Kommunalwahl 2025

Mut statt Rückzug: Dorthe Andresen wehrt sich gegen Hass im Netz

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Dorthe Andresen
Dorthe Andresen

„Danmark er kun for danske“: Ein Hasskommentar, der trifft – und den Dorthe Andresen trotzdem stehen lässt. Die SP-Kandidatin aus Apenrade bekommt online abwertende Kommentare, weil sie jung ist und zur deutschen Minderheit gehört. Sie will zeigen, dass Respekt und Dialog stärker sind als Hass.

Anfeindungen im Netz erleben viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich politisch engagieren. Die junge Nordschleswigerin Dorthe Andresen bildet da keine Ausnahme, wie sie im Podcast „Mojn Nordschleswig“ des „Nordschleswigers“ schildert. Sie kandidiert für die Schleswigsche Partei in Apenrade und hofft auf ein Mandat im Stadtrat.

Sich politisch für die jungen Menschen in der Kommune einzusetzen, werde ihr Schwerpunkt sein, erzählte sie dem „Nordschleswiger“ im Mai. Sie wolle dabei Mehrheit und Minderheit noch mehr zusammenbringen, sagt die gebürtige Nolderin.

Als angehende Landwirtin – die 20-Jährige studiert zurzeit an der Fachschule in Gravenstein (Gråsten) – hat sie noch einen zweiten politischen Fokus: „Die Landwirtschaft und die Umsetzung der ‚Trepart‘-Absprache.“

Sie möchte ein Mandat nutzen, um Einfluss zu nehmen und mitzugestalten. Doch immer wieder erhält sie in den sozialen Medien Anfeindungen. „Der raue Ton auf Facebook hat zugenommen, und die Kommentare, denen ich und andere Kandidaten begegnen, sind oft grob, abwertend und teilweise sogar hasserfüllt“, schrieb Andresen kürzlich in einem Leserbrief an die Redaktion und appellierte darin an Kandidatinnen, Bürger und Wählende, sich daran zu erinnern, dass alle zuerst Menschen sind. Man solle respektvoll über Ideen, Haltungen und Lösungen diskutieren. Nur so könne eine Gesellschaft geschaffen werden, in der alle Stimmen Platz haben, selbst wenn man mit ihnen nicht übereinstimmt.

Wie ein Schlag in den Magen

Ich habe Kommentare gekriegt, wo jemand ‚Danmark er kun for danske‘ geschrieben hat, wo ich mir denke, da brauche ich nicht drauf zu antworten.

Dorthe Andresen

Doch wie geht es der 20-Jährigen, wenn sie persönliche Angriffe erlebt? „Es gibt so einen Pust i maven würde man wahrscheinlich auf Dänisch sagen. Man setzt sich hin und denkt, okay, wow, was ist das denn jetzt hier?“ 

„Es ist das erste Mal, dass ich jetzt dabei bin und das erste Mal, dass ich solche Kommentare erlebe auf den Plattformen wie Facebook, dann muss man sich schon erst mal irgendwie da reinversetzen“, sagt sie. 

Die meisten Kommentare hätten sich unter einem Beitrag zum Thema Vielfalt in der Kommune Apenrade gesammelt. Dort sei laut Andresen teilweise fast Krieg ausgebrochen. 

„Aber da haben sich auch einige Menschen die Zeit genommen, um auf diese Kommentare zu antworten und mal die Gegenseite zu beleuchten.“

Viele offenbaren Unwissenheit

Ob sie auf Kommentare und Nachrichten reagiere, sei Abwägungssache. Auf einiges wolle sie gar nicht antworten. „Ich habe Kommentare gekriegt, wo jemand ‚Danmark er kun for danske‘ geschrieben hat, wo ich mir denke, da brauche ich nicht drauf zu antworten.“ Andere Kommentare lauteten, sie solle sich schämen, sich in einem so unreifen Alter zur Kommunalwahl aufzustellen. „Ich glaube, da würde man in der Diskussion gar nicht weiterkommen.“

Kommentare wie „Dänemark nur für Dänen“ offenbaren auch Unwissenheit. Das ärgert Andresen: „Sie haben keine Ahnung. Und was ich irgendwie schade finde, ist, dass man ja nicht mal den Dialog sucht. Es kann ja sein, dass man von irgendeinem Thema keine Ahnung hat. Da würde ich mir eher wünschen, dass die Leute einen Dialog suchen.“

Ein Phänomen im Netz

Es gibt einem schon die Lust, dass man dann noch mal extra mehr Gas geben möchte, dass man diesen Leuten, die meinen, ich könnte das nicht, zeigt: Hey, ich kann das doch, ich trau mir das zu.

Dorthe Andresen

Im Straßenwahlkampf hat Dorthe Andresen diese Anfeindungen bisher nicht erlebt. „Ich glaube, es ist einfach anders, denn dann stehst du dieser Person ja gegenüber. Würdest du das deinem Nachbarn sagen, wenn du den am Postkasten triffst oder an der Hecke gegenüber? Das sagt man auch nicht einfach so.“

Natürlich sei sie Kandidatin bei dieser Wahl, aber sie sei mehr als einfach nur ein Name auf dem Stimmzettel oder ein Bild auf dem Plakat.

