Silvester

1955, 1965, 1975 und 1985: So schaute die Minderheit aufs Jahr zurück

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Viel ist passiert in sieben Jahrzehnten deutsche Minderheit.
Viel ist passiert in sieben Jahrzehnten deutsche Minderheit.

Am Ende eines jeden Jahres blickt die Minderheit stets auf die vergangenen zwölf Monate zurück. Anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Bonn-Kopenhagener Erklärungen geht in Zehnjahresschritten der Blick zurück: Was hat die Volksgruppe damals beschäftigt und wie hat sich der Ton mit der Zeit verändert? Erster Teil einer Archivreise von 1955 bis 1985.

Was hat die Minderheit am Ende eines Jahres bewegt? Was ist erreicht worden? Was ist gut gelaufen und was nicht? Und worauf wird im kommenden Jahr der Fokus gelegt? 

2025 etwa war geprägt von den Feierlichkeiten zu 70 Jahren Bonn-Kopenhagener Erklärungen, von Schulschließungen und der Kommunalwahl. Doch was war 1955, 1965, 1975, 1985, 1995, 2005 und 2015? Ein Rückblick in zwei Teilen.

1955: Geburtsstunde für Bonn-Kopenhagener Erklärungen

„Mit Wehmut scheiden wir vom alten Jahr, mit Hoffnungen sehen wir dem neuen entgegen. Was brachte uns 1955, das zehnte Jahr nach dem Kriege?“, fragte der damalige Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Jes Schmidt, in seinem Jahresrückblick. „Wir alle, wir Deutschen im Besonderen, haben allen Anlass, einem Schicksal dankbar zu sein, das es uns gestattete, uns aus tiefster Not und Demütigung herauszuarbeiten und unserem Volke erneut einen Platz an der Sonne zu erringen“, schrieb er mit Blick auf das Jahr 1945. Nicht große Worte und protziger Stolz, sondern stille Einkehr und Dankbarkeit seien die rechten Tugenden.

„Betrachten wir 1955 unter dem Gesichtspunkt unseres Lebens als deutsche Volksgruppe auf der Landbrücke zwischen Deutschland und Dänemark, können wir dankbaren Herzens von ihm scheiden. Wir erreichten 1955 Ziele, um die wir ein Jahrzehnt rangen. Das Jahr brachte uns die Befreiung von der Fessel des Ausnahmegesetzes Nr. 412, öffnete uns den Weg zum vollen Ausbau unseres Schulwesens mit unbegrenztem Examensrecht“, schreibt Schmidt. Dies sei nicht allein durch eigene Kraft erkämpft worden, sondern entscheidend auch durch die Beharrlichkeit der deutschen Elternschaft und der deutschen Verbände in Nordschleswig.

Jes Schmidt
Ein Fazit des „Nordschleswiger“-Chefredakteurs Jes Schmidt Ende 1955.

„Es liegt nun an uns, die uns gegebenen Rechte in Anspruch zu nehmen.“ Für 1956 sollte somit der Ausbau des Schulwesens angestrebt werden. „Es muss noch viel gebaut werden“, heißt es in dem Rückblick.

Wir alle, wir Deutschen im Besonderen, haben allen Anlass, einem Schicksal dankbar zu sein, das es uns gestattete, uns aus tiefster Not und Demütigung herauszuarbeiten und unserem Volke erneut einen Platz an der Sonne zu erringen.

Jes Schmidt

Ausbau des Schulwesens

Das Examensrecht wurde in Verbindung mit den deutsch-dänischen Minderheitenverhandlungen gewährt. Es sei das „alles überschattende Ereignis des Jahres 1955“ gewesen, so Schmidt. Bonn-Kopenhagen bildete „in der Tat nach zehn langen Jahren der Unklarheit eine Wende für das Grenzland“. 

