Sage“. 

Heidi Iwersen erinnert sich noch gut an die Episode aus ihrer Schulzeit, als es um das Lied von der Seestadt Tondern ging.

Enttäuscht teilte Heidi das nach dem Nachhausekommen mit. Ihren gleichnamigen Opa verärgerte diese Nachricht und er meinte: „Ihn kannst du mal vorbeischicken“, so nach dem Motto, dann würde er ihm schon die Leviten lesen. 

Als die Seestadt regelmäßig besungen wurde

„Es steht in den Sternen, ob er es tat. Als mein Opa noch lebte, wurde das Lied immer gesungen. Wir haben es auch bei einer Familientour vor einigen Jahren, die zum sogenannten ‘Putkanal’ in Tondern ging, gesungen“, so Heidi Iwersen, die mit zwei Brüdern in der Wiedaustadt aufwuchs.

Ein Bild von dem berühmten Kapitän hängt bei Heidi Iwersens Onkel Thomas Selmer in Tondern. Das originale Ölgemälde hat indes seinen Platz im Museum in Keitum aus Sylt (Sild).

Heidi Iwersens Opa hatte zur überlieferten Geschichte vom Steckenbleiben des Raddampfers „Bismarck“ im Volkskalender 1972 einen Beitrag verfasst.

Der legendäre Kapitän Thomas Selmer

Obwohl sein Name als Autor nicht genannt ist, besteht für seine Enkelin kein Zweifel, dass ihr Opa Thomas Selmer den Text geschrieben hat. 

Ein Auszug im originalen Wortlaut: 

Hoyer, der kleine Flecken mit seinen gemütvollen Menschen, aber auch mit handelstüchtigen Kaufleuten und Fabrikanten, hatte einst an seiner Schleuse einen wichtigen Hafen, von dem der Güter- und Bäderverkehr zu den Inseln ausging. Der Hauptverkehr spielte sich zwischen Hoyerschleuse und Munkmarsch auf Sylt ab. Im Sommer wurden für die Bewältigung des Badeverkehrs mehrere Dampfschiffe eingesetzt (...). 

Einer dieser Kapitäne war Thomas Selmer von Munkmarsch. Er fuhr das Dampfschiff mit dem Namen „Bismarck“ im Bäderverkehr, außerdem war er Besitzer und Wirt vom „Hotel Munkmarsch“(...). Er war ein Seebär, der sich an Bord auch mit seinen körperlichen Vorteilen bei seiner Mannschaft auf seine Art Respekt schuf (...). Im Hotel Munkmarsch verbrachte auch 1870 mancher Badegast seinen Urlaub. Wenn es Abend wurde, kam es vor, dass der Kapitän und Wirt sich bei warmem Grog oder Teepunsch noch mehrere Stunden mit seinen Gästen unterhielt (...). 

Bei einer solchen Unterhaltung geschah es eines Abends, dass einer der Gäste zum Kapitän sagte: „Aber mit der Bismarck auf der Wiedau in die Schiffbrücke der ehemaligen Seestadt Tondern reinfahren, das wagen Sie bestimmt nicht!“ „Mok ick“ war die kurze Antwort (...). Er streckte dem Badegast die Hand zur Wette hin, mit Handschlag wurde sie für 200 Mark eingegangen (...). 

Das Unmögliche wurde möglich gemacht; nach einigen Tagen machte die Bismarck an der Schiffbrücke in Tondern fest. Tonderns damalige Bevölkerung war erstaunt und konnte es nicht fassen, wie so ein seemännisches Husarenstück gelingen konnte. Man eilte zur Schiffbrücke hin, um den Dampfer zu betrachten, der mit niedergelegtem Schornstein und Masten nicht gerade vorteilhaft aussah (…). 

Die Bismarck konnte in dem schmalen Schiffsbrückskanal nicht umdrehen. Oft hat man darüber gerätselt, wie das Schiff zurückgekommen ist. 

