Deutsche Minderheit

Geheimnisse gelüftet: Das Leben als Tochter in der Nachkriegszeit der Minderheit

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Ilse Friis ist anderthalb Jahre lang durch Nordschleswig gefahren, um die Lebensgeschichten von 40 Frauen aufzuschreiben: aufgewachsen in einer Zeit, die von Schweigen über die Vergangenheit geprägt war (Archivbild).

Sie haben ihr Schweigen gebrochen. Einige erst kurz vor ihrem Tod: Töchter, die in der Minderheit in der Nachkriegszeit aufwuchsen. Ilse Friis hat ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben. Über Lücken in der Familie und das Trauma, nicht den Wunschberuf ausüben zu dürfen. Darum geht es im zweiten Teil der Geschichte. Mit überraschenden Erkenntnissen.

Ob ihr eine Geschichte der 40 Frauen, mit denen sie in den vergangenen anderthalb Jahren sprach, besonders im Gedächtnis geblieben ist? Ilse Friis denkt einen Moment über die Antwort nach: „Das sind alles lebenskluge Frauen. Sie hätten alles Mögliche werden können.“

Damit spricht Ilse Friis einen Lebensbereich der Frauen an, der für die allermeisten noch heute mit einem Trauma verbunden ist. Das Trauma, damals als Frau nicht selbst den Lieblingsberuf ergreifen zu dürfen. Es ist eines der Themen, die Ilse Friis bei ihren Recherchen für ihren neuen Vortrag in den vergangenen anderthalb Jahren immer wieder begegneten. 

Freie Berufswahl? Nicht für die Frauen nach dem Krieg 

Wer glaubt, dass die Frauen damals freiwillig Hausfrauen waren und sich um die Höfe kümmerten, irrt. „Die deutschen Schulen waren nach dem Krieg geschlossen. Und auf die dänischen Schulen wollten die Eltern ihre Töchter nicht schicken“, erzählt Ilse Friis. 

Das bedeutete, dass die Töchter ein Jahr lang gar nicht zur Schule gehen konnten und wenn überhaupt, von sogenannten Wanderlehrern und -lehrerinnen, es waren meist Frauen, unterrichtet wurden. Die zogen damals von Hof zu Hof. „Keine der Frauen, mit denen ich gesprochen habe, denkt mit Freude an die Schulzeit zurück“, sagt Ilse Friis. 

Eine Ausbildung oder gar studieren? Die wenigsten Frauen kamen in den Genuss. Dabei hatten sie klare Vorstellungen von ihren Wunschberufen: Lehrerin oder Krankenschwester – das stand bei den meisten ganz oben auf der Liste. „Drei von ihnen gelang das. Zwei wurden Lehrerin, eine Krankenschwester. Doch das war über Umwege und hart erkämpft.“ Umso wichtiger sei es den Frauen gewesen, dass deren Töchter beziehungsweise Enkel eine gute Ausbildung erhielten. 

Geschichte erzählt sich nicht von selbst 

Das waren alles lebenskluge Frauen. Sie hätten alles Mögliche werden können.

Ilse Friis

Dass Ilse Friis die Lebensgeschichten der Frauen aufschreiben konnte: nicht selbstverständlich. Viele der Frauen hatten ihre Geschichte bislang noch niemandem erzählt. Selbst den eigenen Töchtern oder Enkeln nicht. Einige der Frauen kannte Ilse Friis gar nicht, bevor sie ihr Projekt startete. Hilfe bekam sie von Horst Fries (nicht mit Ilse Friis verwandt, Anm. d. Red.), dem früheren Leiter der Bank in Bülderup-Bau (Bylderup-Bov). 

Er war es, der den Kontakt zu einigen der Frauen herstellte, teils auch bei den Gesprächen mit dabei war, Fotos machte. „Ihm bin ich wirklich sehr dankbar“, erzählt Ilse Friis. Auch bei dem Gespräch mit Marga Jürgensen war Horst Fries dabei. 

Diese Frau zählt zu jenen, die Ilse Friis in ihrem Vortrag als „besondere Mädchen“ bezeichnet.

