Coronavirus

Skifahrender Chefredakteur von Schutzmaßnahmen eingeholt

Skifahrender Chefredakteur von Schutzmaßnahmen eingeholt

Skifahrender Chefredakteur von Schutzmaßnahmen eingeholt

Nordschleswig/Sønderjylland
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Selfie aus dem Home-Office: Chefredakteur Gwyn Nissen ist in Quarantäne und muss wie viele andere in Dänemark von zu Hause aus arbeiten. Foto: Gwyn Nissen

Tag 1: Er ist gesund und hat keine Symptome, doch eine Skifahrt nach Tirol wurde ihm zum Verhängnis: Chefredakteur Gwyn Nissen ist in Quarantäne. Das heißt, 14 Tage von zu Hause arbeiten – und keine sozialen Kontakte. Was es sonst noch mit sich führt, beschreibt er in seinem Quarantäne-Blog.

Es stürmt draußen, und daran ist nicht nur das Wetter schuld. Als sich die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen am Mittwochabend ganz in Schwarz gekleidet vor Presse und Volk stellte, war von Beginn an klar: Diesmal ist es ernst. Jeder von uns trage die Verantwortung, dass sich der Coronavirus nicht verbreite, so die Staatsministerin. Als die neue „Mutter der Nation“ fertig war, hatte sie Dänemark praktisch geschlossen und den Ausnahmezustand erklärt.

Da blieb auch mir nichts anderes übrig, als zum Telefon zu greifen, um die Gesundheitsbehörde anzurufen. Donnerstag war ich zum Skifahren nach Tirol gereist. Österreich war da noch ein „gelbes Land“, doch bereits vor der Ankunft in den Bergen war Tirol orangefarbene Zone – und Mittwochabend wechselte die Farbe schließlich auf Rot.

Bedeutete dies nun Quarantäne, wenn man vor drei Tagen heimgekehrt war? Ja, so die nette Mitarbeiterin in der Behörde. Und für meine Frau? Ja, wenn du mit ihr zusammen warst. Quarantäne. Das Wort hallte im Kopf.

Quarantäne – was bedeutet das?

Und nun? Gleich am Abend wurden im Netz die Anweisungen der Gesundheitsbehörde studiert: Keine sozialen Kontakte, das heißt von zu Hause aus arbeiten, keine Einkäufe tätigen, kein Familienbesuch und Verabredungen absagen. Im Laufe der ersten Stunden geht so einiges durch den Kopf, und so langsam werden die Konsequenzen klar. Quarantäne, das ist ein lebenseinschneidender Zustand – auch wenn ich nicht krank bin oder irgendwelche Symptome habe.

Der erste richtige Quarantänetag am Donnerstag war vor allem mit vielen praktischen Entscheidungen verbunden. Vor 8 Uhr glühten die Telefone bereits im Haus – es gab viel zu klären, denn auch „Der Nordschleswiger“ ist von den Anweisungen der Gesundheitsbehörde betroffen.

Verantwortung für viele

Auf der einen Seite muss der Nachrichtenfluss digital und in der Zeitung gewährleistet sein, auf der anderen Seite wollen wir auch als ein verantwortungsbewusster Arbeitsplatz auftreten, das heißt, sowohl den Mitarbeitern als auch den Bedürfnissen der Gesellschaft gerecht werden. Wir müssen zusammenstehen, sagte die Staatsministerin.

Also haben wir Donnerstag die Mitarbeiter nach Hause geschickt, die von dort aus arbeiten können. Computer wurden abgebaut und zu den Mitarbeitern gebracht, neue Dienstpläne wurden erstellt, wer macht was – und wie. Wir regeln alles digital über eine Videokonferenz, denn auch die Führungsriege sitzt nicht zusammen.

Die Webseite legt sich flach

Die neuen Arbeitsabläufe werden getestet – und dann stürzt unsere Webseite auch noch ab. Irgendwie fühle ich mich zu Hause weit ab vom Schuss, doch auch im Medienhaus hätte ich nichts ausrichten können. Endlich läuft die Seite wieder – es war wohl weder der Coronavirus noch der Sturm, der draußen tobt. Es ist das Hosting – hat also doch etwas mit Husten zu tun.

Indes arbeiten die Kollegen fleißig weiter – von wo auch immer. Die Webseite füllt sich mit Nachrichten – meist über die Konsequenzen des Coronavirus in Dänemark, in Nordschleswig, in der Minderheit und vor der Haustür.

Und auch das haben wir entschieden: Bis Montag erscheint die Tageszeitung „Der Nordschleswiger“ noch normal, doch ab Dienstag wird es eine Nordschleswiger-Einheitsausgabe geben – ohne die üblichen Lokalseiten. Stattdessen wird es drei bis vier „Nordschleswig-Seiten" mit Nachrichten aus dem gesamten Landesteil geben. Auf nordschleswiger.dk dagegen läuft alles wie gehabt.

Ein normaler Arbeitstag

Das fühlte sich fast wie ein ganz normaler Arbeitstag mit Problemlösungsaufgaben an und nicht wie eine Quarantäne. Wobei ich ja auch nicht im Urlaub bin, sondern wie alle anderen Kollegen von zu Hause aus arbeite. Die neue Informationstechnologie macht dies schon lange möglich. Doch statt vereinzelt sitzen wir jetzt fast alle zu Hause, und das ist schon gewöhnungsbedürftig, wenn man nicht mehr quer über den Flur gehen – oder rufen – kann.

Die ersten drei Tage habe ich seit meiner Rückkehr am Montag bereits abgesessen – es bleiben also noch elf Tage in Quarantäne. Wie das wohl wird? Draußen stürmt es noch – in unserem Leben ist es aber irgendwie ungewöhnlich ruhig geworden. Trotz oder vielleicht wegen des Coronavirus.

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