Deutsche Minderheit

HAG warf in Lügumkloster Blick ins kirchliche Mittelalter

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Die Halbtagesfahrt Ende August 2025 der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig führte nach Lügumkloster. Am Treffpunkt an der ab 1225 erbauten Zisterzienserkirche begrüßte die HAG-Vorsitzende Gisela Jepsen über 30 Interessierte.

Der frühere Schulleiter Bernd Jessen führte die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig durch die einstige Zisterzienserkirche und erläuterte deren Restaurierung im 20. Jahrhundert. Der Ortshistoriker Frede Gotthardsen lieferte während der Tour durch Lügumklosters sehenswerten Ortskern viele Anekdoten zu einzelnen Gebäuden und über lokale „Originale“.

Die Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) hat am vergangenen Freitag bei ihrer Exkursion nach Lügumkloster in der dortigen Klosterkirche einen Blick ins mittelalterliche Nordschleswig werfen können. Als sachkundiger Referent hatte sich Bernd Jessen zur Verfügung gestellt.

Klosterbau nach Vorgaben eines in Frankreich gegründeten Ordens

Der frühere Leiter der Deutschen Schule des Ortes berichtete dabei über die Zeit der katholischen Kirche im westlichen Nordschleswig mit der Gründung des „Klosters Lygum“ vor 852 Jahren durch den Zisterzienserorden.

Dieser gründete ab 1098 vom Stammkloster Citeaux (lateinisch Cistercium) in Mittelfrankreich aus in weiten Teilen Europas in den folgenden Jahrhunderten rund 500 Klöster.

Jessen berichtete, dass der Zisterzienserorden, dessen Organisation aus dem schon im 6. Jahrhundert in Italien entstandenen Benediktinerorden hervorgegangen ist, von seinen Mönchen einen besonders strengen religiösen Tagesablauf forderte.

Schulleiter a. D. Bernd Jessen (links) lieferte eine Vielzahl von Informationen über den mittelalten Kirchenbau und die Wiederherstellung der nach der Reformation im 16. Jahrhundert verfallenen Klosterkirche im 20. Jahrhundert.

Bernd Jessen stellte die Treppe vor, die vom einstigen Schlafsaal der Mönche direkt in die Kirche führte, wohin diese auch zu nächtlicher Stunde zum Gebet gerufen wurden.

Die Treppe aus dem Mittelalter in der Klosterkirche erinnert an den Tagesablauf der Zisterziensermönche, die auch während der Nachtstunden zum Gebet in ihr Gotteshaus gerufen wurden. Aus dem Schlafsaal ging es über die vielen Stufen der kunstvoll gestalteten Konstruktion zu den Heiligtümern ihres Ordens.

Zisterzienser zog es in wilde Regionen

Ihre Kirchen errichteten die Zisterzienser bevorzugt in verwilderten Einöden, wie um 1173 im Gebiet des heutigen Lügumklosters. Der Referent wies darauf hin, dass die Klosterkirche in ihrer Bauform dem Schema vieler Zisterzienserkirchen folgt und große Ähnlichkeit mit Gotteshäusern in anderen europäischen Ländern aufweist. Bauteams des Ordens begannen um 1225 mit dem Bau der Klosterkirche, zuvor existierte vermutlich ein hölzerner Bau.

Bernd Jessen betonte, dass nach der Aufhebung des Klosters 1546, nachdem zuvor die Reformation in Nordschleswig ihren Einzug gehalten hatte, die Klosteranlangen teilweise zweckentfremdet wurden. So dienten Bibliothek und Kapitelsaal des Klosters später zeitweise als Stall.

Bernd Jessen stellte den rund 700 Jahre alten Zelebrantenstuhl in der Klosterkirche vor. Auf ihm nahmen die katholischen Priester während der zahlreichen Gottesdienste im Kloster Platz.
Der durch Schlösser und Riegel gesicherte Reliquienschrein, den Bernd Jessen erläuterte, enthielt über Jahrhunderte wertvolle Gegenstände des Klosters.

