Sankelmark 2025

Die Wahlplakate der SP im Wandel der Zeit

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SP-Plakate
Der Haderslebener Lokalpolitiker Carsten Leth Schmidt blickt während der Ausstellungseröffnung auf ein Wahlplakat der Schleswigschen Partei.

Museumsleiter Hauke Grella hat sich mit der Geschichte der Schleswigschen Partei beschäftigt und für eine Ausstellung die früheren Wahlplakate untersucht. Ging es früher um die Grenzverschiebung und die Sorgen der Landwirtschaft, hat sich die Partei zu einer Regionalpartei entwickelt, die heute auch Wählerinnen und Wähler in der Mehrheitsbevölkerung findet.

Hauke Grella, Leiter des Deutschen Museums Nordschleswig in Sonderburg, muss sich beim Sektempfang zur Ausstellungseröffnung deutlich kürzer fassen als im 45-minütigen Vorgespräch mit dem „Nordschleswiger“. In knapp 20 Minuten skizziert er vor einem Großteil der Tagungsteilnehmenden den Wandel der Schleswigschen Partei anhand historischer Wahlplakate. Dabei könnte Grella vermutlich auch Bücher füllen – mit Anekdoten und geschichtlichen Randnotizen.

Die Zusammenstellung ist das Ergebnis einer Idee aus dem Jahr 2020, den Werdegang der politischen Vertretung der deutschen Minderheit mit Ausgangspunkt 1920 zu zeigen. Die diesjährige Kommunalwahl sei nun Anlass gewesen, die Plakate einmal in diesem Rahmen zu präsentieren. „Es ist aber kein Forschungsprojekt in dem Sinn gewesen“, sagt Grella.

Anders als der SP-Vorsitzende Rainer Naujeck bei seinem Eröffnungswort sagt, habe es 2020 keine 100 Jahre die Schleswigsche Partei gegeben, sondern über die Jahrzehnte sehr unterschiedliche Formen, wie sich das Politische innerhalb der Minderheit dargestellt hat.

Ins Auge fallen der interessierten Betrachterin oder dem interessierten Betrachter in der Galerie vor dem großen Sitzungssaal im Akademiezentrum Sankelmark daher vor allem die Plakate mit deutlich sichtbaren Hakenkreuzen oder aber auch Wahlaufrufe mit landwirtschaftlichen Motiven und welche, die nicht im heute typisch blau-gelben Anstrich daherkommen.

Angela Andresen
Angela Andresen betrachtet bei der Ausstellung ein frühes Plakat des Schleswigschen Wählervereins.

Etwas unscheinbar hängt etwa die Satzung des Schleswigschen Wählervereins an der Wand. Gegründet am 15. August 1920. Die Zielsetzung der Minderheit und des Vereins war zu diesem Zeitpunkt die erneute Grenzverschiebung. „Diese Satzung, das ist das Fundament der Partei und der Minderheit damals gewesen, diese Grenzverschiebung zu erreichen und wieder Teil von Deutschland zu werden.“

Schleswigscher Wählerverein
Die Satzung des Schleswigschen Wählervereins

Zwischen Grenzverschiebung und Machtkämpfen

In den Folgejahren tauche zwar dann überall der Begriff „Schleswigsche Partei“ auf, das sei in den 20er- und 30er-Jahren und bis in die Nachkriegszeit hinein im Grunde aber nur eine Listenbezeichnung gewesen. „Es ist nicht die Partei. Es ist das, was oben auf dem Wahlzettel stand, aber dahinter stand anfangs der Schleswigsche Wählerverein, und danach in den 1930er-Jahren ist es die NSDAP Nordschleswig – also die Nationalsozialisten der Minderheit gewesen“, erläutert Grella.

Man habe Anfang bis Mitte der 1930er-Jahre einen Machtkampf innerhalb der Minderheit gehabt, wo verschiedene nationalsozialistische Strömungen und Personen vorkommen, die die Macht an sich reißen wollten, so der Museumsleiter. „Da waren als prominenteste Beispiele die Nationalsozialistische Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig (NSAN) und die NSDAP Nordschleswig und vorher schon der Vorsitzende des Schleswigschen Wählervereins, Johannes Schmidt-Wodder, der von 1920 bis 1939 im Folketing saß.“

Die Schleswigsche Partei in der Nazizeit.
In den 30er-Jahren standen hinter der Wahlliste der Schleswigschen Partei die Nationalsozialisten.

