Deutsche Minderheit

Mein Kindergarten Wilsbek: Die Gefühlsachterbahn von Inghild Johanning

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Inghild Johanning vor der Einrichtung, die sie jahrzehntelang leitete und die nun geschlossen ist.

Über 40 Jahre lang leitete sie den Deutschen Kindergarten Wilsbek, war die treibende Kraft der ersten Stunde. Dass die Einrichtung geschlossen wurde, trifft sie ins Mark, wie die 79-Jährige bei einem emotionalen Stelldichein an alter Wirkungsstätte sagt.

„Herzzerreißend“, kommt es spürbar berührt über die Lippen von Inghild Johanning, als sie auf dem gähnend leeren Gelände des Deutschen Kindergartens Wilsbek steht. Dass die Einrichtung aufgrund geringer Kinderzahl geschlossen wurde und keine Kinder mehr herumtollen, die das Areal mit Leben füllen, gehe ihr nahe, wie sie bei einem Gespräch am verwaisten Gebäude gesteht.

Über Generationen eine Einheit

Bis zu ihrem Ruhestand leitete die 79-Jährige über 40 Jahre lang die Einrichtung, hatte den Kindergarten von der ersten Stunde an mit aufgebaut. 1968 legte man los.

Mehrere Generationen durchliefen bei ihr die Kindergartenzeit, darunter die eigenen Kinder und auch einige Enkel. „Die damaligen Gründungsväter waren mit viel Elan bei der Sache. Es war eine außergewöhnliche Zeit“, schwärmt Inghild Johanning von dem damaligen Engagement der Familien.

Die Schließung des Wilsbeker Kindergartens löst bei Inghild Johanning Wehmut aus.

„Als ich über meine Tochter von der Schließung erfuhr, war ich natürlich geschockt. Ich wollte es erst nicht glauben. Das ist nun schon eine Weile her und ich dachte, dass ich es verarbeitet habe. Wenn ich jetzt hier stehe, muss ich aber sagen, dass noch einmal viele Gefühle hochkommen. Es ist schon wehmütig“, sagt die in Loit Schauby (Løjt Skovby) wohnhafte ehemalige Leiterin.

Endgültiger Schlussstrich

„Ich befürchte, es ist der Anfang vom Ende“, sagt Johanning betrübt und meint die Bedeutung des Kindergartens für die deutsche Gemeinschaft in Wilsbek und Umgebung. Zu ihrer Zeit war das ehemalige Schulgebäude nicht nur Kindergarten, sondern auch Treffpunkt für den Schützenverein, für Abendschulkurse und für den kulturellen Austausch.

Auch wenn der Kindergarten zuletzt nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt war wie früher, „geht etwas Besonderes verloren“, sagt Inghild Johanning.

Inghild Johanning am Hintereingang des Kindergartens, den sie über 40 Jahre lang leitete.

Sie sei schon eine Weile heraus, kenne die betrieblichen Zusammenhänge nicht und könne sich eigentlich kein Urteil erlauben.

„Ich habe aber das Gefühl, dass es ein Schnellschuss war und es ausschließlich um Geld geht. Das ist schade. Ich hätte mir gewünscht, dass man dem Kindergarten mehr Zeit und damit eine Chance gibt. Auf mich wirkt die Schließung kurzsichtig. Aber das lässt sich von außen leicht sagen, das ist mir schon klar“, ist Inghild Johanning bei aller Enttäuschung um Diplomatie bemüht.

Eine andere Zeit

Zuletzt lag die Kinderzahl in Wilsbek bei acht. Zu wenig, um fortbestehen zu können, so die Einschätzung der Verantwortlichen.

