Gesundheit

Warum in Nordschleswig über die Vogelgrippe gesprochen wird

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Bei zwei Ausbrüchen in Hühnerbeständen in Apenrade waren 2024 insgesamt 62.000 Tiere betroffen. Die landwirtschaftlich geprägte Region macht die Vogelgrippe auch in Nordschleswig zu einem aktuellen und relevanten Thema (Archivbild).

Ein Virus, das unter anderem Hühner, Robben und Füchse befällt, rückt in Europa seit 2020 wieder stärker in den Fokus. In Dänemark ist das Risiko für Menschen aktuell sehr gering – die Lage wird trotzdem genau beobachtet. Warum Aufklärung wichtiger ist als unbegründeter Alarmismus, erklären zwei Experten.

Das Vogelgrippevirus H5N1 rückt aktuell wieder in den Fokus, weil die seit 2020 dominante Virusvariante sich ungewöhnlich stark in einer wachsenden Zahl von Tierarten verbreitet – darunter erstmals auch in Säugetieren. Betroffen waren in den vergangenen Jahren laut laut videnskab.dk unter anderem auch Seelöwen in Südamerika, Nerze und Füchse in Finnland sowie Milchkühe in den USA. In den vergangenen Jahren und Monaten wurden in Dänemark, darunter auch in Nordschleswig, ebenfalls Ausbrüche registriert. 

Je mehr Tiere infiziert sind, desto größer ist die Chance, dass das Virus Mutationen entwickelt, die theoretisch auch für Menschen gefährlich werden könnten. Nach Einschätzung von Forschenden könnte ein solches Virus im schlimmsten Fall stärker wirken als COVID-19. Genau diese Dynamik beschäftigt derzeit Wissenschaft und Gesundheitsbehörden. Gleichzeitig betonen Expertinnen und Experten aber auch, dass die aktuelle Gefahr für die Bevölkerung sehr gering ist.

Vogelgrippe-Ausbrüche in Nordschleswig (Auswahl)

Weitere Fälle:

Quelle: fødevarestyrelsen.dk & videnskab.dk

Keine Gefahr im Alltag – Fokus liegt auf Vorsorge

Der Virologe Lars Erik Larsen, Professor an der Universität Kopenhagen und Vorsitzender der nationalen dänischen Expertengruppe für Vogelgrippe, erklärt gegenüber videnskab.dk: „Für die normale Bürgerin und den normalen Bürger in Dänemark besteht kein erhöhtes Risiko. Man muss keine Angst davor haben, am See oder im Wald spazieren zu gehen.“

Laut Larsen sei ein pandemiefähiges Vogelgrippevirus langfristig möglich, derzeit aber sehr unwahrscheinlich. Menschliche Infektionen traten bislang fast nur nach direktem, engem Kontakt mit infizierten Tieren auf. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bis heute nicht dokumentiert. Gleichzeitig sei das schnelle Töten infizierter Geflügelbestände eine wichtige Strategie, um dem Virus keine Gelegenheit zu geben, sich besser an Menschen anzupassen.

Auch Professorin Lone Simonsen, Epidemiologin an der Universität Roskilde und Leiterin des PandemiX-Centers, sagt laut videnskab.dk: „Wir stehen nicht vor einer unmittelbaren Pandemie. Das Risiko ist gering, aber nicht null.“

Wie weit ist das Virus von einer Pandemie-Variante entfernt?

Die aktuell gemeldeten Fälle bei Menschen sind extrem selten und entstehen nur durch direkten Kontakt mit infizierten Tieren – meist Hühnern oder Fasane. Die oft angeführte Sterblichkeit von 48 Prozent bezieht sich laut videnskab.dk auf diese schweren Kontaktinfektionen seit 2003 und beschreibt Ausnahmefälle. In diesen Fällen vermehrte sich das Virus tief in der Lunge und führte zu besonders ernsten Verläufen.

Laborstudien aus 2012 zeigen, dass etwa fünf Mutationen nötig wären, damit das Virus zwischen Säugetieren übertragen werden kann. Bei Menschen wurden bisher maximal drei solcher kritischen Mutationen gemessen. Daraus schließt Lone Simonsen, dass die Schwelle zur Pandemiefähigkeit „noch nicht erreicht“ ist.

Lars Erik Larsen ergänzt: Sollte das Virus eines Tages tatsächlich effizient zwischen Menschen übertragbar werden, würde es wahrscheinlich mildere Krankheitsverläufe verursachen, weil es in diesem Fall eher die oberen Atemwege befällt und nicht die tiefe Lunge – anders als bei den bisher extrem seltenen schweren Kontaktinfektionen (mit infizierten Tieren).

Impfstoffe wären möglich – sind aber eine Prioritätsfrage 

Lone Simonsen erklärt auf videnskab.dk, dass gegen H5-Viren bereits vor rund 20 Jahren Influenza-Impfstoffe entwickelt wurden. Mehrere Varianten sind für Menschen zugelassen, müssten im Pandemiefall aber erst in großen Mengen produziert werden. 

Doch heute stünde die Impfstoffproduktion vor einem typischen Influenza-Dilemma, beschreibt Simonsen auf videnskab.dk: „Mengen gleichzeitig für Saison-Grippe und einen potenziellen Pandemie-Impfstoff zu produzieren, ist schwer möglich. Man müsste priorisieren.“ Die Frage laute also: Sicher benötigte Saison-Impfstoffe zuerst – oder ein Pandemie-Vorrat, den man vielleicht nie braucht? 

Landwirtschaftliche und wirtschaftliche Folgen

Während das Virus im Alltag für die Bevölkerung derzeit kein Risiko darstellt, tut es dies für die Landwirtschaft hingegen schon. In Dänemark werden Geflügelbestände bei einem H5N1-Ausbruch komplett getötet, um eine Weiterverbreitung zu verhindern. Das kann zu hohen finanziellen Verlusten und Export-Einschränkungen führen, besonders bei Geflügelfleisch und Eiern.

Auch deshalb überwachen dänische Behörden das Virus in Zugzeiten der Wildvögel zwischen Winter- und Sommerplätzen besonders genau. Maßnahmen wie Impfungen in der Landwirtschaft, frühe Warnmeldungen oder (wenn es nötig ist) die Haltung von Geflügel im Stall können Betriebe und Tiere schützen. Der richtige Umgang mit der Vogelgrippe ist laut Expertinnen und Experten also kein Alarmismus, sondern Aufklärung, Überwachung und behördliche Vorsorge.