Die bereits ab 1913 vom preußischen Regierungsbaumeister Oskar Eggeling eingeleiteten Restaurierungsarbeiten in Lügumkloster, die nach der Angliederung Nordschleswigs an Dänemark vom dänischen „Kollegen“ Harald Lønborg-Jensen ab 1920 mit viel Sachverstand fortgesetzt wurden, haben zu einer beeindruckenden Wiederherstellung des in Nordschleswig einzigartigen Bauwerks geführt.

Der bekannte Fotograf und langjährige Vorsitzende des Vereins „Die Heimat“, Theodor Möller, hat 1914 den Zustand des einstigen Kapitelsaals in Lügumkloster dokumentiert. Der Saal diente nach der Reformation zeitweise als Stall. 1913 war unter Leitung von Oskar Eggeling mit der Restaurierung und Wiederherstellung der wertvollen Bausubstanz begonnen worden.

Nur 18 bis 20 Mönche lebten im Kloster

Sehr anschaulich erklärte Jessen den Klosterbetrieb der meist nur 18 bis 20 Mönche in Lügumkloster, die angesichts ihres dichten religiösen Tagesablaufs viele Alltagsarbeiten durch „Laienbrüder“ ausführen ließen.

Die Mönche stammten oft aus bedeutenden Familien. Wirtschaftlich stützte sich der Klosterbetrieb auf Abgaben von bis zu 193 Höfen, die auch weiter entfernt vom Kloster lagen, sowie Förderung durch den Adel.

Eggeling, dem es gelungen war, die Ausmaße des Klosters durch Grabungen festzustellen, schrieb im „Kunstkalender Schleswig-Holstein 1918/1919“, dass Umbauten nach der Reformation und Verfall dem „Kunstwerk“ des Mittelalters zugesetzt hatten.

Bei den Grabungen im Bereich des einstigen Klosters wurde auch eine Heizungskonstruktion aus dem Mittelalter entdeckt.

„Geradezu verheerend ist aber die letzte große Wiederherstellung in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Bauwerk umgegangen“, so sein Urteil 1919 über die Verunstaltungen im 19. Jahrhundert.

Der aus Lügumkloster stammende Wissenschaftler, Prof. Jürgen A. Wissing, der 1972 einen Beitrag für die HAG über das Kloster verfasst hat, erinnerte sich, dass in seiner Kindheit vor 1914 das Gotteshaus außen einen grauen Zementmörtelputz hatte und innen durch ihren weißen Kalkanstrich „ernüchternd“ wirkte. „Wenn man die Kirche betrat, roch es leicht modrig“, so Wissing, und im Winter fror man beim Gottesdienst, weil die Kirche nicht heizbar war.

Im Werk „Cistercienserkirken i Løgum“ ist die Klosterkirche nach dem Abschluss der Renovierung 1926 abgebildet. Südlich der Kirche war das Gelände noch unbebaut. Der Zementverputz aus den 1840er Jahren wurde entfernt und ein neuer Dachreiter im Stile der Zisterzienser auf dem Dach aufgesetzt.

Entfaltung größeren Reichtums war Zisterziensern untersagt

Bei der Führung präsentierte Jessen viele mittelalterliche Schätze des Ordens, wie einen Reliquienschrein, den Zelebrantenstuhl oder eine Dampfheizung. Dem Orden war die Entfaltung größeren Reichtums untersagt, was sich auch in der im Vergleich zu anderen katholischen Kirchen wenig prunkvollen Architektur der Klosterkirche niederschlägt.

Vor diesem Hintergrund weist die Kirche auch nur einen Dachreiter und keinen stattlichen hohen Turm auf. „Lügumkloster ist ein Schulbeispiel für diese Gesinnung“, so Restaurator Eggeling, der den mittelalterlichen Baumeistern eine „Beherrschung der Formensprache des Backsteins“ bescheinigte.

1926 war die Klosterkirche nach der umfangreichen Restaurierung wiedereröffnet worden. Gemeindekirche Lügumklosters war sie erst 1739 geworden.

Nach einer Kaffeetafel im Refugium in Nachbarschaft zur Klosterkirche übernahm Lehrer a. D. und Leiter des Lokalhistorischen Archivs Lügumkloster, Frede Gotthardsen, die Erläuterungen zur Geschichte des Klosterkomplexes nach der Reformation und unternahm einen Rundgang durch den historischen Ortskern Lügumklosters.

