Geschichte

Dänemark und die deutsche Nachkriegsflucht

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Während im Flüchtlingslager Oksbøl 1945 noch 10.500 Menschen einquartiert waren, belief sich die Zahl ein Jahr später bereits auf 35.000 (Archivbild).

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs musste Dänemark sich um Hunderttausende Flüchtlinge kümmern, die vor der Roten Armee geflohen waren. Die schutzsuchenden Deutschen waren jedoch alles andere als erwünscht – und das bekamen sie zu spüren.

Die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg war herausfordernd für das Miteinander von Deutschen und Dänen. In den Nachkriegsjahren wurde das besetzte Dänemark zum Zufluchtsort für viele Deutsche.

Bereits während des Krieges versuchten in Nazideutschland Verfolgte, im benachbarten Dänemark Schutz zu finden. Dies gelang allerdings nicht allen. Insbesondere nach 1938 wurde „nicht-arischen“ Menschen die Einreise verwehrt. Man könne als kleines Land ohnehin keinen großen Beitrag leisten, hieß es von seiten der Politik. Die Zahl der Geflüchteten während der dänischen Besatzungszeit belief sich auf unter 2.000.

Das änderte sich gegen Ende des Krieges. Millionen verzweifelter Deutscher aus den ehemaligen Ostgebieten waren gezwungen, vor der immer näher rückenden Roten Armee zu flüchten. Die Menschen hatten keine Wahl – sie mussten ihre Heimat verlassen. Hitlers Befehl: Kein lebendiges deutsches Individuum soll in russische Hände gelangen. Verweigerten die Menschen die Flucht, drohte der Tod.

Der Feind sucht Schutz

Und wieder hofften schutzsuchende Menschen aus Deutschland auf dänisches Asyl. Mit einem Unterschied: Nun war es „der Feind“, der in Dänemark aufgenommen werden wollte – hauptsächlich Frauen und Kinder. Und es waren viele: Eine Viertelmillion Geflüchtete kam in den letzten Kriegsmonaten nach Dänemark, das die größte Flüchtlingswelle in der Geschichte des Landes erlebte.

800 Schiffe brachten zweieinhalb Millionen Deutsche über die Ostsee. Für viele endete die Fahrt im besetzten Dänemark. Pro Tag erreichten nun 9.000 Menschen das Königreich.

Dort angekommen, wurden die Neuankömmlinge auf die verschiedenen kleinen und großen Lager im Land verteilt. Schulen und andere öffentliche Gebäude wurden zur Unterbringung beschlagnahmt. Historiker und Autor John V. Jensen beschreibt die Lage in seinem Buch „Deutsche auf der Flucht“ so:

Nach dem Kriegsende erreichten pro Tag 9.000 Geflüchtete aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten Dänemark.

„Als Deutscher in einem großen Flüchtlingslager in Dänemark interniert zu sein, war sicherlich nicht immer angenehm, auch mag es Berichte über schlimme Erlebnisse geben, ebenso waren die deutschen Geflüchteten in Dänemark in ihrer Freiheit eingeschränkt. Davon abgesehen konnten sie aber sicher vor Verfolgung sein, und die Essensversorgung war gesichert.“

Deutsche Minderheit half bei medizinischer Versorgung

Die Gesundheitsversorgung in dieser Zeit war mangelhaft. 1945 beschloss die dänische Ärztevereinigung (Lægeforeningen), dass dänische Ärzte keine deutschen Geflüchteten mehr behandeln durften – auch die Unterbringung in dänischen Krankenhäusern wurde verboten. In Nordschleswig waren Medizinerinnen und Mediziner, die der deutschen Minderheit zugehörig waren, dennoch bereit, die Geflüchteten medizinisch zu versorgen.

Insgesamt kamen nach der Befreiung Dänemarks in den Lagern bis zu 4.000 Kinder ums Leben. Epidemien und mangelnde Versorgung bei banalen, eigentlich leicht zu behandelnden Krankheiten, waren Gründe hierfür. Aus einem Bericht der Krankenstation im Oksbøl-Lager vom Dezember 1945 geht hervor, dass 21 der 24 eingelieferten Säuglinge starben, heißt es bei John V. Jensen.

In Ausnahmefällen wurden dänische Behandlerinnen und Behandler doch aktiv. Nämlich dann, wenn es um drohende Lebensgefahr oder besondere Umstände wie Infektionskrankheiten ging, die auch für die dänische Bevölkerung hätten gefährlich werden können, schreibt John V. Jensen.

Bei Infektionskrankheiten, die auch für die dänische Bevölkerung gefährlich werden konnten, gab es medizinische Hilfe.

Demokratieschule für deutsche Lagerkinder

Nach dem Ende des Krieges und dem Abzug der deutschen Besatzer versuchte Dänemark vehement, die insgesamt 250.000 Geflüchteten in den Lagern wieder loszuwerden.

Doch die Befreier, die Alliierten, entschieden, dass Dänemark sich um die Geflüchteten zu kümmern hatte. Und so wurden die Lager eher voller als leerer. Noch 1945 waren in Oksbøl 10.500 Menschen einquartiert – ein Jahr später waren es bereits 35.000.

Während das Nichtstun so manchen Lagerinsassen mit der Zeit mürbe machte, bekamen die Kinder wieder etwas zu tun: Ab Oktober 1945 starteten die Behörden ein demokratisches, antinazistisches Unterrichtsprogramm.

Die Kultur und Sprache Dänemarks zu erlernen, stand hingegen nicht auf dem Stundenplan. Die Deutschen sollten das Land, in dem sie aufgenommen worden waren, nicht kennenlernen, sondern so bald wie möglich wieder von dort verschwinden.

Das von der Polizei aufgestellte Schild verbietet sowohl jeglichen Kontakt zu den deutschen Geflüchteten als auch das Schreiten entlang des Zaunes oder in dessen unmittelbarer Nähe. Bei Missachtungen macht man sich strafbar.

Denn die größte Angst der Dänen war, dass die Deutschen im Königreich bleiben könnten. Dies wurde von dänischer Seite konsequent ausgeschlossen. Um ebendies zu verhindern, war der Kontakt zwischen Deutschen und Dänen strengstens untersagt. Wobei nicht verhindert werden konnte, dass es vereinzelt doch zu Liebesbeziehungen zwischen dänischen Wachhabenden und internierten Frauen kam.

Erst vier Jahre nach Kriegsende, 1949, konnte Dänemark die letzten deutschen Flüchtlinge zurück nach Deutschland schicken.

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