Geschichte

Als Bornholm 1945 russisch wurde

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Bornholm
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs regneten Bomben auf Bornholm herab, das zu diesem Zeitpunkt Rückzugsort der Wehrmacht war.

Die sowjetische Besatzung Bornholms nach Ende des Zweiten Weltkriegs gerät oft in Vergessenheit. Auch die Insel Fehmarn und der Nord-Ostsee-Kanal standen im Fokus der Sicherheitsinteressen zwischen Ost und West.

Die gegenwärtige sicherheitspolitische Lage im Ostseeraum hat sich durch den Ukrainekrieg und die Aktivitäten Russlands zur See bekanntermaßen sehr verändert und verschärft. Gerade in einer Zeit, in der an vielen Orten gerade erst an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor nunmehr 80 Jahren gedacht wurde und zahlreiche Artikel und Dokumentationen über das Kriegsende veröffentlicht werden, sollte nicht vergessen werden, dass die am östlichsten liegende dänische Insel Bornholm nach dem Ende der deutschen Besatzung Dänemarks ab 1945 fast ein Jahr lang unter russischer Fremdherrschaft stand. Solche Episoden der Geschichte können in den größeren zeitgeschichtlichen Zusammenhängen nach so langer Zeit leicht in Vergessenheit geraten, zumal die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen inzwischen recht klein geworden ist.

Prekäre Lage auf Bornholm

Die damalige Geschichte Bornholms zwischen 1940 und 1946 ist vor allem durch eine Dissertation von Christian Roland Hauck an der Europa-Universität Flensburg (1999/2000), einem Schüler des Kieler Zeithistorikers und Experten für die britische Besatzungspolitik in Schleswig-Holstein, Prof. Kurt Jürgensen (1929-1999), durch Archivstudien belegt und eingehend untersucht worden. Gegen Ende des Krieges war Bornholm in einer prekären Lage. Durch das rasche Vordringen der sowjetischen Streitkräfte nach Westen wurde die deutsche Marinestation auf Bornholm mehr und mehr zu einer „Auffangstation“ für deutsche Truppenteile bei ihrem Rückzug aus dem Osten. Vorher waren im Verlauf des Krieges schon deutsche Flüchtlinge auf die Insel gebracht worden.

Da der deutsche Wehrbereichskommandant auf Bornholm, Gerhard von Kamptz (1902-1998), gegenüber den herannahenden sowjetischen Streitkräften am 6. Mai 1945 zunächst die Kapitulation verweigerte, wurden die Städte Rønne und Nexø daraufhin von russischen Luftstreitkräften stark bombardiert und zu 70 bis 80 Prozent zerstört. Am 9. Mai kam es dann aber doch zur Übergabe der Insel durch die deutschen Besatzer an die sowjetische Seite. Die auf Bornholm befindlichen deutschen Soldaten (etwas mehr als 9.000 Personen) gerieten in russische Kriegsgefangenschaft. Zu einem stärkeren Einsatz Großbritanniens in Bezug auf die Insel kam es nicht.

Der 5. April 1946 als zweiter Befreiungstag

Die Hauptfrage für die sowjetische Seite war vor allem die, bis wohin das östliche militärische Sicherheitsinteresse im Ostseeraum im Blick auf den ungehinderten russischen Schiffsverkehr reichen würde. Es sah so aus, dass hierfür die Linie Bornholm-Rügen infrage kam, zumal Bornholm gewissermaßen im „Hinterland“ des sowjetischen Einflussbereiches lag. Auch hatte die Sowjetunion wohl im Blick, in dieser Hinsicht eine engere Kooperation mit Dänemark zu verfolgen und den Einfluss auf das befreite Land nicht Großbritannien allein zu überlassen.

