Interreg-Projekt

Zwischen Deutsch und Dänisch: Was das Projekt „Die Fremden“ sichtbar macht

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Die dänische Bibliothek in Tondern war federführend bei dem Interreg-Projekt „Die Fremden – De Fremmede“.

Warum fühlt man sich fremd im eigenen Land? Wie leben Minderheiten und Mehrheiten im Grenzland zusammen? Darum geht es bei dem grenzüberschreitenden Projekt „Die Fremden – De Fremmede“. Menschen aus Nord- und Südschleswig erzählen ihre Lebensgeschichte. Dabei sind auch Podcasts entstanden, unter anderem mit einem Urgestein der Minderheit, Carsten Lund. Die Geschichten sind aktueller denn je. Simone Mischke hat mit den beiden Podcast-Produzenten gesprochen.

Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch mit den Podcastmachern Tue Søvsø und Jasper Wenzel gibt es jetzt im Podcast„Mojn Nordschleswig“zu hören - inklusive einer Hörprobe des Podcasts „Die Fremden“ mit Carsten Lund.

Tue Søvsø, du bist Philosoph und leitest das Projekt „Die Fremden“? Warum dieser Name? Ihr habt ja mit Menschen aus Nordschleswig gesprochen, die hier geboren sind oder seit Jahrzehnten hier leben, die sind ja nicht fremd? 

„Um eben diesen Widerspruch aufzudecken. Meine persönliche Anekdote dazu: Mein mittlerer Sohn wurde hier in der Schule als Deutscher beschimpft. Der Junge ist in Dänemark geboren, spricht fließend und sehr sauber Dänisch, im Gegensatz zu den meisten seiner Mitschüler. Das fand ich irgendwie witzig. 

Mir ist aber auch bewusst, dass so was auf Dauer gar nicht mehr witzig ist und dass es Mitbürger gibt, die damit jeden Tag konfrontiert werden. Dazu gehört auch die deutsche Minderheit, aber vor allem die jüngeren Minderheiten, also Leute mit anderen Hautfarben. Das wird zur Belastung. Und deshalb finde ich, gibt es ständigen Redebedarf und eine Sensibilisierung zu dem Thema.“

Du hast zu Beginn des Projekts gesagt:Für mich als Philosophen und gleichzeitig ganz normalen Bürger im Grenzland ist das Projekt ein Versuch, mein Fachgebiet, die Philosophie, zu nutzen, um einige der Herausforderungen, die ich im Alltag erlebe, zu verstehen und zu bearbeiten. Was meinst du damit und ist das gelungen? 

Tue Søvsø ist gebürtiger Däne und spricht fließend Deutsch. Der Philosoph forscht an der Königlichen Bibliothek zu Kopenhagen.

„Ich habe natürlich an die Vielfalt im Grenzland gedacht und an die vielfältige Art und Weise, auf die einige als fremd wahrgenommen werden und andere nicht, und wie sich diese Linien immer verändern. Das ist ein Forschungsschwerpunkt von mir gewesen: Gemeinschaften zu verstehen, was ist eine Gemeinschaft und wer gehört wann dazu. 

Als ich nach Kollund gezogen bin, habe ich gemerkt, dass die alten Trennlinien Deutsch–Dänisch immer noch sehr lebendig sind, auch wenn sie im Alltag friedlich gelebt werden. Und das wollte ich thematisieren. Das ist dank der vielen tollen Sprecher, die hier mitgemacht haben, auch gelungen. Wir haben viele spannende und bereichernde Gespräche geführt in diesem Projekt.“

Wie habt ihr die Gesprächspartnerinnen und -partner für das Projekt ausgewählt?

Mein Sohn ist in Dänemark geboren, spricht aktzentfrei und fließend Dänisch. In der Schule wurde er als Deutscher beschimpft.

Tue Søvsø

„Ich wollte darstellen, wie viele verschiedene Gruppen es gibt und wie leicht es ist, plötzlich der oder die Fremde zu sein. Ich muss nur zehn Kilometer weit nach Deutschland fahren und bin da als dänischer Staatsbürger irgendwie auch fremd. Gleichzeitig gehöre ich voll dazu, so wie die deutsche Minderheit zu Dänemark gehört und die dänische zu Deutschland. Diese Komplexität war mir wichtig, und das haben wir versucht widerzuspiegeln in dem Programm.“

Die Podcast-Reihe hast du zusammen mit Jasper Wenzel produziert – Jasper, du bist in Flensburg auf die dänische Schule gegangen und arbeitest in Berlin. Wie bist du zu dem Projekt gekommen? 

„Aufgrund meiner Zweisprachigkeit. Ich bin in Flensburg aufgewachsen, bin dann aber erst mal raus und habe in Berlin und Kopenhagen gelebt. Irgendwann entwickelt man dann wieder Interesse für den Ort, an dem alles losging. Dieses Projekt war eine schöne Gelegenheit, ein bisschen abzutauchen in die Region nördlich und südlich der Grenze und sich von vielen Menschen aus allen möglichen Gegenden und Altersgruppen Geschichten erzählen zu lassen – die vielleicht auch etwas zu tun haben mit der eigenen Geschichte oder der Geschichte der eigenen Familie.“

Jasper Wenzel ist in Flensburg auf die dänische Schule gegangen. Zur Minderheit zählt er sich aber nicht.

Wie seid ihr die Geschichte mit Carsten Lund angegangen – ein Mann, der 95 Jahre alt ist und sich ja an wahnsinnig vieles erinnern kann? 

„Der Podcast mit ihm ist etwa 30 Minuten lang, und wir haben mit ihm ungefähr drei Stunden gesprochen bei ihm zu Hause in Apenrade. Erst mal spricht man wohl über das Wetter und lässt sich ein paar Artefakte aus der Wohnung zeigen und findet möglichst schnell eins, über das es in die Geschichte reingeht. In unserem Fall war es ein Bild des Geburtshauses von Carsten. Wie es im Podcast heißt, war das das Fenster in das Leben von Carsten Lund.“

Seid ihr mit einer bestimmten Zielsetzung in das Gespräch gegangen oder ergebnisoffen? 

Ich denke, dass wir, dass auch Carsten (Lund) eine Form zu erzählen gefunden hat, wie es vielleicht ein Familienmitglied machen würde. Wir sind geneigt, einander zuzuhören, wenn man spürt, dass ich was vermitteln will.

Jasper Wenzel

„Unbedingt ergebnisoffen. Es ist bei dem ganzen Projekt darum gegangen, die Leute ihre Geschichte erzählen zu lassen und keinen Frame zu finden. Im Fall von Carsten war einfach schon so viel da, es lag schon eine Erzählung vor. Und dann ist es die Aufgabe in so einem Gespräch, da was aufzumachen. Wenn man schon sehr häufig eine Geschichte erzählt hat, ist man sehr gut darin, diese Geschichte zu erzählen, verliert aber vielleicht ein paar Seitenaspekte. Nuancen, die vielleicht für Zuhörende interessant sind. Das haben wir versucht und das ist uns, glaube ich, auch gelungen, Carsten da noch mal aufzumachen.“

Warum sollten gerade auch jüngere Menschen den Podcast mit Carsten Lund hören? Bei Jüngeren habe ich oft das Gefühl, dass sie der Geschichten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit überdrüssig sind. 

Jasper Wenzel: „Ich weiß nicht, ob diese These stimmt. Man muss auf irgendeine Art und Weise reingezogen werden in etwas. Und das ist eine Frage der Vermittlung. Das betrifft jedes Thema. Wenn der Text schlecht geschrieben, wenn die Sendung schlecht geschnitten, das Computerspiel schlecht programmiert ist, dann mag man es nicht. „Ich denke, dass wir, dass auch Carsten, eine Form zu erzählen gefunden haben, wie es vielleicht ein Familienmitglied machen würde. Wir sind geneigt, einander zuzuhören, wenn man spürt, dass ich etwas vermitteln will.“

Tue Søvsø: „Mein Hauptgrund wäre, dass diese Fragen immer noch so wahnsinnig aktuell sind. Wie kommt man zurecht mit Schuld, mit schwierigen Bedingungen? Wie nimmt man Leute von außen auf? Das sind ja Herausforderungen, die sich uns auch in der heutigen Zeit stellen. Und es sind einfach wahnsinnig beeindruckende Menschen, die hier vortragen.“

Herzlichen Dank an euch beide für das Gespräch!

Den Podcast mit Carsten Lund im Rahmen des Projekts „Die Fremden – De Fremmede“ gibt es hier: https://www.fremd.eu

Interreg-Projekt „Die Fremden“

Projektbeschreibung: Das Interreg-Projekt „Die Fremden – De Fremmede“ ist eine grenzüberschreitende Initiative, die das Zusammenleben von Mehr- und Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzgebiet thematisiert. 

Beteiligte: Deutsche und dänische Büchereien aus dem deutsch-dänischen Grenzland. Federführend ist die dänische Bibliothek in Tondern. Mit dabei: kommunale Bibliotheken, Stadtbüchereien sowie die Büchereien der deutschen und der dänischen Minderheit.

Veranstaltungen: Im Jahr 2025 gab es rund 22 Veranstaltungen. Außerdem entsteht eine Podcastreihe. Mehr dazu unter https://www.fremd.eu

Finanzierung: Das Projekt erhält 380.000 Kronen aus dem Interreg-Topf für Bürgerprojekte.

Ziel: Förderung des interkulturellen Dialogs und Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Bevölkerungsgruppen in der Region