„Auch zu meiner Zeit war die Zahl einmal bei acht, wenn auch nur kurz. Es gab immer mal Phasen, in denen die Kinderzahl niedrig war. Eine Schließung stand aber nie zur Debatte. Es wurde stets alles in Bewegung gesetzt, um Familien für sich zu gewinnen. Stets mit Erfolg“, erzählt die ehemalige Leiterin. „Aber vielleicht lässt sich die damalige Zeit nicht mit der heutigen vergleichen.“

Gruppenfoto aus den Anfängen des Wilsbeker Kindergartens. Das Bild mit Inghild Johanning (l.) ist aus dem Jahr 1970.
Anne Mørck, Inghild Johanning, Marion Christensen und Jette Erichsen bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Wilsbeker Kindergartens (Archivfoto)

Zukunft der Liegenschaft noch unklar

Ob es nach der Schließung auf einen Verkauf der idyllisch gelegenen Immobilie hinausläuft, ist noch unklar. Das müsse mit den zuständigen Stellen in Berlin abgeklärt werden, so Bernd Søndergaard, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), auf Nachfrage.

Deutschland hat als Geldgeber die Entscheidungshoheit bei größeren finanziellen Angelegenheiten – dazu zählt auch der Verkauf von Liegenschaften. Was mit dem Inventar der Einrichtung geschehen soll, sei ebenfalls noch nicht festgelegt.

Sollte ihre ehemalige Wirkungsstätte in andere Hände kommen, hat Inghild Johanning eine leise Hoffnung. „Vielleicht entsteht ja ein privater Kindergarten. Das Gebäude könnte auch als Treffpunkt für Kinder und Jugendliche aus der Umgebung – deutsche wie dänische – dienen. Das würde ich begrüßen.“

Die Tür des Wilsbeker Kindergartens bleibt voraussichtlich für immer geschlossen.

Bei einem Rundgang um die Immobilie kommen bei der 79-Jährigen viele Erinnerungen hoch. Viele gute, wie sie betont.

Zusammenhalt und Identifikation

„Es war zu meiner Zeit eine eingeschworene Gemeinschaft. Die Familien hielten dem Wilsbeker Kindergarten über Generationen hinweg die Treue und haben sich sehr mit der Einrichtung und dem Miteinander identifiziert“, sagt die ehemalige Leiterin.

Sie habe das Gefühl, dass solch ein Zusammenhalt in der Minderheit nicht mehr so ausgeprägt ist.

Dass der Kindergarten auf frühere Generationen einen nachhaltigen und guten Eindruck hinterlassen hat, bestätigt sich bei einem zufälligen Zusammentreffen mit einer Autofahrerin, die fast eine Vollbremsung macht, als sie Inghild Johanning vor der Wilsbeker Einrichtung erblickt.

„Mensch Inghild, was machst du denn hier? Ist es nicht schade, dass die Einrichtung geschlossen wird. Die Kindergartenzeit war so toll und bleibt mir für immer in Erinnerung“, ruft Vivian Jacobsen aus dem offenen Autofenster. Inghild Johanning nimmt es mit einem Schmunzeln und einem wehmütigen Blick zur Kenntnis und hält noch einen kurzen Small Talk. Vivian Jacobsen hat die Einrichtung einst besucht, als Inghild Johanning noch Leiterin war.

Ein zufälliges Wiedersehen an alter Wirkungsstätte. Inghild Johanning und ihr ehemaliges Kindergartenkind Vivian Jacobsen.

Schwer zu akzeptieren

Wo immer sie sich befindet und auf ehemalige Kindergartenkinder oder Eltern trifft, „die Leute sprechen mich immer an und melden zurück, wie schön die Kindergartenzeit war. Das ist ja eine schöne Bestätigung. Man hat dann das Gefühl, vieles richtig gemacht zu haben“, so die 79-Jährige.

Sie sagt es erneut mit leiser Stimme und einem wehmütigen Blick. Das Aus ihres ehemaligen Arbeitsplatzes, ihres zweiten Zuhauses, muss erst noch verarbeitet werden. „Das scheint dann doch länger zu dauern, als ich befürchtet habe. Der Kindergarten war halt ein wichtiger Teil meines Lebens.“