„In der Kopenhagener und in der Bonner Erklärung sind die Grundrechte beider Minderheiten klar umrissen, die für unser Leben im Grenzland richtungsweisend sind. Einmal bedeuten sie praktisch die endgültige Anerkennung der Grenze von 1920, zum anderen kündigen sie ohne Zweifel das Ende grenzpolitischer Auseinandersetzungen alten Stils an.“

Deutschland und Dänemark gehörten heute einer die ganze westliche Welt umspannenden Gemeinschaft an, schreibt der Chefredakteur. Etwas Kriegsrhetorik fehlte dann dennoch nicht:

Der Nordschleswiger am 30. März 1955
„Der Nordschleswiger“ am 30. März 1955

„Der Tag ist nicht mehr fern, an dem deutsche und dänische Soldaten gemeinsam ins Manöver ziehen werden, und dieser Gemeinschaft auf militärischem Gebiet wird sich zwangsläufig mit der Zeit eine umfassende Zusammenarbeit ergeben, die letzten Endes in einer europäischen Gemeinschaft ausmünden wird.“

Arbeit an der Basis der Minderheit

Die „Volkstumsarbeit“ mache laut Schmidt ebenfalls „gute Fortschritte“. So konnte der Arbeitsbereich der Schulen erweitert werden. Die Nachschule wurde durch eine Volkshochschule ergänzt. Die Kinderzahl der deutschen Schulen „entspricht noch keineswegs den Ergebnissen der politischen Wahlen“, schreibt Schmidt. 

Eine sinnvolle Nachwuchsplanung und Maßnahmen zur Existenzsicherung der Jugend sei erst in Grundzügen vorhanden. Auch die Arbeit der deutschen Selbsthilfe laufe noch nicht wieder auf vollen Touren, so der Chefredakteur, der sich nach dem Krieg besonders um den Wiederaufbau der deutschen Institutionen bemühte. 

Die „Bereinigung der sich aus den Strafmaßnahmen der Nachkriegszeit ergebenden Probleme“ konnte laut Schmidt ebenfalls bisher nicht auf allen Gebieten erreicht werden. 

„1956 wird uns auf dem Wege zum Wiederaufbau deutschen Lebens in der angestammten Heimat ein gutes Stück weiterbringen können, wenn wir alle an einem Strang ziehen und uns gegenseitig in Duldsamkeit und Achtung für die Heimat begegnen.“

Ein Jahrzehnt später zieht der BDN-Hauptvorsitzende Harro Marquardsen Bilanz des Jahres. Bonn-Kopenhagen besteht 1965 schon zehn Jahre. 

1965: Zwischen Kontaktausschuss und Grenzverkehr

„Das, was uns am Anfang des Jahres sehr beschäftigt hat, war die Bildung des Kontaktausschusses als Ersatz für das verlorene Mandat. Diese Form der Vertretung in Kopenhagen ist für uns noch neu. Sie muss sich erst bewähren. Ich glaube aber, dass wir heute schon so viele Erfahrungen gesammelt haben, dass man sagen kann, dass diese Form der Vertretung in Kopenhagen ein guter Ersatz ist. Alle Wünsche, die wir hatten, sind leider nicht erfüllt worden. Erfolge sind doch zu verzeichnen“, so Harro Marquardsen.

Staatsminister besucht Minderheit

Harro Marquardsen
Harro Marquardsen resümierte als BDN-Hauptvorsitzender das Jahr 1965.

Einen Rückschlag gab es bei der Befreiung der Schleswigschen Partei von der 2-Prozent-Klausel. Und das, obwohl die dänische Minderheit bereits 1954 von der 5-Prozent-Hürde befreit worden sei, moniert Marquardsen. „Es ist bedauerlich, dass die dänischen Parteien nicht diese liberale Haltung einnehmen und der deutschen Volksgruppe den Weg ins Parlament öffnen.“

Als Höhepunkt bezeichnet der Hauptvorsitzende den Besuch des Staatsministers Jens Otto Krag (A) mit fünf Ministern auf Einladung des Kontaktausschusses bei der Volksgruppe. „Dieser Besuch wird ohne Zweifel für weitere gute Zusammenarbeit im Ausschuss von Bedeutung sein“, resümiert Marquardsen. 1966 werde im Zeichen der Kommunalwahlen am 8. März stehen. Dafür müssten „alle Kräfte angespannt“ werden. 

Grenzland als „Zukunftsland“

Es ist bedauerlich, dass die dänischen Parteien nicht diese liberale Haltung einnehmen und der deutschen Volksgruppe den Weg ins Parlament öffnen.

