Sozialdienst Nordschleswig

„Freitags kommt Rainer“ – wie ein Besuchsfreund gegen Einsamkeit hilft

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Seit Gunnar Tønder (l.) freitags Besuch von Rainer Naujeck bekommt, fühlt er sich insgesamt fröhlicher und weniger alleine.

Isoliert und unglücklich: Was tun gegen Einsamkeit? In Nordschleswig bringt der Sozialdienst deutschsprachige Menschen zusammen – als Besuchsfreunde. Gunnar Tønder und Rainer Naujeck zeigen, wie eine Stunde pro Woche den Alltag verändern kann.

Jeden Freitag sitzen sie am Küchentisch, hören Musik und reden über das Leben: Gunnar Tønder und Rainer Naujeck. Die beiden Männer sind mehr als Bekannte – sie sind Besuchsfreunde. Zusammengebracht hat sie der Sozialdienst Nordschleswig.

Für Gunnar Tønder war es ein Schritt gegen die Einsamkeit: „Ich habe mich allein gefühlt.“ Er ist Rentner und lebt allein in einer Zweizimmerwohnung in Gravenstein. Kinder hat er nicht, seine Eltern sind früh verstorben, und seine Schwester lebt in Nordjütland. „Wenn man einsam ist, dann ist man oft traurig, lustlos und hat keine Energie“, sagt Tønder. Vor drei Jahren hat er sich ein Herz gefasst: „Ich habe mich über den Sozialdienst um einen Besuchsfreund bemüht und Rainer gefunden.“

Es ist schön, wenn jemand kommt und einfach da ist. Man wartet schon darauf.

Gunnar Tønder

Inzwischen ist Rainer Naujeck ein fester Bestandteil von Gunnars Woche. „Es ist schön, wenn jemand kommt und einfach da ist. Man wartet schon darauf.“

Seit drei Jahren hält die Besuchsfreundschaft inzwischen. „Wenn ich Gunnar besuche, trinken wir Kaffee, meistens hat er irgendeine neue CD, die er mir zeigt und zu der er eine Geschichte hat – und dann schnacken wir“, erzählt Rainer Naujeck.

Soziale Isolation als stille Last

Laut dem dänischen Forschungszentrum VIVE fühlt sich jeder fünfte Mensch über 65 in Dänemark regelmäßig einsam. Dabei ist Einsamkeit nicht ausschließlich ein Phänomen der älteren Bevölkerung – auch junge Menschen berichten zunehmend von der Last ihrer Einsamkeit, selbst wenn sie sozial eingebunden sind.

Besonders in ländlichen Regionen oder bei sprachlichen Barrieren – etwa innerhalb der deutschen Minderheit – ist soziale Isolation häufig unsichtbar, aber tiefgreifend. In Nordschleswig betrifft das viele Menschen, die sich sprachlich im Deutschen zu Hause fühlen. Für sie sind Angebote dänischsprachiger Organisationen nicht immer geeignet oder zugänglich. Genau hier setzt der Sozialdienst Nordschleswig an – mit einem Besuchsfreundeprojekt, das gezielt auch deutschsprachige Menschen erreicht.

Karin Hansen ist Familienberaterin beim Sozialdienst Nordschleswig und kümmert sich um das Besuchsfreunde-Projekt. Sie erlebt, dass besonders viele ältere Menschen sehr isoliert leben. „Viele sind schlecht zu Fuß und haben vielleicht keine Angehörigen mehr in ihrer Nähe.“

Menschen, die lange isoliert gelebt haben, öffnen sich wieder.

Karin Hansen

Besuchsfreunde sind bereits eine verbreitete Initiative in Dänemark und viele Organisationen – etwa das Rote Kreuz (Røde Kors) – vermitteln Kontakte gegen die Einsamkeit, aber meist dänischsprachige.

Deshalb wurde das landesweit erfolgreiche Besuchsfreunde-Projekt um eine deutsche Ausgabe ergänzt – für Menschen, die sich im Deutschen zu Hause fühlen und gerade deshalb oft durch das Raster fallen.

Besuchsfreunde, die Zeit schenken

Das Projekt ist einfach aufgebaut: Menschen, die Gesellschaft wünschen, werden mit Menschen zusammengebracht, die Zeit schenken möchten. Vermittelt wird über den Sozialdienst – meist durch persönliche Gespräche mit den Familienberaterinnen.

