Aus für Julian Reichelt

Bild-Welt war messerscharf gezeichnet in Schwarz und Weiß

Bild-Welt war messerscharf gezeichnet in Schwarz und Weiß

Bild-Welt war messerscharf gezeichnet in Schwarz und Weiß

SHZ
Kiel
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Ist seinen Job bei Bild los: Julian Reichelt. Foto: Bernd von Jutrczenka

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Ein Insider berichtet: Wie Julian Reichelt Bild prägte und warum sein Scheitern vorhersehbar war

Bild-Jahre zählen doppelt. Dieser Spruch kursiert unter aktuellen Mitarbeitern ebenso wie unter ehemaligen Angestellten. Nach dieser Rechnung habe ich rund 25 Jahre bei dem „Blatt mit den vier Buchstaben“ verbracht, zuletzt als stellvertretender Redaktionsleiter bei Bild Hamburg. „Nach der Silberhochzeit war Schluss“, so könnte die Überschrift lauten.

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Die Trennung hätte allerdings nicht für eine Story getaugt. Keine Schlammschlacht, kein Streit ums Geld, keine „Neue“. Beim Axel-Springer-Verlag stand ein struktureller Umbau an, ich schleppte den Wunsch nach Veränderung mit mir herum – man ging im Guten auseinander. Ein Jahr später (nach herkömmlicher Zeitrechnung) bekam ich beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag die Möglichkeit zum Neuanfang. Und wenn ich mich jetzt dazu durchgerungen habe, meine Sicht auf die Entwicklungen bei Bild aufzuschreiben, die zum Aus für Julian Reichelt als Chefredakteur geführt haben, dann hat das ganz sicher nichts mit nachkarten zu tun.

Bild lässt niemanden los

Es ist nur so, dass Bild etwas mit dir macht. Etwas, das dich wieder einholt, sobald bei Bild etwas passiert. Wie seismische Wellen, die man spürt und die einen schwanken lassen, auch wenn das Epizentrum des Bebens weit weg ist. Der Rauswurf von Julian Reichelt ist ein Beben der Stärke 10. In gewisser Weise führt der Erdbeben-Vergleich zum Kern des Bild-Problems. Erdbeben passieren einfach, die Natur bricht sich buchstäblich Bahn, man kann noch so viel darüber wissen und doch nichts dagegen tun. Bei Axel Springer dagegen hat man nicht gesehen (oder nicht sehen wollen), dass eine Kultur, die nach außen und auch intern ausschließlich auf Spannung, Druck und Konfrontation beruht, früher oder später zur Katastrophe – und das ist der Fall Reichelt für den Verlag zweifellos – führen musste.

Ich habe Julian Reichelt immer für seinen Mut bewundert. Für den Mut, aus den Krisenregionen der Welt zu berichten, genauer gesagt: von der Front. Er hätte für seinen Beruf, der ohne Wenn und Aber seine Berufung ist, sein Leben gegeben. Natürlich ist es ein Unterschied, ob jemand in einem Schützengraben liegt oder auf einem Feldbett in seinem Büro in der Chefetage. Dennoch: Auch seine Aufgabe bei Bild ist Julian Reichelt mit geradezu existenziellem Eifer angegangen.

Bild-Welt gezeichnet in schwarz-weiß

Ja, Bild wurde unter ihm wieder lauter, krawalliger, bisweilen hässlicher. Da blieb kein Platz für Grautöne, die Bild-Welt war messerscharf gezeichnet in Schwarz und Weiß. Persönlich hatte ich damit mehr als einmal Probleme, für die Marke und ihr Profil schien mir der eingeschlagene Weg trotzdem richtig.

Reichelts Bild musste man nicht mögen, aber ernst nehmen. Nach außen hat Bild unter Julian Reichelt aus allen Rohren gefeuert. Darüber wurde übersehen oder ignoriert, dass die Redaktion implodiert. Denn es war einem exklusiven Kreis vorbehalten, über die heißen Eisen, die Bild regelmäßig anfasst, offen zu diskutieren. Für alle anderen galt: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, wer nicht mitzieht, begeht Fahnenflucht.

Schützengraben-Mentalität als Führungsprinzip

„Der Chefredakteur wünscht…“, lautete eine gängige Einleitung, wenn eine Idee, die im 16. Stock des Springer-Hochhauses in Berlin geboren wurde, als kaum verhohlener Befehl mit militärischem Eifer durch die einzelnen Ressorts bis in die Lokalredaktionen durchdelegiert wurde. Julian Reichelt hat die Schützengraben-Mentalität zum Führungsstil erhoben, deshalb konnte er sich oft genug auf den vorauseilenden Gehorsam verlassen.

Man kann das so schreiben, er hat ja selbst keinen Hehl daraus gemacht. Es war „JR“ auch völlig klar, dass er sich jede Menge Feinde machte, als er reihenweise mit führenden Köpfen im Hause brach und an deren Stelle eine neue Elite etablierte, seine Truppe. Vielleicht braucht ein Kriegsreporter das ja sogar, Freund und Feind. Normale Menschen mit normalen Jobs in einer Redaktion brauchen das nicht.

Schlammschlacht für den einen und Kraftakt für die anderen

Julian Reichelt hat Bild zu seiner Sache gemacht – und jetzt? Wie ist es um ein Unternehmen bestellt, in dem der Vorstandsvorsitzende der Belegschaft in einem Video allen Ernstes, aber ohne sichtliche Erschütterung erklärt, dass sich ihr Chef seit Monaten zwischen sexuellen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen und einer (Schlamm-)Schlacht mit von ihm kaltgestellten Ex-Bild-Männern abgearbeitet hat, während man der Redaktion den Kraftakt Bild TV zumutete? Um sich nach Aufnahme des Videos „nach Washington“ zu verabschieden. Entschuldigung, wie abgehoben ist das denn?

Die Scherben zusammenfegen, den Laden erden, und vor allem: Vertrauen und Respekt der eigenen Leute zurückgewinnen – um diese Aufgabe ist der neue Chef bei Bild nicht zu beneiden. Die nächsten Monate zählen doppelt, mindestens.

Der Autor

Guido Behsen (49) kam 2007 von der Hamburger Morgenpost zu BILD, zunächst als Ressortleiter in der Nachrichtenredaktion, später war er stellvertretender Redaktionsleiter bei BILD Hamburg. 2020 schied er aus dem Unternehmen aus. Seit Mai 2021 ist Guido Behsen beim zu unserer Verlagsgruppe gehörenden Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) als Reporterchef tätig.

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