Wirtschaft

In Dänemark: Flasche halb voll – In Deutschland: Flasche halb leer

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Siegfried Matlok und Holger Sandte (r.) beim „DK4“-Interview bei EIFO in Kopenhagen

„DK4“-Interview zur deutschen Krise, aber es gibt doch noch Hoffnung, meint EIFO-Chefanalytiker Holger Sandte.

Was ist los in Deutschland, fragen viele Dänen nach dem Wechsel von der Ampel-Regierung zur Schwarz-Roten-Koalition. Die wirtschaftspolitischen Herausforderungen sind enorm – leider auch mental. Dennoch sieht ein dänischer Experte, EIFO-Chefanalytiker Holger Sandte, im „DK4“-Fernsehen erstes Licht im Tunnel trotz des Null-Wachstums in den vergangenen drei Jahren beim zweitwichtigsten Handelspartner Dänemarks. 

In der Sendung „Dansk-tysk med Matlok“ wird darauf hingewiesen, dass Dänemark in den 70er und 80er Jahren mit großen Defiziten in der Leistungsbilanz („Betalingsbalancen“) stark abstiegsgefährdet war und damals nur durch deutsche Banken überleben konnte, dass es aber in den vergangenen Jahren einen sensationellen, ja historischen Wandel in der wirtschaftlichen Entwicklung beider Länder gegeben hat. 

Der in Deutschland geborene und als Dr. rer. pol. ausgebildete Holger Sandte, der seit 2013 mit seiner Familie in Dänemark lebt und nun als Chefanalyst bei „Danmarks Eksport-og Industriefond“ (EIFO) in Kopenhagen tätig ist, kommentiert:

„Ja, wir leben in einer anderen Welt. Der dänische Export nach Deutschland stagniert. Das zeigt einerseits die Situation der deutschen Wirtschaft, andererseits aber auch die Stärke der dänischen Wirtschaft u. a. durch den DSV-Aufkauf von DB-Schenker oder durch Mœrsk bei der Reederei Hamburg-Süd.“

Sandtes Appell: Deutschland, erwache

Vor der deutschen Bundestagswahl hatte Sandte in der Zeitung „Børsen“ einen Artikel veröffentlicht unter der Überschrift „Deutschland, erwache“ und dabei hinzugefügt, dass es in Dänemark eine andere Demut/Bescheidenheit als in Deutschland gibt und vor allem eine größere Umstellungsbereitschaft. 

Ist das richtig?, fragt Matlok.

Sandte: „Ja, das ist meine Meinung. Die großen Länder betrachten die Lage oft als Status quo und überschätzen dabei manchmal ihre eigene Stärke. Kleinere Länder hingegen wissen, dass sie nicht die Spielregeln bestimmen, also muss man sich anpassen. Unter Ökonomen ist oft die Rede von Flexicurity auf dem dänischen Arbeitsmarkt, aber in Deutschland gibt es große Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Beschäftigungsgarantie geben – zum Beispiel Volkswagen oder Mercedes. Das macht es jedoch sehr schwer, Produktion und Beschäftigung anzupassen, also eine schwierige Aufgabe für solche Unternehmen. Doch andererseits ist es notwendig zum Überleben. Hinzu kommen in Deutschland große Schocks, z. B. durch China, denn heute importiert Deutschland mehr Maschinen aus China als umgekehrt, und die Chinesen liefern auch billigere Autos. Das fordert das deutsche System heraus. Wenn man sich besser darauf einstellen könnte, dann hätte man heute wieder mehr Wachstum in Deutschland.“

Trotz Schuldenbremse: System zu kompliziert 

Sandtes Deutschland-Analyse: „Eine Flasche, die in Dänemark halb voll ist, wird in Deutschland als halb leer betrachtet. Man muss erst einmal die Probleme erkennen. Also kann man z. B. damit rechnen, dass die Energiepreise wieder sinken? Nein, und das gilt auch, wenn man etwa glaubt, dass China auch künftig seine Marktanteile in Europa mit eigenen Produkten nicht weiter ausbauen wird.“

Nach Ansicht von Sandte wird die deutsche Lage auch durch den Föderalismus mit 16 Bundesländern, durch die Entscheidungen im Bundestag und im Bundesrat und auch durch die schwierigen Mehrheitsverhältnisse im Bundestag noch komplizierter. „Dies trägt zu einer Verzögerung im politischen Prozess bei – und dies just in einer sich immer schneller verändernden Welt. Da ist man ganz einfach nicht schnell genug. Auf internationalen Ranglisten fällt Deutschland zurück. Nicht weil in Deutschland alles schlechter wird, sondern weil sich andere Länder eben verbessern.“

Bisheriges Modell: Zu wenig mit kleinen Schrauben

„Zu glauben, man könne sich mit dem bisherigen Modell behaupten, das reicht nicht aus. Das gilt auch für die Erwartungen nach Aufhebung der Schuldenbremse, denn öffentliche Investitionen allein sichern keine Zukunft. Diese Investitionen brauchen auch erst einmal Zeit, und die wichtigsten Investitionen müssten eigentlich von den Kommunen kommen, doch die leiden zurzeit unter großem Geldmangel. Man hat mit der Aufhebung der Schuldenbremse zwar frühere Versäumnisse z. B. bei den Schulen und Kasernen erkannt. Jetzt versucht man, an einigen Schrauben zu drehen, aber es fehlt ein Reformpaket, das alle hinter sich vereinigt. Leider ist Kanzler Merz auch nicht derjenige, der für eine Aufbruchstimmung sorgt, aber er kann die großen Problemfelder, stammend aus der Vergangenheit mit Russland (billiges Gas), USA (garantierte Verteidigung) und China (Autos), auch nicht lösen. Nur hat er jedoch den Fehler begangen, zu viele Versprechungen zu machen, die er gar nicht einlösen kann.“ 

