Buchveröffentlichung

„Die Russen kommen“: So ist das neue Werk von Tom Buk-Swienty entstanden

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Tom Buk-Swienty ist derzeit auf Tournee, um sein neues Buch vorzustellen. Während seines Aufenthalts in Nordschleswig wohnt er bei seiner Mutter, die in Sonderburg lebt.

Autor Tom Buk-Swienty zeigt in seinem neuen Buch die letzten Monate Berlins 1945 aus Sicht von vier dänischen Korrespondenten und Diplomaten. Persönliche Briefe, Tagebücher und Erinnerungen offenbaren, wie diese ihren Alltag zwischen Bomben und Chaos meisterten, Rituale pflegten und trotz Gefahr ihre Haltung bewahrten.

Berlin ist eine rauchende Ruine, und mehrere hunderttausend Flüchtlinge strömen in die Stadt. Die Ostfront des Deutschen Reiches kollabiert und die Russen kommen. Und mittendrin: Vier Dänen, die als Korrespondenten und Diplomaten den Untergang der Stadt erleben. Aus diesem Stoff ist Tom Buk-Swientys neues Buch „Russerne kommer“ entstanden, der Abschluss des Vorgängerbuches „Berlin brænder“.

Der 59-jährige Historiker beschreibt in seinem Buch den Untergang Berlins ab Januar 1945 und konzentriert sich dabei auf vier Dänen, die damals in Berlin lebten: die Korrespondenten Paul Ernst Stemann und Arild Hvidtfeldt sowie die Diplomaten Vincens Steensen-Leth und Frederik Holck Colding. 

Vier Zeitzeugen erzählen von 1945

Alle vier haben die letzten Monate Berlins hautnah zwischen Front, Bombardements und Übergriffen auf die Stadt erlebt und Tom Buk-Swienty verknüpft ihre bislang unveröffentlichten Zeitzeugenberichte. 

„Ich war schon immer von der Geschichte fasziniert: der Zweite Weltkrieg, der Fall Berlins, das alles steht exemplarisch für das 20. Jahrhundert. Der Untergang einer Diktatur und der Beginn einer neuen Weltordnung.“ 

Unveröffentlichte Briefe und Tagebücher

Tom Buk-Swienty, Jahrgang 1966, ist Historiker, Journalist und Autor, lebt in Dänemark und bringt mit preisgekrönten Werken historische Ereignisse seiner Heimat sowie persönliche Schicksale näher.

Eine Frage ließ Tom Buk-Swienty nicht mehr los: Wie muss es wohl gewesen sein, das miterlebt zu haben? „Darüber gibt es ja viele Bücher, teilweise auch auf Englisch. Antony Beevors ,Downfall‘ ist ein zentraler Titel dazu. Aber für mein dänisches Publikum wollte ich den dänischen Blick herausarbeiten. Ich hörte, dass dänische Journalisten in Berlin gewesen waren. Das war mir vorher völlig unbekannt.“

Mit dem unpublizierten Manuskript von Paul Ernst Stemann im „Imperial War Museum“ in London begann Tom Buk-Swientys Recherche. „Ich wollte wissen, wie es war, als Däne mitten im zerfallenden Berlin zu sein“, sagt Buk-Swienty. Die Berichte Stemanns ließen ihn nicht los – und seine Recherchen führten den Autor nicht nur in Archive, sondern auch zu den Familien von insgesamt vier Zeitzeugen. „Eine Kiste voller Briefe stand jahrelang auf einem Dachboden einer dänischen Familie. Unveröffentlichte Briefe und Tagebücher, die noch niemand gelesen hatte.“

Ein junger Diplomat schrieb bis zuletzt täglich Briefe nach Hause. „Versenden konnte er sie also nicht mehr, aber sie blieben erhalten, bis seine Tochter sie mir zeigte. Sie hatte gewartet und niemandem die Briefe früher gezeigt.“

„Die Intensität der Bombardierungen war mir nicht bewusst“

Mein Opa und meine Oma kamen gebürtig aus Polen, aus Schlesien und waren Deutsche. Als die Russen kamen, mussten auch sie fliehen.