„Wir wissen oft sofort, wer zueinanderpassen könnte – vom Gesprächsniveau, vom Interesse, vom Bauchgefühl“, sagt Karin Hansen.

Gunnar erinnert sich: „Ich bin mit dem Rollator unterwegs, komme wenig herum. Und die Tage waren oft lang. Ich dachte: Vielleicht hilft mir das, ein wenig Abwechslung zu bekommen.“ Heute kocht er jeden Freitag Kaffee, für sich und Rainer, legt eine CD auf, und dann reden sie – über Musik, Erinnerungen, über das Leben eben.

Nähe, Vertrauen – und neue Horizonte

„Menschen, die lange isoliert gelebt haben, öffnen sich wieder“, berichtet Karin Hansen von den Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahren mit dem Projekt gemacht hat.

Auch Gunnar bestätigt das: „Wenn der Besuch vorbei ist, bleibe ich noch ein bisschen bei dem Gefühl. Ich bin dann fröhlich und freue mich auf Rainers nächsten Besuch.“

Tønders Erzählung und Hansens Erfahrung zeigen, dass Besuchsfreunde mehr sind als ein Begegnungsangebot. Laut Hansen geht es dabei auch um Vertrauen, Kontinuität und darum, dass jemand wieder einen Platz im Leben eines anderen bekommt. „Das muss übrigens nicht nur für den Besuchten gelten. Auch diejenigen, die besuchen, nehmen viel mit – das hören wir eigentlich jedes Mal.“

Rainer erlebt das ähnlich: „Ich finde, so eine Besuchsfreundschaft ist eine schöne Art, sich zu engagieren, weil man die Zeit selbst mitgestalten kann.“ Er fährt jede Woche zu Gunnar. „Aber je nach Interesse könnten andere ja auch etwas anderes machen – spazieren zum Beispiel, oder einen Ausflug.“

Wir könnten problemlos doppelt so viele Besuchsfreundschaften vermitteln – aber es fehlen Freiwillige.

Karin Hansen

Wenn Engagement auf Grenzen stößt

Laut Hansen gibt es mehr Menschen, die gerne Besuch hätten, als solche, die Zeit haben zu besuchen. Gerade im ländlichen Raum seien die Wege weit, der Aufwand hoch. Hinzu kommt, dass die Menschen zusammenpassen müssen. „Das Projekt ist ganz entscheidend davon abhängig, dass wir eine Liste mit möglichst vielen und unterschiedlichen Freiwilligen führen können.“

Die Organisation versucht, das Projekt in den Arbeitsalltag zu integrieren – doch die Kapazitäten sind begrenzt.

Was wäre möglich?

„Wir könnten problemlos doppelt so viele Besuchsfreundschaften vermitteln – aber es fehlen Freiwillige“, sagt Karin Hansen. Sie und Rainer Naujeck haben dieselbe Empfehlung für alle, die sich angesprochen fühlen, aber zögern: „Einfach mal Kontakt aufnehmen.“

Zwar finden die Besuche ausschließlich zwischen den Beteiligten statt und verursachen keine direkten Kosten. Doch damit eine Besuchsfreundschaft entstehen kann, braucht es Vorbereitung. „Wir führen Gespräche, gleichen Interessen ab und begleiten auch das erste Treffen“, erklärt Hansen.

Der Sozialdienst versucht, das Projekt im laufenden Arbeitsalltag mitzutragen. „Unsere Kapazitäten sind begrenzt, aber wir haben das Projekt stets im Blick“, sagt sie. Wenn sich in der Beratung ein Bedarf abzeichnet, wird das Angebot aktiv angesprochen.

Mitmachen: Jede Stunde zählt

Der Zugang zum Projekt ist niedrigschwellig: Eine Mail, ein Anruf oder ein Gespräch mit der Familienberatung genügt – dann kann eine Besuchsfreundschaft entstehen.

Für Gunnar Tønder hat der Schritt zum Projekt vor drei Jahren vieles verändert. Aus einem Wunsch nach Gesellschaft wurde eine regelmäßige Begegnung – mit Musik, Gesprächen und einem Platz im Leben eines anderen.

Gunnar Tønder und Rainer Naujeck haben den „Nordschleswiger“ Anfang April zu einem Treffen eingeladen und zeigen im Video, was ihre Besuchsfreundschaft ausmacht.