Der dänischen Regierung unter Vilhelm Buhl war jedoch nicht daran gelegen, dass die sowjetische Besetzung Bornholms als eine Art „Faustpfand“ für eine größere Einflussnahme benutzt werden würde. Allerdings dauerte dieses neue Besatzungsregime auf der Insel viel länger an als gedacht. Erst nach intensiven Verhandlungen zwischen Kopenhagen und Moskau im Februar/März 1946 kam es am 5. April 1946 zu einer Übergabe der Insel an Dänemark und zu einem Abzug der etwa 3.000 sowjetischen Soldaten.

Die dänische Regierung sollte sich im Gegenzug bereit erklären, die Sicherheit Bornholms allein mit eigenen militärischen Kräften zu garantieren. Nichtdänische Truppen sollten (bis heute!) nicht auf der weit im Osten liegenden Insel stationiert werden. Und so können die Bornholmer bis heute den 5. April als ihren (zweiten) Befreiungstag feiern.

Durch den Beitritt Dänemarks zur Nato 1949 änderte sich die Lage im westlichen Ostseeraum insofern, als dieses Land damit fest in das westliche Bündnissystem integriert wurde.

Sowjets hatten auch Fehmarn im Blick

Bei der Betrachtung dieser Thematik sollte nicht vergessen werden, dass es nach 1945 für einige Zeit noch andere Gebiete gab, bei denen es um sowjetische Sicherheitsinteressen ging. William Strang (1893-1978), ein hochrangiger britischer Diplomat und ab 1945 Berater des britischen Feldmarschalls Montgomery, berichtete in seinen Lebenserinnerungen („Home and abroad“, 1983) über Gespräche mit Fedor Gusev (1905-1987), der von 1943 bis 1946 sowjetischer Botschafter in London, ab 1946 stellvertretender sowjetischer Außenminister war, Folgendes: „Gusev tried for a couple of months to secure the allocation of the island of Fehmarn in the Baltic to the Soviet zone.“

Zwar hatte die britische Seite in ihrem Entwurf für das Gebiet ihrer künftigen Besatzungszone die Insel Fehmarn als zu Schleswig-Holstein gehörig mit einbezogen, jedoch gab die hierzu gezeichnete Landkarte keine klare und eindeutige Grenzziehung in Bezug auf diese Insel. Strang unternahm es mit aller Kraft, den sowjetischen Vertreter von diesem Bestreben abzubringen, obgleich das Foreign Office vermutlich nachgegeben hätte. Aber schließlich rückte Gusev von dieser Idee doch ab.

Auch wenn es aus heutiger Sicht nur eine spekulative Betrachtung ist, hätte doch die Zugehörigkeit Fehmarns zur sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR nicht zuletzt bedeutet, dass es bis 1989/90 höchstwahrscheinlich keinen Verkehrsweg zwischen Dänemark und dem westlichen Deutschland über den Fehmarn-Belt gegeben hätte.

Nord-Ostsee-Kanal ein Thema zwischen Ost und West

Last not least: Auch der vor nunmehr 130 Jahren eröffnete Nord-Ostsee-Kanal stellte in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein Thema zwischen Ost und West dar. Bereits seit der Konferenz von Teheran (1943) gab es seitens der Westalliierten Überlegungen, den „Kiel Canal“ künftig einer internationalen Verwaltung zu unterstellen. Die dänische Seite stand solchen Überlegungen, die es schon 1919 bei den Verhandlungen um den Versailler Friedensvertrag gab, zunächst durchaus positiv gegenüber. Dabei ging es nicht nur um den Kanal selbst, sondern möglicherweise auch noch um die Bildung einer internationalen Kanalzone links und rechts dieser Wasserstraße.

Nach 1945 wollte die britische Regierung solche Pläne, die zu einer Teilung von Schleswig und Holstein geführt hätten, allerdings nicht weiterverfolgen. Wäre es zu einer derartigen Lösung gekommen, hätte es inmitten von Schleswig-Holstein etwas Ähnliches wie die Panamakanalzone gegeben, die bis 1999 bestand.

Der Verfasser hat 1981 in Kiel über die Minderheitenpolitik der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung promoviert und war bis 2019 an der Universitätsbibliothek Tübingen tätig.