Deutsche Minderheit

Die Geliebte des Vaters: Wie Eggert Mumberg ein Familiengeheimnis entschlüsselte

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Eggert Mumberg und die Geliebte seines Vaters Ella Roosa bei einem gemeinsamen Treffen

Der Sonderburger Eggert Mumberg verwandelte ein wohlbehütetes Geheimnis seiner Familie in eine Freundschaft mit einer ganz besonderen Frau in Amerika. Diese unglaubliche Geschichte hat er in dem Buch „10.000 dollars for the son of my lover – oder Die Geliebte meines Vaters“ niedergeschrieben.

Eggert Mumbergs Vater Kurt starb im Zweiten Weltkrieg bei den bitteren Kämpfen an der Front im früheren Schlesien. Für den damals noch kleinen Sohn und seine Mutter in Hamburg war der Vater immer der herzensgute und aufrichtige Mensch, der viel zu früh starb. Der Vater war für den Sohn ein Ideal. Er hatte Theologie studiert, war Lehrer und Soldat mit hohen moralischen Ansprüchen. Dieser Mann war Eggerts großes Vorbild. Das hatte auch die Mutter ihm immer gesagt.

1989 änderte sich dieses Bild. Eggert Mumberg, der heute 85 Jahre alt ist und in Sonderburg lebt, besuchte mit seiner Frau seine Tante Anneliese in Bamberg, die wegen Demenz im Pflegeheim lebte. Sie war die Schwester seines Vaters und eine enge Freundin der Mutter. Bei dem Besuch sprachen sie über Erinnerungen. Fast alle aus der Familie waren bereits verstorben und der Sohn der Tante lebte weit weg in Südafrika. An diesem Tag in Bamberg ließ Tante Anneliese eine Bombe platzen: „Weißt du eigentlich, dass dein Vater ein Verhältnis, eine Geliebte, hatte?“

Sie reichte Mumberg einen Zettel mit der Adresse einer Frau aus der Gegend von New York. Der Name der Frau: Ella. Mit dieser Ella hatte seine Tante Anneliese regelmäßig Kontakt gehabt und sie auch mehrfach in Hamburg besucht. Sie hatte die Tante gefragt, ob Eggert Mumberg aus Dänemark sie beerben wolle. Trotz dieser Anfrage war Eggert Mumberg am Boden zerstört: Sein für ihn immer vorbildlicher Vater hatte eine Affäre gehabt.

Weißt du eigentlich, dass dein Vater ein Verhältnis, eine Geliebte, hatte?

Tante Anneliese

Ella auf Long Island

So kam er auf ein Stück Familiengeschichte, das er sich nie erträumt hatte. Diese Ella in dem großen Haus auf Long Island lernte er in den folgenden Jahren kennen. Sie erzählte ihm, wie sie einst seinen Vater während des Krieges kennen- und liebenlernte. Die beiden trafen sich 1942 an ihrem Arbeitsplatz in der deutschen Wehrmacht, in einer stillgelegten Ziegelei in Aseri im nördlichen Estland. Sie war 24 Jahre alt, er 29.

Kurt Mumberg und Ella waren drei Jahre zusammen, bevor der Wachtmeister wieder an die Front versetzt wurde. Diese besondere Geschichte seines Vaters und dieser Frau hat Eggert Mumberg auf ein Tonbandgerät aufgenommen und niedergeschrieben. So entstand das Buch „10.000 dollars for the son of my lover – oder Die Geliebte meines Vaters“. 40 Exemplare des Buches sind in einer Druckerei in Berlin entstanden.

Die Eltern von Eggert Mumberg haben sich im Zweiten Weltkrieg viele Briefe geschickt.

Ein Buch hat Mumberg der Deutschen Bücherei in Sonderburg geschenkt. 

Kannte sie nur von einem Foto

„Ich hab’ den Namen Ella schon als Kind gehört. Meine Mutter hat mit ihr auch korrespondiert. Mutter muss das gewusst haben. Sie und mein Vater haben sich damals viel geschrieben“, so Mumberg. 

Der Sonderburger hat schon mehrere dicke Bücher mit der Korrespondenz seiner Eltern von damals herausgegeben. Die Briefe seines Vaters von 1941 bis 1944 sind aber nicht dabei. Der Grund: Die Briefe aus dem ganzen Russlandfeldzug sind weg. „Es muss etwas drin gestanden haben, was meine Mutter nicht gut fand. Die muss sie weggeworfen haben“, stellt Eggert Mumberg fest.

