Deutsche Minderheit

Edgar C.: „Die Kinder waren für mich immer das Wichtigste“

Edgar C.: „Die Kinder waren für mich immer das Wichtigste“

Edgar C.: „Die Kinder waren für mich immer das Wichtigste“

Sonderburg/Sønderborg
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Edgar Claussen zwischen den vielen Rhönrädern an der Deutschen Schule Sonderburg Foto: Karin Riggelsen

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Der Lehrer der Deutschen Schule Sonderburg geht nach 27,5 Jahren in Rente. Aber eine Sportart gibt er nicht auf. Welche das ist, verrät er dem „Nordschleswiger” im Gespräch.

Viele können sich die Deutsche Schule Sonderburg ohne den durchtrainierten, ausgeglichenen, aber nicht zuletzt auch unglaublich zielstrebigen und engagierten Mann gar nicht vorstellen.

Aber am Mittwoch, 31. Januar, ist es der letzte Tag des 66-jährigen Edgar Claussen. Nach 27 Jahren und sechs Monaten verabschiedet sich der Lehrer für Mathematik, Physik, Sport und Werken von den vielen Schülerinnen und Schülern und dem Kollegium.

Liebe auf den ersten Blick

Bei einem Gespräch im sonnendurchfluteten Büro der Schulleiterin erzählt Edgar Claussen, wie er einst nach Sonderburg kam. „Ich arbeitete damals an einer Schule in Gelting und hatte beim Deutschen Schul- und Sprachverein in Apenrade eine Bewerbung abgeliefert. Da rief der damalige Schulleiter in Sonderburg, Helmuth Petersen, plötzlich an. Er lud mich zu einem Vorstellungsgespräch ein. Auf meine Frage wann, meinte er: Heute“, so Claussen, der einwilligte. Er musste aber erst noch den Unterricht des Tages durchziehen.

 

Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Für mich war die Schule wie ein Zuhause. Daran hat sich nie etwas geändert. Ich habe die Schule gelebt.

Edgar Claussen

Um 18 Uhr saß er im Lehrerzimmer der Deutschen Privatschule Sonderburg, wo er auf Fragen antwortete. „Man kann es ja eigentlich nicht so sagen – aber es war Liebe auf den ersten Blick! Helmuth meinte sofort: Der passt. Den wollen wir haben“, so Edgar Claussen lächelnd.

Schule ist wie ein Zuhause

So begann für den gebürtigen Dithmarscher an der kleinen Schule in der südlichen Ecke Dänemarks eine Arbeit, wo er selbst vieles bewegen konnte. Er begann als Klassenlehrer der 1. Klasse: „Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Für mich war die Schule wie ein Zuhause. Daran hat sich nie etwas geändert. Ich habe die Schule gelebt.“

Edgar Claussen: Seine Lieblingsfarbe ist Gelb – wie die Sonnenstrahlen. Sein Lieblingsgericht ist Wildhase, den früher sein Vater schoss. Edgar Claussen liebt generell Wildgerichte. Foto: Karin Riggelsen

Für Claussen, den Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern, begann am Alsensund eine neue Epoche voller guter Erlebnisse. „Der Umgang mit Kindern war für mich immer das Wichtigste. Leuchtende Kinderaugen und Gesichter sind für mich einfach das schönste Lob“, stellt er selbst nach über 27 Jahren an der DSS fest.

Eine starke Frau

Und „nebenbei“ traf er im Lehrerzimmer obendrein seine Inke Hansen, mit der er seit Jahrzehnten in Flensburg (Flensborg) lebt und jeden Tag nach Sonderburg pendelt. Edgar Claussen brachte die beiden Jungen Julian Morten (38) und Jon Matthies (35) mit in die Beziehung. Mit seiner großen Liebe Inke kamen Jule (22) und Jasper (19) hinzu.

Dass sie an derselben Schule arbeiten, ist für Edgar ein großes Plus: „Für uns ist es ganz toll. Wir reden über dieselben Kinder, und es ist schön, nicht nur das Privatleben, sondern auch die Arbeit zusammen zu haben. Inke hat mir immer den Rücken freigehalten. Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Das stimmt.“

Mehr Bewegung für alle Kinder

Der durchtrainierte Sportler Edgar Claussen hatte Ideen und Initiativen, die in Sonderburg bereitwillig umgesetzt wurden. Er schlug schon vor 15 Jahren – bevor so viele Menschen passiv Computer und Handys nutzten – vor, dass die Kinder sich in den Pausen mehr bewegen sollten.

Der Umgang mit Kindern war für mich immer das Wichtigste. Leuchtende Kinderaugen und Gesichter sind für mich einfach das schönste Lob.

Edgar Claussen

„Die Turnhalle sollte geöffnet werden. Erst waren einige kritisch, aber die Befürchtungen waren unbegründet. Die Sportgeräte wurden vom ersten Tag an eifrig benutzt, und nichts ging kaputt. Alles funktioniert – 50 bis 60 Kinder bewegen sich. Sport ist nicht nur gut für Herz, Kreislauf und Muskeln. Auch das Gehirn kann plötzlich gründlicher arbeiten.“

Abenteuer, Sport und Klettern

Ein weiteres Sportprojekt findet auf Initiative Claussens jeden Freitag statt. In den ersten Stunden heißt es an der DSS „Abenteuer, Sport und Klettern“ für die Jüngeren. „Viele kleine Kinder sind heute unsicher und motorisch unterentwickelt“, stellt Claussen fest.

