Gleichstellung

Warum braucht die deutsche Minderheit ein Frauenforum, Ruth und Hannah?

Warum braucht die deutsche Minderheit ein Frauenforum, Ruth und Hannah?

Warum braucht die deutsche Minderheit ein Frauenforum?

Apenrade/Aabenraa
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Ruth Candussi (l.) und Hannah Dobiaschowski haben ein Frauenforum gegründet. Foto: Karin Riggelsen

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Rund 20 Frauen haben sich Ende April im Haus Nordschleswig in Apenrade getroffen, um sich auszutauschen. Das nächste Treffen findet in der kommenden Woche in Tondern statt. Was dahintersteckt und wer an dem Frauenforum teilnehmen kann, erklären die beiden Initiatorinnen Hannah Dobiaschowski und Ruth Candussi im Interview.

Wie sollen sich die Frauen in der deutschen Minderheit austauschen, wenn sie sich gar nicht kennen? Das hat sich „Nordschleswiger“-Mitarbeiterin Hannah Dobiaschowski gefragt und Ruth Candussi, Sekretärin der Schleswigschen Partei, eine E-Mail geschrieben. Was dann passiert ist, erzählen die beiden Frauen im Interview.

Wie ist es dazu gekommen, dass ihr ein Frauenforum gegründet habt?

Hannah: Mein Hintergedanke, um das Ganze in die Wege zu leiten, war einfach, dass wir Frauen in der Minderheit uns gar nicht gut genug kennen. Das Forum soll dazu dienen, miteinander in Kontakt zu treten und zu erfahren, wer die anderen überhaupt sind. Auch Ruth und ich haben davor nie viel miteinander zu tun gehabt, obwohl ich wusste, dass sie sich für die gleichen Themen einsetzt, und trotzdem sind wir nie zusammengekommen, weil es keine Basis dafür gab. Und das ist der erste Schritt, uns Frauen zusammenzubringen. Ich habe darauf gewartet, dass jemand anderes so etwas macht, aber das passiert natürlich nicht, deshalb musste ich das selbst in die Hand nehmen. Aber allein wollte ich das nicht, und dann dachte ich, Ruth ist die beste Ansprechpartnerin.

Ruth: Es gibt viele Männernetzwerke, und deshalb benötigen wir ein Frauennetzwerk, um uns einfach kennenzulernen, um miteinander zu sprechen. Innerhalb der Minderheit gibt es viele Veranstaltungen über das Jahr verteilt. Aber das ist nicht der Raum, wo man mal von Angesicht zu Angesicht mit anderen Frauen spricht und sie kennenlernt und fragt: Was machst du eigentlich? Was arbeitest du? Wie bist du dahingekommen? Wo willst du hin?

Für Hannah Dobiaschowski ist es wichtig, dass Frauen in der Minderheit die Möglichkeit haben, sich untereinander zu vernetzen. Foto: Karin Riggelsen

Wenn ihr sagt, es gibt viele Männernetzwerke, was meint ihr dann damit?

Hannah: Mein Schlüsselmoment war, als ich in Tingleff gesehen habe, dass es da eine Männerkochgruppe gibt. Ich habe durchs Fenster geguckt und gesehen, wer da alles steht, und dann dachte ich: Hier passiert die Politik. Da reden die über alles Mögliche, aber eben sicherlich auch über wichtige Sachen. Das war der Moment, wo ich dachte, das müssen wir auch machen. Die machen das bestimmt nicht mit Absicht, um einen Vorsprung zu haben und andere auszubooten. Aber das ist einfach eine gewachsene Struktur, und die funktioniert wunderbar für die. Und das brauchen wir auch. Mein Gedanke war nicht, gegen irgendetwas zu sein, sondern einfach für uns Frauen. Wir müssen für uns eine Begegnungsebene schaffen, und dann können wir in den Strukturen, die wir brauchen, etwas Neues erschaffen.

Wer ist die Zielgruppe?

Ruth: Frauen. Das ist auch vollkommen legitim, finde ich, ohne dass das jetzt als Kampfansage verstanden werden muss. Wir sorgen jetzt einfach für uns. Aber ich kann es natürlich auch nicht lassen zu sagen, ich will wohl, dass sich etwas verändert. Es gibt Bewegungen in der Gesellschaft, in der Politik und in der Wirtschaft, die in Richtung Offenheit, Inklusion, Diversität gehen, und die kann man nicht aufhalten. Das muss auch die deutsche Minderheit erkennen, da kann man nicht gegenan arbeiten. Gerade wir als Minderheit sollten ein Interesse an Diversität, Offenheit, Inklusion und Gleichberechtigung zeigen. Ich verstehe, dass Minderheiten oft einen konservierenden Gedankengang haben, wir müssen uns bewahren und erhalten. Aber diese Strategie funktioniert auf lange Sicht einfach nicht mehr.

