Deutsche Minderheit

95 Jahre: Carsten Lund öffnet seine privaten Fotoalben

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Carsten Lund in seiner Wohnung in Apenrade. Der gebürtige Tonderaner ist am 23. September 95 Jahre alt geworden.

Carsten Lund überlebte den Zweiten Weltkrieg, Krankheiten und andere Schicksalsschläge. Er könnte Bücher schreiben. Über das Hinfallen, das Aufstehen, das Weitermachen. Eine Zeitreise in zwei Teilen. Erster Akt: über die Hitler-Jugend auf's Dach zur Vaterschaft.

Wo und wie fängt man an, über das Leben eines Mannes zu schreiben, der im September 95 Jahre alt geworden ist? Der mehr erlebt und gesehen hat, als man sich das selbst jemals vorstellen kann? Bei Carsten Lund beginnt alles mit einer Frage: Würdest du uns, dem „Nordschleswiger“, einen Blick in deine privaten Fotoalben gewähren? „Das können wir schon machen. Komm' mal vorbei“, sagt der gebürtige Tonderaner, der seit 1967 in Apenrade lebt.

An Carsten Lunds Wohnungstür im 1. Stock hängt ein Schild, „kommt rein, die Tür ist offen“. Der 95-Jährige trägt graue Hosen und ein rot-weiß kariertes Hemd. Carsten Lund bittet ins Wohnzimmer. Er nimmt auf seinem Lieblingssessel am Fenster Platz. „Der war teuer. Aber sein Geld wert.“

Auf dem Wohnzimmertisch liegen seine Fotoalben bereit. Sie sind teils in Leder gebunden. Carsten Lund knipst eine kleine Lampe vor dem Fenster an. Schlägt das erste Album auf. Zeigt auf ein Foto, auf dem er selbst, seine Schwester und seine Eltern zu sehen sind: Beide waren Nationalsozialisten.

Carsten Lund ist Mitglied in der Deutschen Jungenschaft Nordschleswig – später HItler-Jugend genannt. „Über Juden haben wir da nie was gehört.“ Zwei Jahre vor Kriegsende: Plötzlich bekommen die Jungen andere Uniformen. Armbinden mit Hakenkreuz. Sie sollen den Umgang mit Handgranaten und Gewehren lernen. 

Carsten Lund wird 1930 in Tondern geboren. Auf dem Foto ist er etwa zwei Jahre alt, rechts von ihm seine Schwester Birgitta. Die Eltern Andreas und Helene waren Mitglieder der NSDAP-N.

„Die wollten uns noch in den Krieg schicken, zwei Jahre vor dem Ende. Da hat mein Vater gesagt, Schluss, bleib da mal weg.“ 

Umso weniger versteht der damals 13 Jahre alte Junge, was seine Eltern bewogen hatte, sich den Nazis anzuschließen, in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Nordschleswig (NSDAP-N) einzutreten. „Mein Vater war doch Kirchendiener, ein christlicher Mensch!“ Seine Mutter sei jedoch die größere Nationalsozialistin gewesen, erzählt Carsten Lund. Er vermeidet den Begriff Nazi – das Wort mag er nicht, sagt er. Genauso wenig wie das Wort „Tod“.  

Lange versucht Carsten Lund, von seinen Eltern Antworten zu bekommen. Auf die Frage nach dem „Warum“. Mehrmals spricht Carsten Lund seinen Vater an. Antworten erhält er nicht. Am 8. Mai 1945 wird Andreas Lund, Carstens Vater, verhaftet. „Unsere Eltern wollten nicht, dass wir das mitkriegen. Sie schickten uns weg. Zur Schule. Aber die war ja geschlossen.“ Die Polizei durchsucht die Wohnung, die Kinderzimmer. Findet unter anderem rund 1.500 Kronen. „Die wurden beschlagnahmt. Dafür kriegte meine Mutter eine Quittung.“

Mit der Frage nach dem Warum habe ich abgeschlossen.

Carsten Lund

Carsten Lunds Vater Andreas Lund wird im Faarhus-Lager inhaftiert. Direkt nach dem Krieg und auch später, als er selbst Vater geworden ist, sucht Carsten Lund nach Antworten. „Darüber reden wir nicht mehr, lass' gut sein“, sagt sein Vater. Heute hat Carsten Lund mit der Frage nach dem „Warum“ abgeschlossen, sagt er. 