Knappes Ergebnis zur Folketingswahl 1935

In diesem Machtkampf wurde versucht, Schmidt-Wodder zur Seite zu schieben, obwohl dieser selbst Nationalsozialist war. Das gelang aber nicht ganz, so Grellas Fazit. „Man hat mit einer nichtgebundenen Wahlliste versucht, Nationalsozialisten ins Folketing zu bringen. Das ist 1935 an zehn Stimmen gescheitert. Sonst wäre nicht Schmidt-Wodder, sondern Wilhelm Deichgräber ins Folketing eingezogen.“

Der Schleswigsche Wählerverein diente in dieser Zeit als reiner Aufstellungsverein. Es war eine „leere Hülle“, so Grella. Es sei ein praktischer Grund gewesen, den alten Verein beizubehalten. Er sei quasi existent geblieben, nur anders – nationalistisch – gefüllt worden.

Zwischen Inflation und Wirtschaftskrise

Plakate mit Kritik und Forderungen aus der Landwirtschaft prägten die 1920er- und 1930er-Jahre.

Plakate mit landwirtschaftlichen Motiven aus den 20er- und 30er-Jahren handeln von Wirtschaftskrise und Inflation. „Damals sind ohne Ende Höfe, nicht nur von Deutschen, sondern auch von Dänischgesinnten, in Nordschleswig und ganz Dänemark in die Zwangsversteigerung gegangen.“

„Damals hat man gesagt, okay, was hat es gebracht, dass wir seit 15 Jahren Teil von Dänemark sind, wären wir bloß Teil von Deutschland geblieben, dann würde es uns heute besser gehen.“

Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg

„Nach 1945 musste es irgendwie weitergehen, und die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind natürlich ganz stark von der Aufarbeitung geprägt“, so Grella. Das Wahlplakat mit Jørgen Popp Petersen wählte Grella als ein Symbol dafür aus, heute wieder einen Bürgermeister aus der Minderheit zu haben. Dies habe man von 1920 bis 1946 gehabt, allerdings in Hoyer (Højer) und einen in Tondern (Tønder) bis 1937, so Grella. Der charmante Unterschied sei, dass Popp unter anderem aufgrund seiner Kompetenz von der Mehrheit der dänischen Parteien unterstützt werde und nicht, weil die SP die Mehrheit gehabt hätte.

Durch die Rechtsabrechnung nach dem Krieg, bei der auch viele Deutschgesinnte inhaftiert wurden, fielen bei den Kommunalwahlen zwischen 1941 und 1946 viele Stimmen in der deutschen Hochburg Hoyer weg. Damit endete die Bürgermeisterkette an der Westküste.

Jørgen Popp Petersen
Jørgen Popp Petersen steht für eine Minderheit, die heute in der Mehrheitsbevölkerung akzeptiert wird.

Ein langer Weg zur Eigenständigkeit

Das Loyalitätsbekenntnis des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) zu Dänemark markiert 1946 nicht nur das Ende des Wunsches einer Grenzverschiebung, es ist auch das erste Grundlagenprogramm der Schleswigschen Partei, die fortan über Jahrzehnte zwar nicht als eigenständige Partei, sondern als politischer Ausschuss des BDN fungiert. Erst Mitte der 1980er-Jahre löst sich dies auf, und die Schleswigsche Partei wird mit einem eigenen Vorsitzenden und einem Parteisekretär eigenständiger.

„Gösta Toft ist hier Mann der ersten Stunde gewesen“, so Grella. Ihn hätte man auch als Plakat in der Ausstellung zeigen können. Heute sei die SP zwar noch immer nicht komplett eigenständig. Grella ist jedoch überzeugt, dass dies in Zukunft passieren wird. „Es ist nicht meins, das zu entscheiden, aber die Entwicklung geht dahin.“

Hauke Grella
Hauke Grella fliegt mit dem Finger über die ausgewählten Plakate der SP im Wandel der Zeit.

Auffällige Vermarktung der SP

Interessant sei die Vermarktung der SP der vergangenen 30 bis 40 Jahre, so Grella. Auffällig bei den Wahlplakaten sei, dass sich die SP vermehrt als Regionalpartei darstellt. „Ta‘ parti for Sønderjylland“ sei ein gutes Beispiel.

Durchbruch als Regionalpartei

SP-Plakate
SP-Plakate der jüngeren Zeit

Während die Stimmzahlen nach dem Zweiten Weltkrieg für die deutsche Minderheit stetig gefallen seien, ist erst seit Mitte der 2000er-Jahre wieder ein positiver Trend zu erleben, erklärt Grella. Die heutige Zeit zeige, dass die Schleswigsche Partei wählbar ist und den Durchbruch als Regionalpartei schafft, eben weil sie auch von der dänischen Mehrheitsbevölkerung gewählt wird.