Ein Bürger unserer Stadt hat noch den Bericht seines Vaters im Gedächtnis, der erzählte: „Lange Taue wurden auf beiden Seiten des Dampfers befestigt und dann zogen an den Ufern viele Kinder und auch Bürger der Stadt den Dampfer rückwärts hinaus, bis Platz zum Wenden gefunden war. Dann konnte ja die Bismarck wieder mit eigener Kraft nach Hoyerschleuse und weiter nach Munkmarsch dampfen.“

Der Kapitän hatte 1871 in der Tondernschen Zeitung für die sonntägliche „Lusttour“ mit dem Dampfschiff „Graf Bismarck“ am 22. Oktober von Hoyer nach Aschesodde (Askersodde) an der Wiedau südlich von Tondern und nach Tondern und zurück mit einer Anzeige geworben.

Etwa 50 Jahre nach seinem Uropa hat Heidi Iwersens Sohn Nicolai Kirk Flyman sich in einer Ausgabe von Sønderjysk Månedsskrift 7/2021 mit der Thematik befasst. Der Historiker kommt nach verschiedenen Nachforschungen zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich ist, dass sein Urururgroßvater mit seinem Dampfschiff dicht an Tondern, aber nicht den ganzen Weg ins Hafenbecken kam.

Aschesodde

Quelle: Sønderjysk Månedsskrift 1970 Heft 11/12

Eine Aufnahme aus der Zeit, als der Hafen zugeschüttet wurde.

Ein gräflicher Gast

Zudem ordnet er ein, dass es sich bei dem wettfreudigen Gast im Fährhotel um Graf Adalbert Baussin gehandelt haben könnte. Der Projektmacher machte sich für einen Kanalbau auf der Achse Flensburger Förde-Hoyer-Röm stark. Er traf mit seiner Idee aber nicht den Geschmack des preußischen Generalstabschefs von Moltke, wie Flyman schreibt. Letztendlich wurde der Nord-Ostsee-Kanal, damals Kaiser-Wilhelm-Kanal, weit südlicher zwischen Kiel und Brunsbüttel gebaut.

Das Hotel Munkmarsch existiert 154 Jahre später weiterhin auf Sylt. „Es gibt dort auch eine Kapitän Selmer Stube“, wie Heidi Iwersen erzählt. In Tondern wird weiterhin das Lied von der großen Seestadt immer noch angestimmt. Mit dem neuen Infopunkt auf der Schiffbrücke wird der Bekanntheitsgrad erweitert.

In der grossen Seestadt Tondern 
(In der Originalfassung)

In der grossen Seestadt Tondern
kam jüngst mal ein Dampfschiff an
alle Leute tun sich wundern,
dass man hier auch schiffen kann.

Mann und Weib und Kind und Besen 
eilen nach der Schiffbrück hin
um zu sehn was nie gewesen,
wie das Dampfschiff kam dahin.

Voll Verwundrung steht die Menge
gafft den schmutz´gen “Bismarck“ an
Aber ach! fest sitzt er in der Enge,
dass man ihn nicht retten kann.

Setzt auf Tondern weise Väter,
wie sie sich beraten drum,
dass sie diesen Schwerenöter
kriegen in den Hafen ‘rum.

„Hängt ihn“ sprach der eine Weise
„Hängt ihn in den Krahn hinein!“
Und ein andrer sagte leise,
„Grabt ein Loch ins Ufer nein’“

Seht sie drängen, seht sie schieben,
doch der lange „Bismarck“ spricht:
„Leut, es tut mir nicht belieben,
rum zu kriegen bin ich nicht.“

Da rief einer aus im Zorne:
„Rückwärts lasst ihn Tondern flieh,
kam er auch herein von vorne
rückwärts lasst ihn wieder ziehn.“

Die Moral von der Geschicht?
Höret, wie ein Weiser spricht:
„Wo du nicht heraus kannst kommen,
da hinein begieb dich nicht!“