100 Jahre Musikvereinigung

Gemeinsam singen, gemeinsam wachsen: Die Geschichte von Anne Dorte und Sverre

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Anne Dorte und Sverre Nielsen singen gerne gemeinsam im Chor.

Vom Staunen bei der ersten Probe bis zu großen Konzerten in ganz Europa – Anne Dorte Schmidt und Sverre Nielsen erzählen, warum sie seit Jahrzehnten im Chor der Musikvereinigung Nordschleswig singen und wie Musik Menschen verbindet, die früher kaum miteinander gesprochen hätten.

Wenn Anne Dorte Schmidt über ihre erste Chorprobe in der Musikvereinigung Nordschleswig spricht, leuchten ihre Augen noch heute. „Ich war so gerührt, dass ich mitsingen durfte“, erzählt sie. Ihr erster Kontakt mit dem Chor war 1986. Ihre Kinder besuchten damals den deutschen Kindergarten Jürgensgaard, und eine Mutter fragte sie ganz nebenbei, ob sie nicht Lust hätte, im Chor mitzumachen.

„Ich hatte nie vorher vom Chor gehört“, erinnert sich Anne Dorte, die in Apenrade aufgewachsen ist. Und in den 1950er- und 60er-Jahren noch selbst die deutliche Grenze zwischen Mehr- und Minderheit erlebt hat, wie sie erzählt. „Man kannte sich, aber man ging sich aus dem Weg“, sagt sie. Umso überraschter war Anne Dorte, wie offen sie in der Musikvereinigung empfangen wurde. „Damals waren es 120 Mitglieder, geleitet von Peter von Osten. Ich war die einzige Dänin. Aber das interessierte keinen.“

Ein Chor zwischen den Kulturen

Heute ist Anne Dorte nicht mehr allein. Rund ein Drittel der Mitglieder stammt inzwischen aus der dänischen Mehrheitsbevölkerung – Menschen, die vorher keinen Bezug zur deutschen Minderheit hatten. Ihr Mann Sverre Nielsen kam 1992 hinzu. Beide sind geblieben, aus Überzeugung.

„Musik baut Brücken“, sagt Anne Dorte. Im Chor werde Deutsch, Dänisch und Sønderjysk gesprochen, ganz selbstverständlich. Keiner habe den Chor je verlassen, weil es Schwierigkeiten zwischen Mehr- und Minderheit gegeben hätte. „Wir sind positiv gegenüber der Minderheit. Wichtig ist, dass man einander akzeptiert.“

Anspruchsvoll und begeisternd

Anne Dorte Schmidt (2. v. r.) während der Chorprobe
Sverre Nielsen (M.) bei einer Chorprobe

Seit einigen Jahren leitet Susanne Heigold den Chor. „Susanne hat keine Berührungsängste“, sagt Anne Dorte anerkennend. „Man wird herausgefordert. Man muss aber schon üben, um dabei zu sein.“ Die Arbeit lohne sich: „Es ist ein tolles Erlebnis, Teil des Chores zu sein. Man vergisst alles um sich herum, wenn man mittendrin singt. Da ist so viel Adrenalin im Blut.“

Gemeinschaft, die trägt

Neben der Musik geht es auch um das Miteinander. „Es ist eine tolle Gemeinschaft, wir können miteinander lachen“, sagt Anne Dorte, die inzwischen seit Jahren auch im Vorstand aktiv ist. Tourneen führten den Chor nach Italien, in die Schweiz, in die Kopenhagener Grundtvigs Kirke und in den Kölner Dom. „Solche Erlebnisse schweißen zusammen und sind einmalig.“

Im Chor singen Menschen aller Altersklassen – der Älteste ist 93 Jahre alt, und es kommen immer wieder neue Sängerinnen und Sänger hinzu.

Einladung an die Mehrheitsbevölkerung

Anne Dorte und Sverre wünschen sich, dass noch mehr Däninnen und Dänen die Konzerte besuchen. „Man muss einfach mal hinkommen“, sagt sie. „Es ist etwas Besonderes, dabei zu sein.“ Sie selbst habe immer wieder im Bekanntenkreis von den positiven Erfahrungen mit dem deutschen Kindergarten und der Musikvereinigung erzählt. „So wächst das Vertrauen. Wir inspirieren uns gegenseitig.“

Dass ausgerechnet ein Chor dabei hilft, Grenzen zu überwinden, wundert sie nicht. „Ohne eine gute Leiterin stirbt so ein Chor. Aber mit Musik kann man Brücken bauen – und das spüren wir jedes Mal, wenn wir gemeinsam singen.“

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