Harro Marquardsen

Auch Jes Schmidt resümiert als Chefredakteur das vergangene Jahr und blickt progressiv auf das Grenzland als „Zukunftsland“. Das Ringen um die Staatsgrenze an sich sei beendet, heißt es. „Der Grenzrevisionismus, wie er noch in der Zielsetzung der dänischen Minderheit und in der Vorstellungswelt der unentwegten Eiderdänen lebendig ist, gehört einer vergangenen Zeit an.“ 

Schmidt: „Die Jugend lehnt es nördlich wie südlich der Grenze ab, ihre besten Kräfte in einem zermürbenden Kampf um eine Grenzlinie zu opfern. Sie strebt zu neuen Ufern, zu welchen – das ahnt sie vermutlich noch kaum.“ Es gehe ihr damit nicht besser als der älteren Generation, die nach neuen Zielen sucht, die sie an die Stelle der zusammengebrochenen setzen kann.

1975 äußert sich der neue Hauptvorsitzende Gerhard Schmidt über das vergangene Jahr im Neujahrsgespräch. Darin spricht er über die Zurückgewinnung von Wählerinnen und Wählern, die nach den vergangenen beiden Folketingswahlen verloren gegangen sind.

1975: Über die Zukunft der Minderheit und Toleranzbreiten

Trotz Stimmenverlusten wird Jes Schmidt 1975 mit 3.537 persönlichen Stimmen wiedergewählt und bleibt einziger Vertreter der deutschen Minderheit auf Christiansborg. 

Dazu Schmidt: „Viele unserer Wähler haben offenbar die Integration als Aufgabe der eigenen Identität missverstanden und dadurch eine Schwächung der Volksgruppe herbeigeführt.“ „Dass unsere kulturelle Arbeit keinen Rückgang zu verzeichnen hat, ist für mich ein Beweis dafür, dass auch diejenigen, die aus wirtschaftlichen Gründen anders gestimmt haben, sich weiterhin der Volksgruppe zugehörig fühlen.“

Man könne nur hoffen, dass sich Integration und Identität nicht widersprechen, sondern ergänzen, schreibt dazu Chefredakteur Jes Schmidt. „Gerade diese Mitarbeit bei Wahrung der eigenen geschichtlich gewachsenen deutsch-nordschleswigschen Position ist moderne Minderheiten-Politik '75“

Gerhard Schmidt
Wachablösung beim BDN: Gerhard Schmidt (Mitte) übernimmt von Harro Marquardsen (rechts). Dieter Wernich bleibt Stellvertreter.

Sperrklausel-Frage beschäftigt BDN

Die Bedeutung der parlamentarischen Vertretung werde den Leuten von Tag zu Tag klarer bewusst, sagt Gerhard Schmidt. Er mache sich darüber hinaus keine Sorgen über die Zukunft der Volksgruppe, sie sei „lebendig und intakt“.  

Dennoch ruft er dazu auf, sich aktiv zu beteiligen: „Basisarbeit kann nicht nur darin bestehen, dass der Hauptvorsitzende erscheint. Die Arbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Verantwortung auf vielen Schultern ruht.“

Zur Diskussion um ein Parteiprogramm schreibt er: „Die Zielsetzung der Volksgruppe steht nicht zur Disposition.“ Die Minderheit sei aber gezwungen, sich neuen Herausforderungen ständig zu stellen. Es dürfe nicht übersehen werden, dass die Volksgruppe auch in Zukunft eine Toleranzbreite von links bis rechts aufweisen muss. Erneut geht es mit Blick auf das Jahr 1976 um einen neuen Vorschlag in der Sperrklausel-Frage. Dieser müsse zuvor jedoch ausgiebig diskutiert werden. 

Helmut Schmidt und Anker Jørgensen in Sonderburg

Der neue Hauptvorsitzende wertete als ein „großes Ereignis“ des Jahres das Sonderburger Gespräch mit Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem dänischen Staatsminister Anker Jörgensen. „Bund und Land stehen unserer Arbeit auch in Zukunft positiv gegenüber und ich möchte an dieser Stelle für das Verständnis zeigen, das uns vor allem bei unserer Forderung nach Wiederherausgabe der Montag-Ausgabe des ,Nordschleswiger' entgegengebracht worden ist.“ 

Für die deutschen Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger sei dies angesichts der schwierigen Haushaltslage von Bund und Land ein ermutigendes Zeichen des Verständnisses, schreibt Jes Schmidt.

