Menschen aus der Minderheit

Robert Mørck: Mit Kant im Gepäck auf Mission in Afghanistan

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Robert Mørck ist in Krusau aufgewachsen.

Nach dem Abitur am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig hat sich der Mann aus Krusau für eine Militärkarriere entschieden. Das hat zu mehreren Auslandseinsätzen geführt. Jetzt engagiert er sich politisch. Ein Lehrer am DGN hat dem 44-Jährigen wichtige Erkenntnisse mit auf die Reise gegeben.

Robert Mørck trägt zwei Tätowierungen auf seinem rechten Unterarm. Die eine zeigt eine liegende Acht, das Symbol für Unendlich. Den Ehering trägt er nämlich nur selten bei seinem Job als Soldat, weil er sich verhaken könnte. 

Die andere ist das Symbol der Leibgarde mit einem Armadillo (Gürteltier) in der Mitte. Sein Chef in der Kampfgruppe 4 in Afghanistan, Major Anders Storrud, hat die Tätowierung getragen. Nachdem er 2007 gefallen war, übernahmen viele in der Einheit das Symbol. 

Der Einfluss des Opas

Die Arbeit beim Militär ist für den Mann aus Krusau (Kruså) mehr als nur ein Job, es ist Teil seiner Identität. Bereits als er als Junge über den Schulhof der Deutschen Schule Pattburg tobte, hatte er den Wunsch, Soldat zu werden. Sein Opa mütterlicherseits hat dabei eine Rolle gespielt.

„Er sprach häufig in positiven Tönen über die Aufgabe, die man als Soldat erfüllt“, so Mørck.

Pflichtbewusstsein und der Gedanke, seinem Land zu dienen, spielten für den Großvater eine große Rolle. Die Freiheit musste in seinen Augen verteidigt werden.

Und so blieb der Wunsch bei ihm, im Gegensatz zu anderen, bestehen, als der kleine Junge älter wurde. Unmittelbar nach dem Abitur am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig (DGN) zog der junge Mann nach Kopenhagen, um seine militärische Laufbahn einzuleiten. 

„Ich habe mich vom ersten Tag an wohlgefühlt. In den 25 Jahren, die die Reise bislang gedauert hat, gab es wenige Momente, an denen ich dachte, dass ich hierzu keine Lust habe.“

Harter Einsatz in Afghanistan

Schon bald kamen die Auslandseinsätze: Kosovo, Irak und mehrfach Afghanistan. Um 2018 war Mørck auch mehrmals in der Ukraine. 

„Meine erste Entsendung nach Afghanistan 2007 war wohl die härteste Runde. Irak war auch nicht für zarte Gemüter, aber in Afghanistan eskalierte es. Dort hatten wir täglich Gefechte.“

Die ISAF-Gruppe 4 (International Security Assistance Force) hatte in der Helmand-Provinz harte Auseinandersetzungen mit den Taliban. Zeitweise gelang es, die islamistische Gruppe zu vertreiben und einen Vorposten zu errichten. Er bekam in Gedenken an Anders Storrud den Namen „Armadillo“. 

„Ich lernte, wie wichtig die ‚brilliant Basics‘ sind.“ Der Begriff beschreibt, dass man das Grundsätzliche außergewöhnlich gut lösen soll. „Du musst dein basales Material und deine grundlegenden Fähigkeiten in- und auswendig kennen.“

Wie gefährlich die Mission war, zeigt die Tatsache, dass fünf Soldaten der Gruppe 4 fielen. Fünf weitere wurden verletzt.

„Man gibt sich immer Mühe und wählt nie die einfache Lösung. Tust du dies, begibst du dich in größere Gefahr als notwendig. Die Erfahrung habe ich mitgenommen.“ 

Schwere Nachwirkungen der Einsätze

Die Heimkehr nach dem ersten Afghanistan-Einsatz war besonders schwer. Er erlebte Schlafstörungen, aß immer weniger und war von Stress geplagt. Der Job in der Kaserne erschien ihm weniger sinngebend. 

„Ich füllte den Alltag mit allem Möglichen: Arbeit, abends ausgehen und vieles andere. Ich wollte nicht zu viel darüber nachdenken, was ich nicht mehr hatte.“

Trotz der wiederholt schweren Heimkehr, den gefährlichen Kampfeinsätzen und dem Verlust von Kameraden ist der heute 44-Jährige immer wieder losgezogen. Wenn er zu einer neuen internationalen Mission aufgefordert worden ist, hat er Ja gesagt. Das Erbe seines Opas dürfte dabei eine Rolle spielen.

Ich habe gesehen, wie die Menschen in Ländern ohne Freiheit dahinsiechen.

„Wenn ich nicht losziehe, würde es ja jemand anders tun. Hätte diejenige Person nicht dieselben Fähigkeiten wie ich und etwas läuft verkehrt, dann hätte ich das Gefühl, dass es meine Verantwortung wäre.“

Mit Freiheitsliebe in die Politik

Das Verantwortungsgefühl spielte auch eine Rolle, als Mørck vor gut sechs Jahren begann, sich politisch zu engagieren. 