Und während Südjütland früher noch als Begriff verpönt und sogar verboten war, nutzen die SP-Nachkommen diesen zur Vermarktung.

Stephan Kleinschmidt
Sorgte mit seiner Folketingskandidatur für die Radikale Venstre vor zehn Jahren für Aufsehen: Stephan Kleinschmidt.

„Dass das so ist, ist auf jeden Fall skurril oder bemerkenswert. So enorm dieser Wandel ist, stellt sich auch die Frage, ist man Regionalpartei oder ist man Partei der Minderheit, oder was sind wir?“ Hier spielten Identität und Kultur eine Rolle. „Es ist immer eine Weiterentwicklung, und wir bleiben nicht stehen.“

Grella: „Stephan Kleinschmidt ist im Grunde das Gesicht dafür, dass das angekommen ist und funktioniert hat. Er hat neben dem Talent und dem Können auch den richtigen Zeitpunkt gehabt.“

Identität und Sprache als Stärkung des Selbstbewusstseins

Jungen Spitzen
Die Jungen Spitzen setzen sich seit jeher mit ihrer Identität und Sprache auseinander.

Ein Beispiel seien auch die Jungen Spitzen. Seit 1998 habe die eigene Jugend sich Gedanken über die eigene Identität und Sprache gemacht und etwas Positives daraus gezogen. „Wenn ich jetzt auf die jüngste Generation der Jungen Spitzen sehe, aber auch viele andere Schülerinnen und Schüler von den deutschen Schulen, die mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein nach draußen gehen und sagen ,Ich bin Teil der deutschen Minderheit‘“, so Grella. Es sei ein Riesenvorteil, wenn man sich in zwei Sprachen und zwei Kulturen bewegen kann. „Diese Kampagne nach innen zur Stärkung des Selbstbewusstseins macht das Plakat ganz deutlich.“

Auffällig ist etwa das Plakat von Stephan Kleinschmidt, der sich als Kandidat für die Radikale Venstre hat aufstellen lassen. „Das war auch interessant in Bezug auf Identität“, so Grella.

Die Minderheit sei schließlich ein Querschnitt durch die Bevölkerung, auch im Politischen. „Also wir haben von ganz rechts bis ganz links Leute innerhalb der Minderheit. Im Politischen haben wir innerhalb der klassischen Partei eigentlich immer versucht, das Spektrum draußen zu halten und zu sagen, wir sind eine Partei der Mitte und versuchen, die Minderheit hier zu sammeln.“ Kleinschmidt habe mit der Kandidatur klar Stellung bezogen, und das habe Fragen ausgelöst.

Jes Schmidt und das Huckepack ins Folketing

Heute kandidiert die SP nicht mehr für das Folketing. Denn mit der Einrichtung des Sekretariats der deutschen Minderheit in Kopenhagen wurden die Kandidaturen für die Folketingswahl obsolet, hatte man nun eine Lobbyvertretung in Parlamentsnähe installiert.

Der Hintergrund ist ebenfalls historischer Natur. Reichten die Stimmen nach dem Krieg zunächst noch aus, konnten Minderheitenpolitiker später nur noch über eine Liste der Zentrumsdemokraten in einem Huckepack-Verfahren den Einzug schaffen. So saß der frühere „Nordschleswiger“-Chefredakteur Jes Schmidt von 1973 an im Parlament, bis er 1979 starb. Dort endete die Zusammenarbeit mit den Zentrumsdemokraten, weil der auserkorene Nachfolger aus der Minderheit eine auf dem Papier bestehende Geschichte in der Waffen-SS hatte. Dies habe Konflikte ausgelöst, weil der Sohn eines Rabbiners aufseiten der Zentrumsdemokraten antreten sollte.

Grella könnte noch mehr Nebengeschichten erzählen. So schließt er auch mit den Worten: „Ich bin heute noch länger hier, wer also mehr erfahren möchte, der kommt einfach auf mich zu.“

Die Ausstellung wird nach der Neujahrstagung zunächst nicht im Haus Nordschleswig oder einem anderen Ort zu sehen sein. Das teilt SP-Parteisekretärin Ruth Candussi auf Nachfrage mit.

Jes Schmidt
Jes Schmidt zog über die Liste der Zentrumsdemokraten ins Folketing ein.

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