Da Eggert Mumberg ein neugieriger Mann ist, wollte er jene Frau in Amerika kennenlernen, die er bis dahin nur auf einem alten Foto des Soldatenfriedhofes Jovhi im Sommer 1944 hinter der Grabstelle seines Vaters stehend gesehen hatte. Für den Sohn des Soldaten Kurt Mumberg begann eine ereignisreiche und sehr spannende Reise in die Gegend von New York. Fünfmal flog das Ehepaar Mumberg nach Amerika zu Tante Ella. „So haben wir eigentlich eine gute Freundschaft aufgebaut“, so Mumberg. 

Ein bewegter Augenblick: Ella Roosa an Kurt Mumbergs Grab

Zurück in die Kriegswirren

Während Ella sich auf ihrem Sofa in ihrem Zuhause in Long Island ausruhte, ließ Eggert sich von der einstigen Geliebten seines Vaters von der dramatischen Zeit im Krieg und der anschließenden Flucht berichten. Alles wurde auf dem Kassettenrekorder aufgenommen und nun in einem Buch veröffentlicht. Ella Roosa starb 2012 in Melville – am Heiligen Abend. Dem Sohn ihres Geliebten vererbte sie 10.000 Dollar.

Ella hatte einen Traum: Sie wollte gern wieder in ihre Heimat Estland. Aber erst, wenn die Russen nicht mehr dort waren. 1994 ging es zum ersten Mal los – für die Mumbergs von Aarhus nach Tallinn in einem alten russischen Frachter für Laster. Ella hat ihre Verwandten und auch die Eltern von Amerika aus finanziell unterstützt. 

Ella auf der Rückseite von Eggert Mumbergs Buch „10.000 dollars for the son of my lover – oder Die Geliebte meines Vaters“

Die Mumbergs wurden herzlich empfangen. „Wir wurden mitintegriert und aufgenommen. Wir verstanden fast nichts. Aber die Korrespondentin Ella hat uns sprachlich geholfen“, so Mumberg. Ihre ursprüngliche Umgangssprache war Estnisch. Deutsch hatte Ella erst richtig im Krieg gelernt. 

„Dort liegt dein Vater begraben“

Der erste Besuch des Grabs seines Vaters im Jahr 1992 ist für ihn immer noch etwas ganz Besonderes. Ella hatte einen Strauß Bauernrosen dabei und die Gruppe fuhr im Volkswagen hinaus zu einem wildbewachsenen Acker. „Dort liegt dein Vater begraben“, meinte Ella. „Das war ein heftiges Erlebnis. Das muss man sagen“, so Eggert, obwohl er seinen Vater nie kennengelernt hatte. Der Wachtmeister Kurt Mumberg starb, als der Sohn vier Jahre alt war.

Das letzte Mal in Estland war Ella sehr schwach. Aber die Gäste schauten sich unter anderem die Stadt Narja an, wo sie einst aufwuchs. 

Eggert Mumbergs Eltern heirateten 1938. Sein Vater wurde 1939 zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen. Erst an die Westfront, ab Sommer 1941 in den Osten, bevor er am 26. Februar 1944 bei Auvere fiel. Zu Ruhepausen und Erholung wurden er und seine Kameraden im estnischen Hinterland stationiert. Im Fischerdorf Aseri wurden Waffen und Fahrzeuge repariert, und in der Schreibstube, wo auch Eggert Mumbergs Vater eingesetzt wurde, saß Ella als Rechnungsführerin und Dolmetscherin. 

Kurt Mumberg zu Pferd

Sie wurde 1917 in Narja als Ella Böckler geboren. 1935 heiratet sie Johann. Nach Jahren in einem russischen Arbeitslager starb er in Estland in Armut. Bei seinem Tod lebte Ella schon in Amerika. Sie gab 1949 im Auffanglager Oldenburg Eduard Ojandu das Ja-Wort. Sie liebten sich, und das Paar emigrierte in die USA. Eduard bekam 1982 einen Schlaganfall und starb 1987.  

Am Heiligen Abend 2012 sprach Eggert Mumberg zum letzten Mal mit Ella. „Sie hatte eine klare Stimme. Ich wünschte ihr ein gutes Weihnachtsfest. Ich hatte Hemmungen, ’froh’ zu sagen, und gab der Hoffnung Ausdruck, dass alle ihre Wünsche in Erfüllung gehen sollten. Am nächsten Morgen, dem 1. Weihnachtstag 2012, rief die Betreuerin an und sagte, dass Ella in der Weihnachtsnacht eingeschlafen war.“

Eggert Mumberg