Neues Leben nach Kriegsende

1945: Während Carsten Lunds Vater für dreieinhalb Jahre inhaftiert ist, geht für den Jungen das Leben los: Die deutschen Schulen sind nach Kriegsende geschlossen, er und seine Freunde vertreiben sich die Zeit mit Gesprächen mit deutschen Soldaten. Deren Rückzug dauert mehrere Monate, in teils kleinen Trupps von 10, 15 Mann ziehen sie durch Nordschleswig, erzählt Carsten Lund.  

„Die kamen ja teils von Skagen runter zu Fuß. Stahlhelme, Waffen, das schmissen sie oft einfach weg, das war ja alles zusätzliches Gewicht, das sie schleppen mussten.“ Einer der Soldaten schenkt dem damals 15 Jahre alten Carsten sein Fernglas. „Dienstglas“ steht auf einer Art Aufkleber. Und eine Waffe: eine Walther PPK 765. 

„James Bond hatte eine Walther PPK. Aber mit neun Millimeter-Kaliber.“ 

Hoch hinaus auf's Dach

Doch statt mit Waffen hantiert Carsten Lund bald mit ganz anderen Dingen. „Ich weiß nicht, wie meine Mutter das geschafft hat. Doch ein Jahr nach Kriegsende konnte ich eine Lehre als Zimmerer in Rothenkrug anfangen.“ Seine Ausbildungsstätte, nicht eine der ersten Adressen, wie er selbst sagt. „Ich wurde oft als Arbeitsjunge ausgenutzt.“

Carsten Lund hält durch. Nach vier Jahren ist er ausgebildeter Zimmerer. Besonders stolz ist er darauf, den Dachstuhl für die dänische Schule in Tondern gezimmert zu haben. „Ich wäre gern auf die Walz gegangen damals. Doch das konnte man zu dieser Zeit nicht einfach so.“ Vor allem nicht, wenn man über die Grenze nach Flensburg wollte. „Es war ja alles rationiert damals.“

Mit knapp 20 Jahren ist Carsten Lund ausgebildeter Zimmerer – und stolz darauf.

Dann geht es bei ihm Schlag auf Schlag. Heute würde man wohl sagen: Die Rush Hour seines Lebens beginnt. 1950 lernt er seine Frau Irma Torp bei einer Tanzveranstaltung in der Schweizer Halle in Tondern (Tønder) kennen. Ein Jahr später muss der damals 21-Jährige zum Wehrdienst nach Esbjerg. 1954 heiraten Carsten Lund und Irma. Noch im selben Jahr kommt Tochter Heinke zur Welt. Das zweite Kind lässt länger auf sich warten: Sohn Carsten wird 1959 geboren.

Kaum ist seine Ausbildung abgeschlossen, muss Carsten Lund doch noch an die Waffe.

„Wir haben es lange versucht, es klappte aber nicht. Dann beschlossen wir, eine Pause zu machen. Als Irma dann doch schwanger wurde, waren wir überglücklich“, erzählt der 95-Jährige offen. 

„Ich bin sehr stolz auf meine beiden Kinder!“

Seine Tochter Heinke ist in Rente, arbeitete zuvor in der Hotelbrache. Sohn Carsten ist Vermögensverwalter in Hamburg. 

Die beiden Kinder Carsten (links) und Heinke (Mitte)

Stolz ist Vater Carsten Lund auch auf die Häuser, die er im Lauf seines Lebens kaufte und als Zimmerer stetig umbaute. In diesem Beruf geht er aber nicht in Rente: Die Arbeit ist zur damaligen Zeit zu hart. 

„Wir mussten ja alles auf der Schulter schleppen.“ 

1967 beginnt deshalb für Carsten Lund ein neues Kapitel. Er bekommt einen Job als Hausmeister in der Deutschen Zentralbücherei Nordschleswig in Apenrade. 

Die Expertise des Nordschleswigers ist aber bis heute gefragt: Vor zwei Jahren interviewt ihn der Sender „Danmarks Radio“ („DR“) für einen Beitrag über historische Häuser, wie der 95-Jährige  stolz erzählt. 

Im zweiten Teil der Serie blättern wir weiter durch die Fotoalben: Wie Carsten Lund über die Arbeit in der Bücherei zu einem besonderen Kunstwerk kam, wie nah Erfolg und Schicksalsschläge beieinander liegen können und warum er sich immer noch einmischt, wenn es darum geht, Lehren aus dem dunklen Kapitel deutscher Geschichte zu ziehen. Den Beitrag gibt es in Kürzehier.

1954 kauft Carsten Lund sein erstes Haus in Tondern (Foto links): für damals 16.000 Kronen.