„Mein Opa sagte: Das Vornehmste, das du tun kannst, ist, anderen als dir selbst zu dienen.“

Die Liberale Allianz sprach seine Freiheitsliebe an. Mit der vorherigen Parteiführung konnte er sich jedoch nicht anfreunden. Zu sehr hatte sie seiner Ansicht nach die Ideale aufgegeben, um Teil der damaligen Koalition zu werden. Nach der eklatanten Wahlniederlage 2019 übernahm Alex Vanopslagh den Vorsitz.

„Es sah für die Partei richtig schlecht aus. Als die neue Richtung feststand, wollte ich gerne dazu beitragen, die Liberale Allianz wieder aufzubauen.“

Deutsche Geschichte inspiriert Mørcks liberales Weltbild

Zentral für seine Entscheidung war, dass die liberale Ideologie nicht erneut auf dem Altar der Regierungsbeteiligung geopfert werden durfte. Wer mit Mørck spricht, bekommt schnell mit, dass er sich viele Gedanken über den Begriff der Freiheit gemacht hat. Seine militärische Laufbahn spielt dabei durchaus eine Rolle. 

„Ich habe gesehen, wie die Menschen in Ländern ohne Freiheit dahinsiechen.“

Seine Sicht der Dinge ist jedoch auch von der deutschen Geschichte geprägt. Das Dritte Reich habe gezeigt, was in äußerster Konsequenz geschieht, wenn ein Volk seine Selbstbestimmung aufgibt. Er betont jedoch auch die andere Seite der deutschen Geschichte.

Robert Mørck muss ein Korsett tragen, da er sich am Wahltag den Rücken gebrochen hat.

„Wenn du aufgeklärt bist und den Mut hast, selbst zu denken und deine eigenen, informierten Entscheidungen zu treffen, gelangst du an einen anderen Punkt – und bietest totalitären Regimen keinen Nährboden.“

Jens Mittag als Vorbild

Einen wichtigen Baustein für dieses Weltbild hat er auch vom DGN mitgenommen. Inspiriert habe ihn vor allem sein damaliger Klassen- und Deutschlehrer Jens Mittag, der bekanntlich heute Rektor des Gymnasiums ist. 

Einen Text kann er bis heute auswendig: Immanuel Kants „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung“. Der erste Satz lautet: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

„Die Passage zitiere ich, sooft ich nur kann.“ 

Bildung als Basis

Er sagt, er ist dankbar für die Bildung, die ihm die deutschen Schulen in Pattburg (Padborg), Tingleff (Tinglev) und das DGN mit auf den Weg gegeben haben. Für ihn zählt sie auch zu den „brilliant Basics“, die man beherrschen muss.

„Das grundlegende Wissen und die grundlegenden Fähigkeiten sind notwendig, um sich weiterzubewegen. Ohne sie beginnst du, an dir selbst zu zweifeln.“

Wahlabend mit gebrochenem Rücken

In den kommenden vier Jahren wird Mørck sich mit diesen Leitfäden in der Kommunalpolitik weiterbewegen. Am 18. November hat er in der Furesø Kommune nördlich von Kopenhagen ein Mandat errungen, das erste für die Liberale Allianz. 

„Der Wahlabend war wahnsinnig spannend.“ Er war bis 7 Uhr morgens bei den Verhandlungen dabei. Und das, obwohl er am Wahltag beim Drehen eines Videos ausrutschte und sich den Rücken brach. Sechs Wochen muss er ein Korsett tragen. 

Mørcks militärische Laufbahn nähert sich dem Ende

Das bedeutet jedoch nicht, dass er stillsitzt. Die politische Arbeit hält ihn auf Trab. Außerdem widmet er sich einem weiteren Projekt: Er arbeitet daran, einen Betrieb zu gründen. Er möchte nicht mehr Frau und die beiden Kinder für Auslandseinsätze verlassen. Ganz wendet er sich jedoch nicht vom Militär ab: Die geplante Existenzgründung soll ein Sensorsystem für die Streitkräfte herstellen.

In Zukunft kann er sich auch vorstellen, die Liberale Allianz im Folketing zu vertreten. Sein Wunschthema: die Verteidigungspolitik. Er ist bereits Kandidat, doch es würde ihm nichts ausmachen, wenn er bei der kommenden Wahl kein Mandat bekommt. Er möchte sich zunächst in der lokalen Politik für liberale Werte einsetzen.

„Es gibt so viele Dinge in unserem Alltag, die einfacher sein könnten, wenn die öffentliche Hand sich nicht einmischen würde.“

Das kommende Jahr möchte er jedoch auch etwas für seine Familie und sich tun: Sie planen eine zweimonatige Weltreise.