Tom Buk-Swienty

Die in Dänemark lebenden Nachfahren der Protagonisten begrüßten die Recherche. „Sie waren alle sehr offen, weil sie stolz auf ihre Vorfahren sind.“ 

Diese privaten Quellen spielten eine entscheidende Rolle: „Viele Nachkommen haben Dokumente beigesteuert, darunter Briefe ihrer Großväter“, erzählt Buk-Swienty. Die Recherche zog sich über Jahre hin, unterstützt wurde er dabei von einer jungen Historikerin. „Wir haben uns wie Detektive auf Spurensuche begeben“, berichtet der Autor über die intensive Arbeit.

Beim Schreiben und Recherchieren stieß der Autor auf überraschende Details: „Die Intensität der Bombardierungen – über 400 Angriffe auf Berlin und fast täglicher Beschuss in der Endphase – war mir nicht bewusst. Ebenso überrascht hat mich das Ausmaß des Widerstands, der weit über bekannte Namen wie Stauffenberg hinausging. In den letzten Kriegswochen herrschten Apathie und Chaos in der Bevölkerung, die Zahl der Flüchtlinge war enorm und die Kämpfe besonders brutal.“

„Viele trugen ihr Leben lang seelische Narben davon“ 

Das Buch ist im Verlag „Politikens Forlag“ erschienen.

Was können die Menschen aus den letzten Monaten Berlins 1945 lernen? 

„Krieg hinterlässt Spuren – nicht nur in der direkt betroffenen Generation, sondern manchmal noch viel später. Viele Familien sind bis heute geprägt, manche, selbst wenn sie es nicht wissen. Traumata wirken über Generationen hinweg. Ich sprach mit Menschen, die noch Jahrzehnte später tief beeinflusst waren.“

Beeindruckt hat Tom Buk-Swienty die enorme Überlebens- und Handlungskraft der vier Männer. „Sie teilten sich in verschiedene Häuser auf, um die Gefahr zu verringern. Sie hielten Rituale wie das tägliche Hissen und Einholen der dänischen Flagge aufrecht, einfach, um sich am Leben zu halten und mental stabil zu bleiben. Sie feierten Feste, während um sie herum alles unterging und auf wundersame Weise überlebten alle. Aber viele trugen ihr Leben lang seelische Narben davon.“ 

Die vier Männer aus dem Buch sind seit vielen Jahren tot, starben in den 1970er und 1980er Jahren, eine Person noch in den 1990ern. 

Auch Swientys Großeltern mussten aus Polen fliehen

Bereits für das Vorgängerbuch „Berlin brennt“ hat sich Tom Buk-Swienty intensiv mit der ehemaligen deutschen Reichshauptstadt auseinandergesetzt.

„Russerne kommer“ knüpft direkt an „Berlin brennt“ an. „Es ist das Finale, der Höhepunkt, an dem sich alles entlädt. Es ist die Erzählung eines ultimativen Untergangs, wie sie selten so nah geschildert wurde“, sagt der Autor, der die letzten Monate bis zur Kapitulation Berlins am 2. Mai schildert. 

Die Erzählung endet mit dem Epilog: „Viele wissen nicht, dass unsere vier Hauptpersonen und dreißig weitere Däninnen und Dänen von der Roten Armee nach Russland verschleppt wurden“, sagt Buk-Swienty, und schildert: „Zwei Monate blieben sie verschwunden, ohne dass die Familien in Dänemark etwas erfuhren.“

Auf Deutsch sind die beiden Berlin-Bücher von Buk-Swienty bislang noch nicht erschienen. „Ich hoffe, das kommt noch. Weil ich mir sicher bin, dass der eher neutrale Blick der Dänen einen spannenden Winkel bietet“, sagt der Autor.

Auch in seiner eigenen Familiengeschichte gibt es einen Bezug zur deutschen Geschichte von Krieg und Flucht. „Der Nachname Swienty stammt aus dem Polnischen. Mein Opa und meine Oma kamen gebürtig aus Polen, aus Schlesien und waren Deutsche. Als die Russen kamen, mussten auch sie fliehen.“