Frede Gotthardsen berichtete über das Schloss in Lügumkloster, das 1614 vom Gottorfer Herzog Johann Adolf neben dem zuvor aufgelösten Kloster errichtet wurde. Im Hintergrund ist das Eingangsportal zu sehen.

Gotthardsen berichtete vor dem einstigen Schloss an der Klosterkirche, das heute eine Pastorenhochschule der dänischen Volkskirche beherbergt, dass der klösterliche Besitz während der Reformation 1541 zunächst in den Besitz des dänischen Königs gelangte.

Herzoglicher und königlicher Besitz

Bei den Landesteilungen in Schleswig 1544 wurde der Sohn König Christian III., Herzog Hans neuer Besitzer – und nach dessen Tod 1580 sein Bruder, Herzog Adolf von Schleswig-Holstein Gottorf. Die Gottorfer beherrschten den Klosterbesitz fortan als Amt Lügumkloster.

Der Sohn Adolfs, Herzog Johann Adolf (1575-1616), der gerne in Wäldern um Lügumkloster wie dem Drawitter Wald jagte, ist Bauherr des ab 1614 als Residenz und Verwaltungssitz genutzten Schlosses.

Nach der Verdrängung der Gottorfer aus dem Herzogtum Schleswig war Lügumkloster wieder königlich und Amtssitz bis zur Einverleibung Schleswigs und Holsteins durch Preußen nach dem Krieg 1864 und 1866.

Frede Gotthardsen führte die HAG-Gruppe von der Kirche aus vorbei am früheren Gefängnis des Ortes und zu dem von Amtmann Heinrich von Günderoth 1701 gestifteten Gebäude als Heimstatt für alleinstehende Damen.

Viele Geschichten und Geschichte aus Lügumkloster gab Frede Gotthardsen, auf dem Foto vor der ehemaligen Apotheke, während der HAG-Tour zum Besten.

Schlechtes Gewissen als Stiftungsgrund?

„Möglicherweise hat er die wohltätige Einrichtung aus schlechtem Gewissen geschaffen“, berichtete Gotthardsen unter Hinweis auf einen Nachfahren des Amtmanns. Während des Rundgangs berichtete der Ortshistoriker über einstige Befestigungsanlagen rund um das Schloss, an deren Erforschung er als Amateurarchäologe habe mitwirken können.

Die HAG-Gruppe lernte auch Initiativen des Apothekers Kjems kennen, der Medikamente unter anderem aus Pferdeurin fabrizierte. Vorgestellt wurden vor allem auch mehrere durch Denkmäler und Gedenktafeln „verewigte“ Originale des Ortes Lügumkloster.

Auch erfolgreiche Unternehmer wie Pfeifendreher Bock wurden erwähnt. Dieser hatte zu Beginn seiner Karriere seinen „Betrieb“ unter dem eigenen Bett verstauen können, später gehörten ihm zahlreiche Gebäude.

Die HAG-Gruppe besuchte auch die Skulptur, die unter anderem an den Gaukler-Pastor Bork Hansen erinnert

Lügumkloster war wie weitere größere Dörfer in Nordschleswig in den Rang eines Fleckens aufgestiegen, was die Abhaltung von Märkten erlaubte. „Dicht an dicht standen die Tiere beim Pferdemarkt“, so der Ortshistoriker.

Auf dem Marktplatz erinnert eine Tafel an „Stinne mit der Bibel“, die den Mitmenschen half, auch Gauklerpastor Bork Hansen ist ein Denkmal gewidmet. Beim Rundgang wurde an positive Fördermaßnahmen der alten Sparkasse erinnert, aber auch verheerende Ortsbrände waren Thema.

Erinnerung an „Spaßvogel“ Andreas Roost

Zum Abschluss seiner Führung erinnerte Gotthardsen an Sattlermeister Andreas Roost, der als Mitglied der deutschen Minderheit gerne mit Späßen die einstigen deutsch-dänischen Zwistigkeiten auf die Schippe nahm.

Gotthardsen berichtete, dass Roost, wenn er Fußballern das runde Leder flickte, gerne mit der Frage foppte, ob er den Ball mit deutscher oder dänischer Luft aufpumpen sollte.