Helmut Schmidt
Sonderburger Gipfel mit Bundeskanzler Helmut Schmidt (links) und Staatsminister Anker Jørgensen (Mitte).

Auch der Kieler Kontaktausschuss wird im Januar 1975 gegründet und hält im zu Ende gehenden Jahr bereits zwei Sitzungen ab. „Durch dieses Gremium ist die Minderheit in die Lage versetzt worden, den zuständigen Parlamentariern direkt ihre Sorgen und Nöte vorzutragen“, so Jes Schmidt.

Auch das 30-jährige Jubiläum des BDN wird erwähnt. Es wurde am Deutschen Tag 1975 gefeiert, wo der „ungebrochene Lebenswille der Volksgruppe ebenso dokumentiert wurde, wie bei den vielen hunderten kleinen und großen Veranstaltungen, die im Laufe des Jahres durchgeführt wurden.“

Wie lief das Jahr 1985? Auf Seite 1 der Silvesterausgabe kommt erneut BDN-Hauptvorsitzender Gerhard Schmidt zu Wort. 

Was 1975 sonst noch geschah?

1985: Grenzkontrollen, Wahlschlappe und 40 Jahre BDN

In seinem Gruß zum Ende des Jahres betont Gerhard Schmidt positive und negative Ereignisse des Minderheitenjahres. Positiv seien die Feierlichkeiten zum 30. Geburtstag der Bonn-Kopenhagener Erklärungen gewesen. Ebenfalls der gemeinsame Grenzlandbesuch von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Staatsminister Poul Schlüter (Kons.). 

„Die Regierungen haben sich übereinstimmend zum Prinzip der Gleichberechtigung zwischen Mehrheitsbevölkerung und Minderheit bekannt und zugesagt, ihre Minderheitenpolitik auch in Zukunft nach diesen Grundsätzen auszurichten. Unsere eigene Aufgabe ist es, selbst darauf zu achten, dass auch die örtlichen Politiker und Behörden ihre Entscheidungen in diesem Sinne handhaben.“

30. Jahrestag der Bonn-Kopenhagener Erklärungen.
30. Jahrestag der Bonn-Kopenhagener Erklärungen.

Rückschläge bei der Wahl

Enttäuschend nennt Schmidt das Ergebnis der Wahlen vom 19. November. „Lassen wir uns aber davon nicht entmutigen, denn eine Reihe von Einzelergebnissen hat gezeigt, dass ein negativer Trend nicht überall eingesetzt hat bzw. an einigen Orten der negative Trend auch gewendet worden ist.“

Der Schleswigschen Partei sollen neue Impulse gegeben werden, so die Reaktion Schmidts. Es komme vor allem darauf an, das „Erbe im Bewusstsein zu halten“. Wenn die Zukunft der deutschen Volksgruppe Bestand haben soll, behalte die Erfahrung ihre Gültigkeit, dass Kultur, Politik und Solidarität, verbunden mit der Zähigkeit in der Arbeit, zum Erfolg führen, schreibt der Hauptvorsitzende. „Diese Feststellung entlässt uns aber nicht aus der Pflicht, unsere Situation ständig zu überdenken und sie der künftigen Entwicklung anzupassen.“

Dies brachte 1985 auch Erfolge, etwa die Gleichberechtigung des Büchereiwesens. 

Keine Funktionärsminderheit

Königin Margrethe
Königin Margrethe besucht Apenrade anlässlich des 650. Stadtjubiläums.

Ein Kommentar zum Jahr kommt auch aus Kopenhagen vom Chefredakteur und Leiter des Büros, Siegfried Matlok: „Die deutsche Volksgruppe darf nie zu einer Funktionärsminderheit degradiert werden, die nur noch dafür zu sorgen hat, dass die Treibhauspflanzen ihren Dünger in Form von Finanzspritzen aus Kiel und Bonn bekommen (…) Wir sind 1985 auch kein schwarz-rot-gold angestrichenes Heimatmuseum, das so manchem identitätsbedürftigen Bundesdeutschen einmal im Jahr nationalpolitisch bleifreies Krafttanken bietet. (…) Tingleff ist keine Reserve-Schabbach!“

Hier geht es zu Teil 2:1995, 2005, 2015: So schaute die Minderheit aufs Jahr zurück

Was 1985 sonst noch geschah?