Kommentar

„Frauentreffen: Vertane Chance für beide Seiten“

Veröffentlicht Geändert
Viele Kandidatinnen, wenig weibliches Publikum beim Frauentreffen in Apenrade

Noch eine gute Woche bis zu den Kommunalwahlen: Jetzt, wo es in den Endspurt geht, sollen bei einem Frauentreffen (endlich) auch die Wählerinnen mit ihren ganz eigenen Themen zu Wort kommen. Wirklich? Ein Kommentar von Simone Mischke.

Es war eine kleine Ankündigung in den sogenannten sozialen Medien für ein „großes Wahltreffen“, Thema: „Frauentreffen“. Man kann sich darüber streiten, ob Frauentreffen nun per se ein Thema sind oder lediglich die Art einer Veranstaltung. Inhaltlich hatte jedenfalls nicht nur ich Fragezeichen im Gesicht. Denn mehr als diese beiden Stichworte fielen nicht bei der Werbung im Netz für das Treffen im Apenrader Kulturhaus „Nygadehuset“ vergangene Woche. 

Kandidatinnen hatten keine inhaltliche Agenda

„Thematisch ist es ja offen – ich finde es gut, die Bürgerinnen kennenzulernen“, sagt die Kandidatin der Jungen Spitzen der Schleswigschen Partei (SP), Dorthe Andresen. So könne sie noch mal ihre Themen vorbringen: Kultur, Freizeit, junge Leute. 

SP-Kandidatin Käthe Nissen hofft, „dass es auch darum geht, mehr Frauen für die Kommunalpolitik zu begeistern.“ Schließlich seien im Stadtrat lediglich ein Drittel Frauen. Und sie hoffe, dass unter anderem die Themen Frauengesundheit und Netzwerke Teil der Gesprächsrunde werden. 

Ich höre mich bei den Bürgerinnen um, die gekommen waren. Die muss ich allerdings erst mal finden, denn: Die allermeisten Frauen im Raum des Nygadehuset sind Kandidatinnen. Ich komme auf rund zehn Damen im Publikum. Die Erwartungen reichen von „mal sehen, wo sie politisch in Sachen Kunst und Kultur hinwollen“ über „wie geht es mit den Plänen für ein Museum am Kilen weiter“ und „was wird aus der Künstlerin, die aus ihren Räumen raus muss“ bis hin zu „ich weiß noch nicht, wen ich wählen soll, vielleicht hilft das hier ein bisschen.“

Das Frauentreffen beginnt, zwei Gesprächsrunden soll es geben, die zweite dann auch mit Kandidatinnen, die bereits im Stadtrat sind. 

Dorthe Andresen von den Jungen Spitzen machte deutlich, dass sie unter anderem ein attraktives Nachtleben für junge Leute schaffen will.

Es folgt ein Abarbeiten von Themen, die man (oder Frau) bereits von anderen Wahlkampfveranstaltungen und/oder aus den Medien kennen dürfte: Wie stärken wir das Ehrenamt? Was tun für das Wohl von Kindern und Familien? Wie Menschen helfen, die einsam sind? Wo und wie Wohnraum schaffen für junge Menschen und Familien, für Ältere? Wie schafft man ein attraktives Nachtleben für junge Menschen? „Das ist alles wenig konkret. Die Themen sind seit vielen Jahren die gleichen“, höre ich in der Pause von einer der Damen aus dem Publikum.  

Und auch ich bin etwas ratlos. Denn unter einem Frauentreffen stelle ich mir etwas anderes vor. Wo, wenn nicht da, soll es denn um frauenspezifische Themen gehen? Und liegt der Spielball nicht auch beim weiblichen Publikum? Viele Fragen, wenig Antworten.

In der zweiten Gesprächsrunde ist es Käthe Nissen, die das in die Runde wirft, was sie sich eingangs als Thema erhofft hatte: „Wie können wir Frauen ermutigen, in die Kommunalpolitik zu gehen?“ Die Moderatorin fängt den Ball, spielt die Frage an die anderen Kandidatinnen: In Workshops Erfahrungen teilen, als Arbeitgeberin oder Arbeitgeber Frauen unterstützen, die in die Politik wollen – eine Frauenquote: eher Nein. Immerhin, am Ende der Gesprächsrunde setzt Käthe Nissen noch ein Ausrufezeichen: „Eine kleine Aufforderung – stimmt für eine Frau.“

Nur ein Drittel im Apenrader Stadtrat sind Frauen: Wenn es nach Käthe Nissen geht, soll sich das ändern.

Konkreter oder umfassender wurde es nicht. Auch Tipps, wie und wo Frauen Netzwerke finden, in denen sie sich gegenseitig stärken, sich womöglich gegenseitig in gute Jobs pushen können – so wie Männer es seit jeher tun – gab es nicht. Also alles bestens in Nordschleswig?  

Gleichberechtigung für Frauen? Es gibt noch viel zu tun!

Doch Frauen, die sich häufig zwischen Familie und Job aufreiben (und in dem Versuch, sich dabei nicht selbst zu verlieren) dürften da widersprechen. Auch die, die in sogenannten Männerberufen – und nicht nur da – immer noch deutlich mehr leisten müssen als ihre männlichen Kollegen, um anerkannt zu werden. Erst recht jene, die dafür auch noch weniger Gehalt bekommen als Männer. Oder die, die als junge Frauen in den Wahlkampf ziehen und dann, nicht nur weil sie jung sind, Hass und Hetze im Netz ausgesetzt sind. Alles Themen für die Hauptstadt-Politikerinnen und Politiker? Sich darauf zurückzuziehen, wäre zu einfach. 

Im Wahlkampf Frauentreffen zu organisieren und damit ein Forum zu schaffen, in dem Frauen sich gegenseitig austauschen können: Ja, das ist eine gute Sache. Doch um vielbeschäftigte Frauen zu solchen Treffen zu locken, braucht es vielleicht mehr als lediglich eine dürre Ankündigung mit dem Stichwort „Frauentreffen“. Inhaltlich mehr Fleisch –  von mir aus auch Veganes – auf den Knochen zu packen, könnte beiden Seiten helfen.

So blieb die Veranstaltung weitgehend an der Oberfläche. Eine vertane Chance – für beide Seiten.