Deshalb baut er am letzten Werktag der Woche morgens in der Sporthalle eine Bahn auf, wo die Kinder balancieren und klettern können. Meistens ohne Matten. „Nur dort, wo es eine Gefährdung gibt, werden Matten ausgelegt“, so Claussen. Wo die Vorklasse anfangs noch sehr vorsichtig ist, werden die Mädchen und Jungen schnell sicherer und selbstbewusster.

Edgar Claussen Foto: Karin Riggelsen

„Die Schülerinnen und Schüler freuen sich. Man bremst oder hilft den Kindern, aber sie bestimmen selbst ihr Tempo. Einige brauchen ein wenig länger. Das ist einfach toll“, stellt Claussen zufrieden fest. Sein Projekt ist ein Erfolg. Bei einem Vergleich mit anderen Schulen aus ganz Schleswig-Holstein lagen die Schülerinnen und Schüler aus Sonderburg motorisch ganz vorn.

Die einzigen Dänen beim Marathon

Ein weiteres Claussen-Ding ist die jährliche Teilnahme am Marathon auf Helgoland: „Wir sind die einzige Schule aus Nordschleswig, und wir sind seit zwölf Jahren dabei. Einmal haben wir sogar gewonnen. Bei solchen Aktionen wie dem Triathlon wird man mithilfe von YouTube landesweit bekannt. Das hat ringsum der Deutschen Schule Sonderburg viel Aufmerksamkeit beschert.“

Auch für eine Lehrerin oder einen Lehrer hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel geändert. „Durch Computer und Freizeitbeschäftigung sind die Schüler heute nicht mehr so bereitwillig. Früher waren die Kinder bei Meisterschaften einfach ehrgeiziger“, stellt Claussen fest.

Per Zufall zum Rhönrad

Wer Edgar Claussen sagt, denkt aber sofort an eine bestimmte Sportart: das Rhönrad. Vor 16 Jahren begab sich der Sportlehrer in Sonderburg auf eine ganz neue Spur. Er hatte das Rhönradturnen in Gelting schon mal gesehen. In Tingleff (Tinglev) standen fünf dieser Räder, die nie genutzt wurden. Diese fünf wurden der Einstieg zu einer neuen Sportart der Turnerschaft Sonderburg, die seither weit und breit die Deutsche Schule Sonderburg bekannt gemacht hat. Aber so ist Edgar Claussen – er kniet sich rein. Heute verfügt die TS über 35 Räder.

Edgar Claussen und Jessica Vosooghi Fetrat beim Training für die WM in Amerika Foto: Karin Riggelsen

45 Kinder trainieren konzentriert jede Woche, und seit zehn Jahren arrangiert die TS eine Danish Open. Mittlerweile kommen so viele Sportlerinnen und Sportler aus dem In- und Ausland zur dänischen Meisterschaft, dass das Treffen in diesem Jahr auf zwei Tage verteilt wird.

Rhönrad liegt ihm am Herzen

Ein weiterer diesbezüglicher Höhepunkt war 2016. In dem Jahr reisten Edgar Claussen und die Rhönrad-Sportlerin Jessica Vosooghi Fetrat nach Cincinnati zur Weltmeisterschaft. „Jessica war von Anfang beim Rhönrad dabei. Hätte ich damals genauso viel gewusst wie heute, dann wäre sie noch viel weiter gekommen. Sie hatte ein großes Talent“, meint er.

Rhönrad liegt ihm nun mal am Herzen. Deshalb wird er diesen Sport in Sonderburg auch nach seinem Einstieg ins Rentenalter weiterleiten. „Das kann ich einfach nicht abgeben“, meint er. 

Der 23. Marathon in Berlin

Womit wird sich der Rhönrad-Mann dann die freien Stunden vertreiben? „Ich bin ein Läufer. Ich werde im Herbst bei meinem 23. Marathon in Berlin dabei sein. Am 1. Februar beginnt das Training“, so Edgar Claussen lächelnd. Bei ihm passiert beim Laufen ganz viel im Kopf, ein halber Marathon wäre für ihn keine richtige Herausforderung. Es müssen ganze 42,195 Kilometer sein.

Ein weiteres Hobby ist das Skifahren in Neukirchen am Großvenediger. Dort spannt sich der Sportler aus Flensburg Felle unter die Skier, stapft die Berge hoch und saust anschließend in fremden Tälern wieder hinunter: „Wenn man ganz oben steht, ist man weg. Von jeglichem Trubel.“

Edgar Claussen weiß: Die Kinder und die vielen guten Erlebnisse werden ihm fehlen: „Aber ich schaue mit Freude zurück. Ich kann mich über so unglaublich viel freuen. Ich bin dankbar, dass ich so viel Gutes erlebt habe.“

Die Turnerschaft Sonderburg verfügt heute über 35 Rhönrad-Räder. Foto: Karin Riggelsen
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