Ilse Friis beschreibt Marga Jürgensen aus Lund als stille, zurückhaltende, liebe Frau. Im Gespräch mit ihr stieß Friis auf ein bedeutendes geschichtliches Detail, das ihr neu war. 

Im Gespräch mit Marga Jürgensen (links) gewann Ilse Friis auch neue Erkenntnisse über den Nationalsozialismus in Nordschleswig.

Nationalsozialismus konnte sich nicht überall ausbreiten

„Kein Einziger aus ihrer Familie war im Krieg, auch der Vater wurde nach Kriegsende nicht abgeholt“, erzählt Ilse Friis. Der Grund schält sich im weiteren Verlauf des Gesprächs heraus: In den Orten Lund und Sottrup, nördlich von Bülderup-Bau, war die Glaubensgemeinschaft der sogenannten Inneren Mission sehr stark. Ob man Deutsch oder Dänisch war, spielte überhaupt keine Rolle. Gott zu dienen, das war, was zählte, wie Ilse Friis erzählt. 

„Aus diesem Grund hatte sich der Nationalsozialismus in diesen beiden Orten nicht ausbreiten können. Das habe ich vorher nicht gewusst.“ Auch eine Jungen- oder Mädchenschaft habe es in Lund und Sottrup nicht gegeben. Offenbar habe man im Dibbernhaus, der damaligen Schaltzentrale der Nazis in Nordschleswig, keine Chance gesehen, dass das nationalsozialistische Gedankengut dort einen Nährboden findet, vermutet Ilse Friis. 

Weibliche Geschichte(n): Enorm wichtig für Nordschleswig

Es sind nicht nur solche Details, die für die Geschichte Nordschleswigs eine große Bedeutung haben, ordnet der Leiter des Deutschen Museums in Sonderburg (Sønderborg), Hauke Grella, ein: „Jede Überlieferung, die wir bekommen, ist enorm wichtig. Mit ihrer Materialsammlung der vergangenen Jahre hat Ilse Friis dafür gesorgt, dass wir ein besseres Gesamtbild bekommen.“

Denn die Geschichte Nordschleswigs sei vor allem an der männlichen Geschichte orientiert. „Mit ihren Geschichten schließt Ilse Friis einige Lücken, die wir haben.“

Lücken, die bis heute nicht geschlossen sind

Viele Lücken jedoch werden sich niemals schließen. Viele Wunden vielleicht vernarben, doch niemals heilen. Auch das ist Teil der Geschichten, die die Frauen Ilse Friis erzählt haben. Schwere Gespräche über Gefallene und Vermisste im Krieg. „Fast jede Familie in Nordschleswig ist davon betroffen.“ Die Frauen lebten bis heute mit ihren Fragen: Was ist aus dem Bruder, dem Onkel, dem Vater geworden? 

„Es ist wichtig, darüber zu sprechen“, ist Ilse Friis überzeugt. Auch dieser Teil der Geschichte Nordschleswigs, über die Gefallenen und Vermissten, ist überwiegend männlich. Auf den Gedenktafeln auf dem Knivsberg stehen rund 700 Namen. Lediglich zwei davon sind weiblich: Herta Simonsen, die in einer Fischfabrik am Flensburger Hafen arbeitete und bei einem Bombenangriff starb. Und Helga Christiansen. Sie galt lange als vermisst. „Bis die Engländer eine Nachricht an die Nichte überbrachten, dass ihre Tante in einem Lager in Bad Bramstedt starb.“

Warum auf den Tafeln kaum Frauennamen stehen, darauf hat Ilse Friis noch keine abschließenden Antworten. „Es kann auch sein, dass die Familien das nicht wollten.“

Die 40 Lebensgeschichten der Frauen hat Ilse Friis in einem neuen Vortrag zusammengefasst. Den hält sie zum ersten Mal bei der Generalversammlung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswigs (HAG) am 21. Februar. 

„Selbst gewöhnlich wirkende Menschen haben außergewöhnliche Geschichten zu erzählen.“ So lautet Ilse Friis’ Fazit nach mehr als 100 Stunden Gesprächen mit den Töchtern der Minderheit.