Hannah Dobiaschowski (l.) und Ruth Candussi wollen neue Strukturen für Frauen schaffen. Foto: Karin Riggelsen

Wie kann ein Frauenforum zur Gleichstellung beitragen?

Ruth: Indem man zusammensitzt und Dinge anspricht und eine Gruppe schafft, in der man sich austauscht. Das kann auch helfen, wenn es etwa darum geht, Positionen neu zu besetzen oder neue Vereine zu gründen. Wenn man diesen Pool hat, in den man einfach mal einen Gedanken oder eine Frage reinwerfen kann, trägt das schon zur Gleichstellung bei.

Hannah: Wenn jemand mal Größeres vorhat, dann weiß die Person, dass das Frauenforum Rückhalt bieten kann. Man hat dann plötzlich auch eine Gruppe, die hinter einem steht. Und außerdem können wir dafür sorgen, indem es uns gibt, dass man an uns auch einfach irgendwann nicht mehr vorbeikommt.

Was würdet ihr sagen, wenn jemand sagt, es gibt schon Gleichstellung in der Minderheit?

Ruth: Dann verweise ich immer gerne auf die Statistik des „Nordschleswigers“. Es gibt ein Ungleichgewicht. Die Gleichstellungspolitik der deutschen Minderheit zielt auf die Führungsebene, und da gibt es einfach eine Schieflage. In dem Moment ist es egal, dass es beim Sozialdienst mehr Familienberaterinnen gibt als Familienberater und mehr Pädagoginnen als Pädagogen in den Kindergärten und Schulen. Gleichstellung können wir nicht heute angehen und morgen ist das Problem gelöst, das ist ein Prozess. Und auf diesen Prozess muss man sich einlassen.

Hannah: Die Reaktionen auf unser Frauenforum zeigen recht deutlich, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Wenn da höhnisch auf das reagiert wird, was wir jetzt tun und ins Leben gerufen haben, dann ist das ein recht deutliches Zeichen. Die Reaktionen geben einem das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Das finde ich einfach schräg, wenn einerseits gesagt wird, Frauen sollen nicht immer meckern, sondern selbst etwas tun, und dann macht man etwas und bekommt das Gefühl, dass es doch nicht gewünscht ist.

Ruth Candussi glaubt, dass es in der Minderheit einen Bedarf für ein Frauenforum gibt. Foto: Karin Riggelsen

Wie geht es jetzt weiter mit dem Frauenforum?

Ruth: Wir haben einen Antrag für Fördermittel beim BDN (Anm. d. Red: Bund Deutscher Nordschleswiger) gestellt und einen Zuschuss bekommen. Den brauchen wir jetzt, um das Forum weiter aufzubauen. Die Mittel stammen aus dem Informationstopf, die der BDN zur Verfügung stellt für Informationsprojekte, die innovativen Charakter haben. Das Projekt muss der ganzen Minderheit etwas bringen, das, fanden wir, passt gut zu unserem offenen Forum.

Hannah: Uns gefällt diese offene Form, wo man sich einbringen und teilnehmen kann, wie es für einen selbst am besten ist. Wir wollen herausfinden, was wir für Strukturen brauchen, und dann machen wir das so, wie es für uns passt. Das können zum Beispiel Veranstaltungen sein, so wie nächste Woche Dienstag.

Ruth: Randi Damstedt und Louise Thomsen Terp von der Schleswigschen Partei werden aus ihrer Arbeit im Stadtrat in der Kommune Tondern berichten. Jede ist herzlich willkommen, dabei zu sein. Das Frauenforum ist ein Angebot für alle Frauen, die Lust haben, sich auszutauschen.

Die nächste Veranstaltung des Frauenforums der deutschen Minderheit findet am Dienstag, 27. September, ab 18.30 Uhr in der Deutschen Bücherei in Tondern statt (Popsensgade 6). Wer Lust hat, an dem Treffen teilzunehmen, kann sich bis Freitag, 23. September, bei Marie Medow unter tondern@buecherei.dk oder telefonisch unter 74 72 33 59 anmelden.

Frauen, die am Forum interessiert sind, in der nächsten Woche aber keine Zeit haben, können sich an Hannah Dobiaschowski unter hdo@nordschleswiger.dk oder Ruth Candussi unter candussi@bdn.dk wenden.

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Leserinnenbeitrag

Margrethe Terp
„Urlaub mit Hilfe im Haus Quickborn“