Rente-Pensionen: Von Dänemark lernen

Von Moderator Matlok mit dem Hinweis auf die dänischen Pensionsregeln – schon 1987 nach einer Einigung zwischen dem damaligen Staatsminister Poul Schlüter und den Gewerkschaften angepackt – und auf die aktuelle Rentenkrise in Deutschland angesprochen, wo z. B. Beamte ebenso wie Parlamentarier und auch manche Ärztinnen und Ärzte überhaupt nicht in die Rentenkasse einzahlen, sagte Sandte: 

„Man hätte ja erwarten können, dass die Rentenfrage im deutschen Wahlkampf diskutiert worden wäre, aber das war nicht der Fall. Eine Lektion, die man von Dänemark lernen könnte, wäre die Einführung einer steuerfinanzierten Rente, an der sich dann alle beteiligen. In Deutschland spricht man gern von einem Generationenvertrag, aber viele Menschen werden davon gar nicht umfasst. Erste Voraussetzung ist, dass man umstellungsbereit die Probleme richtig erkennt. Manchmal liegt die Lösung allerdings nicht innerhalb des Systems, wo man hier und da kleine Korrekturen vornimmt. Benötigt wird vielmehr ein Systemwechsel, doch dazu sind die Deutschen nicht bereit. Ich wundere mich z. B. darüber, dass sich deutsche Politiker, wenn sie Kopenhagen besuchen, nur für Fahrradwege und für die Fernheizung interessieren, jedoch nur selten für den dänischen Sozialstaat. Es erfordert in Deutschland viele Änderungen, und deshalb wäre ich auch sehr überrascht, wenn Deutschland hier einen Systemwechsel durchführen würde. Ich erwarte eher, dass man nur kleine Schritte im jetzigen System testen wird – leider.“ 

Deutschland-Kampagne: #SayJatoGermany

Trotz der düsteren Analyse der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Lage: Es gibt doch noch Hoffnung! So hat der dänische Ökonom Erik Fossing Nielsen kürzlich an der Wirtschaftshochschule Mannheim eine Kampagne unter dem Hashtag #SayJatoGermany gestartet – mit der Aufforderung, doch mehr an Deutschland zu glauben. Kollege Sandte war vor der Bundestagswahl skeptisch, er hat aber erst vor wenigen Tagen in „Børsen“ eine neue Länderanalyse über Deutschland verfasst und darin unter der Überschrift „Es regt sich etwas in der deutschen Ökonomie unter der Oberfläche des Nullwachstums“ vorsichtigen Optimismus angedeutet.

Sandte: „Ich habe mir, wenn man alle negativen Schlagzeilen über die deutsche Automobil- oder Chemieindustrie liest, die Frage gestellt, warum schrumpft die deutsche Volkswirtschaft gar nicht, sondern verharrt in einem Nullwachstum.“

Sandte: Etwas tiefer graben, dann lebt die Hoffnung 

Und weiter: „Da fühlen sich dann zwar so manche in ihrer negativen Einschätzung von Deutschland bestätigt, aber wenn man nur etwas tiefer gräbt und wenn man die Zahlen unterhalb der Oberfläche analysiert, dann gibt es durchaus auch etwas Wachstum. Zum Beispiel in der Informations- und Kommunikationstechnik – digital mit neuen Datenzentren im Raum Frankfurt, und es gibt eine lebendige Startup-Szene in München, Köln und Berlin. Gut, das reicht noch nicht aus, um reales Wachstum zu schaffen, aber man sieht doch die Konturen eines neuen Deutschlands.“

Was der in Tingleff geborene Hjalmar Schacht zu sagen hat

Matlok erinnert im Interview an den noch heute umstrittenen, in Tingleff (Tinglev) geborenen, deutschen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht, der als erster auf die Bedeutung der Psychologie für die Wirtschaftsentwicklung hingewiesen hatte, und auch an Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard, der einst gesagt hatte: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie.“

Chefanalytiker Holger Sandte dazu: „Wenn man sich in Deutschland den Herausforderungen mit den großen Schocks durch die Energiekosten und durch China – für Deutschland ein weit größeres Problem als für Dänemark – stellt und sich neu anpasst, dann ist es aber auch eine Frage der Psychologie. Wenn man alles schlechtredet, hilft es niemandem“, so sein Rat – doch mit folgender Einschränkung:  

„Ich kann die Welt nicht besser machen, als sie ist. Wenn sich für Deutschland eine leichte Lösung finden ließe, dann würden sich die klugen ökonomischen Experten schon melden, aber diese einfache Lösung gibt es leider nicht.“

Das gesamte „DK4“-Interview findet sich unter https://youtu.be/-fekrt7qS6c