Gespräche mit Familie und Freunden

Ganz unberührt lassen die 20-Jährige die Hasskommentare aber nicht. „Ich habe mit einigen Leuten darüber geredet, mit meiner Familie, aber auch ich gehe gerade wieder zur Schule, und da ist ein Mädchen in meiner Klasse, sie stellt sich auch auf im Wahlkampf, und wir haben auch viel drüber geredet. Das ist eigentlich eine richtig gute Unterstützung, dass man da auch von eher erfahrenen Leuten aus der Familie hört: Nimm dir das nicht zu Herzen.“

Diese Leute, die solche Kommentare schreiben, hätten wahrscheinlich ein anderes Problem, sagt die SP-Kandidatin. „Es liegt nicht an mir, es liegt an irgendwas anderem. Wer weiß, woran.“ 

Hasskommentare können jeden treffen

Auch andere Kandidatinnen und Kandidaten stehen in den sozialen Medien unter Feuer. Andresen erinnert an einen Beitrag von Jørgen Popp Petersens Tochter im Zusammenhang mit Anzeigen wegen Tierwohlverstößen auf dem Hof des Tonderaner Bürgermeisters. Darin schrieb sie über den Hass, den ihr Vater erhielt und sagte im Kern: Redet doch wenigstens ordentlich miteinander – unabhängig von euren Meinungen. 

In Podcast-Folge 89 von „Mojn Nordschleswig“ sprach Journalistin Mareike Makosch mit unserer Redaktion zum Fall Popp und den Anschuldigungen im Netz. Es sei toxisch, auf seinem Standpunkt zu beharren, sagt sie. „Wie soll da je etwas Konstruktives bei herauskommen?“ Sie lädt dazu ein, den konstruktiven Dialog zu suchen.

Auch Anna Lea Leth Schmidt, die für die SP in Hadersleben kandidiert, hat den rauen Wind bemerkt, der den Jungen Spitzen entgegenweht, wagen sie den Schritt in die Politik. Abfällige Kommentare zu ihren Zielen – auch zur Sprache, wenn sie sich auf Deutsch vorstellen oder kein Nordschleswigsch sprechen können – sind keine Ausnahmen.

Nolderin hält dagegen

Dass Dorthe Andresen eine Frau ist – die einzige im Apenrader Spitzenteam – ist für sie jedoch nicht der Grund für die Anfeindungen. „Ich glaube, es liegt daran, dass man jung ist und dass einige Leute es einem vielleicht nicht zutrauen, weil sie meinen, dass die Erfahrung fehlt oder Ähnliches.“

Weil alle mal klein angefangen haben, hält die 20-Jährige dagegen und will sich von negativen Kommentaren nicht unterkriegen lassen. „Es gibt einem schon die Lust, dass man dann noch mal extra mehr Gas geben möchte, dass man diesen Leuten, die meinen, ich könnte das nicht, zeigt: Hey, ich kann das doch, ich traue mir das zu. Ich meine, dass ich hier auch zu etwas beitragen kann in der Kommune, und das ist eigentlich mein Ansporn jetzt gerade, um zu zeigen, ich kann das doch sehr wohl.“

Keine Lösung für Hass im Netz

Was es brauche, um wieder zu einer fairen und konstruktiven Debattenkultur zu kommen? 

„Ich glaube, es ist sehr, sehr schwer, diesen Ton im Internet zu ändern, oder dass man wieder zurück zu einer konstruktiven Debatte kommt, denn du bist halt hinter einem Profil geschützt.“ Es sei eine andere Identität im Netz, sagt Dorthe Andresen. „Mich sieht ja keiner, dann kann man ja so schreiben.“ Die Anonymität, dass man nicht genau weiß, wer da hinter sitzt, sei ein Problem. „Deswegen, glaube ich, wird das richtig, richtig schwer, das im Internet zu begrenzen.“ Sie hoffe natürlich, dass die Leute mal öfter darüber nachdenken, was sie eigentlich schreiben.

Viele Opfer von Hasskommentaren gehen mittlerweile dazu über, Kommentare und die Namen dazu zu veröffentlichen, um die Verrohung in der Debattenkultur öffentlich zu dokumentieren. „Das war ja so ein bisschen meine Idee mit diesem Leserbrief, den ich im ,Nordschleswiger’ und auch in ,Jydske’ veröffentlicht habe, wo ich mir echt erhoffe, dass viele Leute das lesen und auch darauf aufmerksam werden. Es kann ja auch sein, dass manche im Alltag da drüber hinweglesen, weil sie ein Krieg in den Kommentaren eher nicht interessiert.“ Sie glaube, dass, wenn mehrere Leute darauf aufmerksam gemacht werden, es doch etwas bewirken könne. 

Auf die Leserbriefe habe sie auch schon positives Feedback bekommen. 

Vollgas im Wahlkampf geben

Ob die Hassnachrichten ihren weiteren Wahlkampf beeinflussen? Wohl kaum. „Also jetzt fängt ja die heiße Phase so richtig an bei uns im Wahlkampf, mit Straßenwahlkampf und Wahlveranstaltungen drumherum. Und wir sind ja auch immer noch weiter auf den sozialen Medien aktiv. Und natürlich wird wahrscheinlich noch was dazukommen zu diesem Leserbrief. Jetzt und sonst geben wir einfach weiter Vollgas im Wahlkampf.“

Das komplette Interview mit Dorthe Andresen gibt es in unserem Podcast „Mojn Nordschleswig“: