Besetzung Dänemarks durch Nazi-Deutschland

Vier Stunden deutsch-dänischer Krieg mit Langzeitwirkung

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Die Deutsche Wehrmacht hat die ihr waffentechnisch und personell weit unterlegenen dänischen Einheiten in Nordschleswig nach der Überschreitung der Grenze frühmorgens am 9. April 1940 rasch niedergekämpft. Dennoch setzten die dänischen Soldaten zahlreiche deutsche Panzerfahrzeuge außer Gefecht. Das Foto zeigt einen Wehrmachtspanzer bei der Ankunft in Apenrade (Aabenraa).

Mit seinem neuen Werk „Firetimerskrigen“ liefert der nordschleswigsche Historiker Hans Schultz Hansen eine dokumentenbasierte kritische Darstellung der bis in die Gegenwart nachwirkenden Besetzung Dänemarks durch die Hitler-Wehrmacht: „Der 9. April 1940 war … nicht nur ein trauriger Tag für Dänemark. Das war er im historischen Licht betrachtet auch für die deutsche Minderheit.“

Der dänische Geschichtsverein „Historisk Samfund for Sønderjylland“ hat kürzlich mit dem Titel „Firetimerskrigen. 9. April 1940 i Sønderjylland“ ein sehr lesenswertes Werk über die völkerrechtswidrige Besetzung Dänemarks durch die hitlerdeutsche Wehrmacht gut sieben Monate nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht.

Der renommierte Forschungsleiter am Reichsarchiv in Apenrade, Hans Schultz Hansen, liefert mit seinem reich mit historischen Fotos und Karten ausgestatteten 228 Seiten starken Buch eine hervorragende Darstellung der Ereignisse im Frühjahr 1940. 

Das von Historisk Samfund for Sønderjylland herausgegebene neue Buch ist zum Preis von 198 Kronen im Buchhandel erhältlich. Die Titelseite zeigt ein Foto von dänischen Soldaten in Apenrade, die am 9. April 1940 versuchten, die deutschen Invasoren aufzuhalten.

Historiker widerlegt Einordnung als friedliche Besetzung

Anhand von teilweise erst seit einigen Jahren öffentlich zugänglichen Dokumenten weist der Historiker nach, dass die Besetzung Dänemarks, die in Nordschleswig unter den Soldaten und Zivilisten auch Todesopfer forderte, als Krieg und nicht als friedliche Invasion zu werten ist. Gerade Menschen im deutsch-dänischen Grenzland und in der deutschen Minderheit können bei der Lektüre des Buches nacherleben und nachvollziehen, dass der Krieg am 9. April 1940 zwar nur vier Stunden dauerte, aber langfristige Folgen für das Verhältnis zwischen der dänisch-orientierten Mehrheit und der deutschen Minderheit zeitigte. 

Die Invasion begann gegen 4.15 Uhr morgens. König Christian X. hatte bei einer Beratung mit der Regierung und der Militärführung in Kopenhagen den Beschluss zur Einstellung des militärischen Widerstandes schon gegen 6 Uhr gefasst, als deutsche Bomber über Kopenhagen kreisten. Die kämpfenden dänischen Einheiten in Nordschleswig erreichte die Nachricht von der Einstellung des dänischen Widerstandes mehr als zwei Stunden später.  

Hans Schultz Hansen erforscht seit Jahrzehnten vor allem die Geschichte Nordschleswigs während des 20. Jahrhunderts.

Soldaten und Zivilisten starben wegen verspäteter Kampfeinstellung

Die unzureichende Information der meist nur leicht bewaffneten dänischen Verteidiger über die Einstellung des Widerstandes hat sicher dazu beigetragen, dass unter den getöteten 14 dänischen und wahrscheinlich drei deutschen Militärangehörigen sowie vier Zivilisten und einem Feuerwehrmann am 9. April in Nordschleswig auch unnötige Opfer waren. Es wird vermittelt, dass dieser kurze Krieg mit der sich anschließenden deutschen Besetzung Dänemarks, insbesondere auch wegen der Ereignisse in Nordschleswig, eine Langzeitwirkung entwickelt hat, die sich auch die jüngeren Generationen bewusst machen sollten – nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller völkerrechtswidriger Kriegsanstiftungen in Europa und aggressiver, neonationalistischer Tendenzen. 

Sehr detailliert und versehen mit Fußnoten sowie Hinweisen auf weiterführende Dokumente werden sowohl die Vorbereitung des als „Operation Weserübung“ bezeichneten Einmarsches südlich der Grenze, einschließlich der dänischen Reaktionen auf die ersten Hinweise auf eine bevorstehende Invasion, als auch der tatsächliche Verlauf der Invasion dargestellt.

Die Todesanzeige aus der Apenrader Zeitung „Hejmdal“ informierte über den Tod des 15-jährigen Milchwagenjungen Reinhold Fabian, der am 9. November von einer Kugel während der Gefechte am südlichen Stadtrand der Fördestadt getroffen wurde.

Deutsche Nordschleswiger jubelten – aber nicht über Einmarsch informiert

„Die deutsche Minderheit im Landesteil war mit ganz wenigen Ausnahmen aufgrund der effektiven Geheimhaltung der Operation Weserübung unwissend, dass deutsche Truppen Dänemark am 9. April 1940 angreifen“, so Schultz Hansen. Nur die Spitzenfiguren der deutsch-nordschleswigschen Nazipartei NSDAP (N), der Parteiführer Jens Möller sowie Peter Larsen und Jep Schmidt, hatten inoffiziell oder zufällig Wind von der Militäraktion bekommen, konnten ihr Wissen aber nicht aktiv nutzen. 

 

Der Historiker zieht die Schlussfolgerung, dass der deutschen Bevölkerungsgruppe von schätzungsweise 15.000 Personen, die nach der Volksabstimmung und neuer Grenzziehung im Jahre 1920 um 1940 noch in Nordschleswig lebte, keine Rolle als fünfte Kolonne beim deutschen Angriff zugewiesen werden konnte. 

Das Foto des Fotografen Th. Christesen zeigt, wie Zivilisten in Apenrade deutsche Militärfahrzeuge und Wehrmachtssoldaten am 9. April 1940 mit Hitlergrüßen „feiern“.

Historischer Makel der Minderheit

Eine Vielzahl von Geschehnissen am Invasionstag mit deutschen Nordschleswigern als „Empfangskomitee“ gilt bis heute in Dänemark als historischer Makel der Minderheit. Vor allem auch, weil Fotodokumente vom Invasionstag Personen zeigen, die nach 1945 in deutsch-nordschleswigschen Organisationen und Funktionen ein Comeback erlebten.

Geheimdienstleute ermordeten in Pattburg dänische Gendarme

Vorgestellt werden die wenigen Nordschleswiger, die vor dem 9. April 1945 als Spione deutscher Geheimdienste den Wehrmacht-Einmarsch vorbereitet haben. Erschütternd ist die Lektüre des Kapitels über den Einsatz von Spezialkräften der geheimdienstlichen deutschen „Abwehr“, die vor dem Militäreinmarsch unter anderem die Grenze in Pattburg (Padborg) überquerten, um eine Sprengung der Eisenbahnüberführung im Bahnhofsbereich des Grenzortes zu verhindern.

Der Landwirt Sievers vom Hof Waldemarstoft im Grenzort hatte den deutschen Geheimdienst informiert, dass der Viadukt mit Sprengstoff gespickt worden war, um im Fall einer Invasion den Bahnverkehr von Deutschland zu blockieren. Die drei in Pattburg eingesetzten Geheimdienstler waren laut gerichtlichen Verhören nach dem Zweiten Weltkrieg „freiwillige Volksdeutsche“ aus dem Baltikum. Die drei in Zivilkleidung wurden kurz vor Beginn des Vordringens der Wehrmacht über die Grenze von drei dänischen Grenzgendarmen am Bahndamm an der Überführung entdeckt. Die Geheimdienstler zogen ihre Pistolen und schossen die Gendarmen nieder, ohne dass diese zur Gegenwehr in der Lage waren.

300 Grenzgendarme kontrollierten Grenzbereich

Die drei Gendarmen waren wie ihre knapp 300 Kollegen entlang der Grenze in hellblauen Uniformen im Einsatz, um Pässe zu kontrollieren, illegale Grenzübertritte zu verhindern und als Angehörige des Heeres, die im Alltag dem Zolldepartement des Finanzministeriums unterstanden, auch militärische Aufgaben zu übernehmen.

Die Gendarmen, sie waren alle zwischen 40 und 45 Jahre, starben, zwei von ihnen konnten noch Angaben zu den Tätern machen. Die dänische Polizei nahm Ermittlungen auf, die 1940 im Sande verliefen, aber nach der Befreiung wieder aufgenommen wurden und zum Ergebnis führten, dass die drei Gendarmen, die ersten Opfer des Vierstundenkrieges, von Geheimdienstlern liquidiert worden sind.

Helfer deutscher Naziverfolgter in Pattburg festgenommen

Zum Agieren der Geheimdienstler in Pattburg gehörte am 9. April auch, dass diese den dänischen Lokomotivführer Aage Lassen in Gewahrsam nahmen und nach Deutschland verschleppten. Lassen hatte nach der Machtübernahme Hitlers 1933 rund 100 deutschen Sozialdemokraten, denen KZ-Haft drohte, zur Flucht nach Dänemark verholfen. Der Lokomotivführer wurde im August 1933 nach Kopenhagen gebracht und wenig später der dänischen Polizei übergeben und unter der Auflage entlassen, sich nur noch außerhalb Nordschleswigs aufzuhalten. 

Deutsche hissten Nazifahnen im Turm der Tonderner Christkirche

Zu den vielen Ereignissen des Vierstundenkrieges, die Hans Schultz Hansen sehr eindringlich schildert, zählen weitere „Begrüßungsaktionen“ deutscher Nordschleswiger in zahlreichen Orten des Landesteils während und kurz nach dem Vordringen deutscher Soldaten am 9. April 1945. Ein Beispiel ist der Versuch von Minderheitenangehörigen, öffentliche Gebäude und den Turm der Christkirche in Tondern (Tønder) mit Hakenkreuzfahnen zu versehen. 

Neben Gewalttätigkeiten gegen Polizisten wird die Aktion des Tonderaners Franz Hecht und weiterer Nazi-Anhänger beschrieben, unter anderem Rathaus, Bahnhof und Postamt mit der Nazifahne auszustaffieren. Couragiertes Personal stellte sich dem selbstherrlichen Treiben entgegen. Geschildert wird auch die Beteiligung des später in Hoyer (Højer) tätigen Pastors Andreas Schau, die Entfernung der Hakenkreuzfahne im Turm durch alarmierte dänische Polizeibeamte, unter ihnen Polizeichef Tyge Mortensen-Larsen, zu verhindern.

Zu Auseinandersetzungen zwischen dänischen Polizisten und Mitgliedern der deutschen Einwohnerschaft Tonderns kam es am 9. April 1940, als Nazi-Sympathisanten Hakenkreuzfahnen unter anderem am Turm der Christkirche hissten. Der NS-Fahnenschmuck wurde auf Geheiß der Wehrmacht rasch beendet.

Hinweise zu Gerichtsakten 

Die Fußnoten zu diesem Kapitel weisen auf die Gerichtsakten der Personen hin, die nach 1945 wegen der Vorfälle in Tondern zur Rechenschaft gezogen worden sind. Darin sind die Zeugenaussagen und Unterlagen zu finden, die zu Verurteilungen geführt haben, aber auch die Aussagen der Angeklagten.

Auch Vertreter deutscher Nordschleswiger gegen Nazi-Fahnen

In Tondern herrschte im Magistrat, darunter zwei Mitglieder der deutschen Minderheit, Einigkeit, dass das Hissen der Nazifahnen zu unterbleiben habe. In Hoyer wendete sich laut Schultz Hansen der deutschgesinnte Bürgermeister Hans Andersen gegen das eigenmächtige Heraushängen der Hakenkreuzfahne durch NSDAP-N-Ortsgruppenleiter Franz Lessow aus dem Kirchturm und dem damaligen Bürgermeisteramt. 

Der Tonderner Polizeichef holte sich Rückendeckung beim Minderheiten-Naziführer Jens Möller in Sachen Nazifahnen. Möller gab die Order der Wehrmacht weiter, die sich das Hissen der Hakenkreuzfahnen verbat. Die Besatzer wollten die dänische Bevölkerung nicht unnötig provozieren und eventuellen Widerstandsaktionen vorbeugen. Die Nazipropaganda verbreitete die Darstellung, die Wehrmacht sei nur in Dänemark eingedrungen, um einer britischen Landung zuvorzukommen. 

Schultz Hansen beschreibt im Schlussteil seines Werkes sehr präzise den Umfang der oftmals spontanen Handlungen einer eher kleinen Gruppe deutscher Nordschleswiger am Invasionstag, die als Illoyalität gegenüber ihrem dänischen Herbergsstaat einzustufen sind. Neben dem Bejubeln der einmarschierenden deutschen Soldaten gab es auch herablassende Äußerungen gegenüber dänischen Soldaten, die kurz zuvor während der Kämpfe mit den ihnen waffentechnisch und zahlenmäßig weit überlegenen Wehrmachtseinheiten den Schrecken des Krieges in voller Härte erleben mussten.

Am Herzog-Hans-Hospital in Hadersleben (Haderslev) gingen dänische Soldaten mit einer kleinen Kanone in Stellung, um deutsche Invasionstruppen am Einmarsch in die Stadt zu hindern. Neugierige Schulkinder umringten die Soldaten, die teilweise vergeblich versuchten, Zivilisten aus den Gefahrenzonen zu verjagen.

Hitlerregime wollte 1940 keine Grenzrevision

Sehr rasch mussten die auf eine Revision der Grenze eingestellten Nordschleswiger feststellen, dass das Hitlerregime keine Grenzveränderung gegenüber Dänemark beabsichtigte, sondern im Gegenteil als erste deutsche Regierung seit 1920 die territoriale Integrität des Königreiches einschließlich Nordschleswigs anerkannte. Die dänischen Soldaten kehrten nach Einstellung des Widerstandes in ihre Kasernen zurück. 

Neben dem Bejubeln der einmarschierenden deutschen Soldaten gab es auch herablassende Äußerungen gegenüber dänischen Soldaten, die kurz zuvor während der Kämpfe mit den ihnen waffentechnisch und anzahlmäßig weit überlegenen Wehrmachtseinheiten den Schrecken des Krieges in voller Härte erleben mussten. 

Diese Todesanzeigen aus der „Nordschleswigschen Zeitung“ sind im Buch zu finden. Sie dokumentieren, dass zivile Angehörige der deutschen Minderheit zu den Opfern des Vierstundenkriegs am 9. April 1940 in Hadersleben zählten. Sie wurden wahrscheinlich als Schaulustige von verirrten Kugeln getroffen.
Am 9. April 1940 wehte in Sonderburg (Sønderborg) die Hakenkreuzfahne aus der Lokalredaktion der seit Jahren auf NS-Kurs gebrachten „Nordschleswigschen Zeitung“ in der Alsenstadt. Aus Protest wurde eine dänische Fahne auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehisst.

Sehr rasch mussten die auf eine Revision der Grenze eingestellten Nordschleswiger feststellen, dass das Hitlerregime keine Grenzveränderung gegenüber Dänemark beabsichtigte, sondern im Gegenteil als erste deutsche Regierung seit 1920 die territoriale Integrität des Königreiches einschließlich Nordschleswigs anerkannte. 

Letztlich ein trauriger Tag – auch für die deutschen Nordschleswiger 

Die deutsch-nordschleswigsche Nazispitze musste ihre Heim-ins-Reich-Propaganda beenden, schaffte es aber dennoch, in den Besatzungsjahren viele deutsche Nordschleswiger für den Nationalsozialismus und die Besatzungsmacht einzuspannen. Schultz Hansen zieht den Schluss: „Für die Minderheit ist aus ihrer Unterstützung und dem Zujubeln der Wehrmacht nichts herausgekommen, außer, dass man für böses Blut zwischen Mehrheit und Minderheit gesorgt hat. In der weiteren Besatzungszeit vergrößerte sich diese Kluft noch weiter. Der 9. April war deshalb nicht nur ein trauriger Tag für Dänemark; das war er, aus dem historischen Licht betrachtet, auch für die deutsche Minderheit.“

Gedenksteine in Nordschleswig

Die einzelnen Kapitel des Buches liefern viele Detailinformationen zum vierstündigen Kriegsverlauf und den dazugehörigen Schauplätzen wie in Söllsted (Sølsted), Bredewatt (Bredevad) oder Bergschau (Bjergskov), an denen man bei Fahrten durch Nordschleswig vorbeikommt. Die Standorte der Gedenksteine für die dänischen Soldaten und die Namen der getöteten Zivilisten, die teilweise die gefährliche Situation bei den Kämpfen wie viele andere Passanten in Apenrade oder Hadersleben nicht erkannten, sind im Buch nachzulesen. Sie sind Teil des sehr eindrucksvoll verfassten Geschichtsbuches.